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Rheinland-Pfalz & Saarland Historiker untersuchen Schicksal von "Amerikanerkindern"

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Wer an Mosel, Rhein oder im Westerwald lebt, hat vielleicht familiäre Bindungen in die USA, ohne es zu wissen - nach dem Ersten Weltkrieg waren Beziehungen zu US-Soldaten ein Tabu. Ein Forschungsprojekt geht ihren Spuren nach.

Mainz (dpa/lrs) - Der vor 100 Jahren in Andernach geborene Schriftsteller Charles Bukowski war eines von vielen "Amerikanerkindern": Diesen Kindern aus Verbindungen mit US-Soldaten im amerikanischen Besatzungsgebiet nach dem Ersten Weltkrieg widmet sich jetzt ein Forschungsprojekt des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz.

"Viele heutige Nachfahren wissen gar nicht, dass sie einen amerikanischen Großvater haben", sagt Projektleiter Kai-Michael Sprenger. Denn die Soldaten seien vielfach in die USA zurückgekehrt, hätten dort eine neue Familie gegründet und ihre Beziehung mit einer deutschen Frau unter den Teppich gekehrt. "Unser Ziel ist, das aufzuarbeiten, um Familienzusammenführungen möglich zu machen."

Nach Aufzeichnungen zu den Empfängern von Unterstützungsleistungen sind für den Raum Koblenz etwa 250 Kinder aus Beziehungen zwischen US-Soldaten und deutschen Frauen bekannt, für Mayen 121, für Neuwied 59 und für Andernach 49. Allerdings sind die tatsächlichen Zahlen nach Einschätzung Sprengers wohl höher gewesen, da sich viele Frauen nicht getraut hätten, die Vaterschaft ihres nichtehelich zur Welt gekommenen Kindes öffentlich zu machen. Er kenne einen Fall, bei dem eine schwangere Frau deswegen enterbt worden sei, sagt der Historiker. Das damalige Besatzungsgebiet erstreckte sich bis 1923 auf weite Teile des Gebiets von Trier bis Koblenz und im Westerwald.

"Der Generation der Enkel ist es egal, ob das damals ein One-Night-Stand oder eine echte Liebesbeziehung war", erklärt Sprenger. "Durch den zeitlichen Abstand findet auch eine Enttabuisierung statt." Er stehe nun in Kontakt mit einigen Menschen aus Rheinland-Pfalz, die ihren Großvater und ihre Verwandten in den USA suchten. "Manchen deutschen Familien an Mosel, Rhein und im Westerwald sowie Familien in den USA ist bis heute nicht bekannt, dass sie - gleichsam als eine Spätfolge dieser Jahre - miteinander verwandt sind."

Mit Hilfe moderner Forschungsmöglichkeiten und genealogischer Datenbanken wird es möglich, Familienverbindungen wieder sichtbar zu machen. Damit soll auch "diese Phase der gemeinsamen deutsch-amerikanischen Geschichte wieder stärker ins Bewusstsein gerückt und als Teil einer gemeinsamen Erinnerungskultur etabliert werden".

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