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Rheinland-Pfalz & Saarland Nachfrage nach Psychotherapien für Kinder- und Jugendliche

Ein Schild einer Praxis für Psychotherapie. Foto: Jens Wolf/zb/dpa/Archivbild

(Foto: Jens Wolf/zb/dpa/Archivbild)

Die Corona-Pandemie hat die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen drastisch verändert. Spielen, Feiern oder gemeinsam toben - alles, was Spaß macht, ist nicht erlaubt. Das bleibt laut Experten nicht ohne Folgen.

Mainz (dpa/lrs) - In der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Psychotherapien für Kinder und Jugendliche gewachsen. Die Zahl der Patientenanfragen sei in den entsprechenden Praxen in Rheinland-Pfalz im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 53 Prozent gestiegen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Die teilnehmenden 45 Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und Therapeuten verglichen dabei die Zahlen einer Januarwoche in diesem Jahr mit dem Vorjahreszeitraum.

"Seit Monaten fallen für Kinder und Jugendliche alle positiven Aktivitäten weg", sagt Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Ob Spielen, Feiern oder gemeinsame Hobbys - alles, was Spaß mache, könne nicht mehr stattfinden. Dazu komme die unklare schulische Situation mit einer sehr heterogenen Qualität des digitalen Unterrichts. Manche Familien könnten das gut unterstützen, andere hätten nicht diese Ressourcen.

Eines der größten Probleme seien die fehlenden sozialen Kontakte durch die Kita- und Schulschließungen, meint der Landesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes, Christian Zainhofer. "Vor allem, weil ab einem gewissen Alter die maßgeblichen Entwicklungsimpulse nicht mehr von den Eltern kommen, sondern von Gleichaltrigen." Und genau das fehle seit fast einem Jahr.

Das Konfliktpotenzial sei in allen Familien größer, erklärt Zainhofer. In Familien, in denen ohnehin Gewaltbereitschaft herrsche, verschlimmere sich jedoch die Situation, weil alle den ganzen Tag aufeinander hockten. Wo man sich früher aus dem Weg gehen konnte, kracht es jetzt.

"Besonders Sorgen machen uns die Familien, die nicht so gute soziale und finanzielle Ressourcen haben", erläutert Maur. Früher seien sie noch durch niedrigschwellige Angebote angesprochen worden, die aber seien jetzt geschlossen. Einige Jugendliche seien auch für Sozialarbeiter oder Lehrer nicht mehr erreichbar und an Homeschooling nähmen sie nicht teil, berichtet der Vorsitzende des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz, Volker Steinberg. "Man weiß daher nicht genau, was in den Familien vorgeht."

Dazu kommt: Die Kinder leiden darunter, für ihre Familie ein Risikofaktor zu sein, wenn sie in überfüllten Bussen sitzen und in enge Klassenzimmer müssen, wie Steinberg erläutert. "Das stresst Kinder und Jugendliche maximal", konstatiert der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinhessen-Fachklinik in Mainz, Michael Huss.

Erste Folgen sind spürbar. In den psychotherapeutischen Praxen für Kinder und Jugendliche im Land seien ebenso ein Anstieg der Anfragen zu verzeichnen wie auch viele Rückfälle oder Verschlechterungen bereits bestehender Krankheitsbilder und Probleme, berichtet Kammer-Präsidentin Maur. Teilweise stagnierten Behandlungen, weil Hilfsangebote etwa zum Berufseinstieg fehlten. Auch die Anfragen bei Hilfsangeboten wie der Nummer gegen Kummer oder dem Elterntelefon haben laut Zainhofer zugenommen.

Die Mainzer Rheinhessen-Fachklinik verzeichnete vor allem in der zweiten Welle der Corona-Pandemie einen ähnlichen Trend. Die Belegung in der Abteilung sei nicht eingebrochen, der Schweregrad der Erkrankung habe deutlich zugenommen, berichtet Chefarzt Huss. "Der Druck auf die Kinder und Jugendlichen ist gestiegen." Dass sie sich trotz der coronabedingt höheren Hemmschwelle hätten einweisen lassen, zeige, dass sie es nicht mehr anders ausgehalten hätten. Symptome seien neben Depressionen auch Zukunftsängste oder selbstverletzendes Verhalten und psychosomatische Beschwerden.

Im Schnitt sei in den Praxen mit einer Wartezeit von 20 Wochen zu rechnen, sagt Maur. Die schnellste Lösung, um diese zu verringern, sei das Prinzip der Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Sie müssten unter bestimmten Voraussetzungen eine Behandlung in Privatpraxen bezahlen. "Das ist zwar gesetzlich verankert, seit vielen Jahren machen das die Kassen aber nur noch sehr selten." Zudem müssten bestehende niedrigschwellige Angebote gestärkt werden - denn "nicht jedes Kind braucht Psychotherapie". Dazu zählten Schulsozialarbeit, Schulpsychologen und Psychologinnen, Jugendhilfe, Beratungsstellen sowie Freizeitangebote vor Ort.

Die Jugendverbände hätten digital aufgerüstet und könnten einigermaßen gut Kontakt halten, berichtet Steinberg. Dabei gehe es um digitale, aber zweckfreie Angebote zum Treffen. Wenn das Infektionsgeschehen es zulasse, seien reale Treffen dringend notwendig. "Wir tun unser Bestes, um immer weitere Formate zu finden."

Doch die Corona-Pandemie hat nicht nur Nachteile für Kinder und Jugendliche. Zum einen lernten sie aus der jetzigen Situation, meinen die Expertinnen und Experten. Zum anderen seien viele Kinder und Jugendliche auch wegen schulischer Schwierigkeiten wie Leistungsängsten oder Mobbing in Behandlung, erklärt Maur. Schule könne eben auch ein großer Belastungsfaktor sein. "Im Frühjahr 2020 blühte die Hälfte der Patienten auf und war entspannt", sagt die Psychologische Psychotherapeutin.

Für Kinder und Jugendliche mit sozialen Phobien sei das Homeschooling zunächst eine maximale Entlastung, erläutert Huss. Auch Kinder mit autistischen Zügen seien zu Beginn richtig erleichtert gewesen. "Die Welt war auf ihre Bedürfnisse besser zugeschnitten." Wer zum Beispiel immer rot werde, wenn er oder sie vor anderen rede, könne jetzt die Kamera ausschalten und werde nicht gesehen. "Später ist allerdings die Hemmschwelle, auf andere wieder zuzugehen, doppelt so hoch", weiß der Mediziner. Das soziale Training werde unterbrochen.

Maur und Steinberg fürchten, dass die Unterschiede in der Bildung noch sichtbarer werden könnten zwischen den Kindern mit guter Unterstützung und ohne. "Die Schere wird weiter aufgehen", meint der Vorsitzende des Landesjugendrings. Allerdings brauchen Kinder viel mehr als Bildung, darin sind sich die Expertinnen und Experten einig.

Es gelte zu analysieren, welche Aufgabe Schule wirklich habe, findet Huss. "Wie hoch ist der rein akademische Lernanteil, wie hoch ist der soziale interaktive Anteil?" Eine Erkenntnis der Pandemie: "Das Wichtigste für die Schule ist der direkte Kontakt und Austausch und den gilt es jetzt intensiv in den Mittelpunkt zu stellen."

© dpa-infocom, dpa:210302-99-649331/2

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