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Rheinland-Pfalz & Saarland Prozess in freier Natur: Fahrlässige Tötung oder Jagdunfall?

Der Angeklagte steht mit dem Rücken zu einem Schild, an dem die sitzungspolizeiliche Verfügung angebracht ist. Foto: Andreas Arnold

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Es ist eine außergewöhnliche Gerichtsverhandlung: Um zu klären, ob ein Jäger eine Frau fahrlässig getötet hat, begeben sich Prozessbeteiligte in einen steilen Hang im Wald. Der Angeklagte spricht von einem Unfall - und widerspricht früheren Aussagen.

Dalberg (dpa/lrs) - Rund 40 Personen tasten sich am Mittwochvormittag vorsichtig ein steil abfallendes Waldstück zum Ortsrand von Dalberg (Kreis Bad Kreuznach) hinab. Etwas weiter unten, näher an der Bebauung, macht die Gruppe halt und Richter Eugen Birnbaum sagt den Pressevertretern, dass ab jetzt Bild- und Tonaufnahmen zu unterlassen seien, ansonsten drohe ein Ordnungsgeld. Hier, im Wald direkt neben der 250-Einwohner-Gemeinde, hat gerade eine Gerichtsverhandlung begonnen, ganz regulär mit Protokollführerin, Zeugenvernehmung und Sachverständigen.

Im Wind flatternde, rot-weiße Polizei-Absperrbänder erinnern daran, warum die Gruppe hier im Wald steht und nicht im Amtsgericht in Bad Kreuznach sitzt: In dem Gelände soll ein heute 61 Jahre alter Jäger im November 2018 den Schuss abgegeben haben, der wenige Meter weiter eine 86-Jährige in ihrem Garten traf und tötete.

"Mein Standpunkt war hier": Der Angeklagte hat sich genau an die Stelle gestellt, an der er seiner Aussage nach bei der Drückjagd vor rund neun Monaten auf Wildschweine gewartet hatte. Am ersten Prozesstag hatte er sich nicht zur Sache geäußert, sein Verteidiger hat dafür diesen Ortstermin angeregt. Im Waldboden neben dem 61-Jährigen kennzeichnen sechs rosa Fähnchen die Orte, an denen die Polizei Patronenhülsen gefunden hat. Wenige Meter weiter bergab starb im November die Frau. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklage erklärt, der Jäger habe fahrlässig getötet, weil er hangabwärts geschossen habe. Weiter unten befindet sich die Ortschaft, und bergab geschossene Projektile können zu gefährlichen Querschlägern werden.

Der Angeklagte stellt den Fall beim Ortstermin als Jagdunfall dar: Er habe zunächst auf Wildschweine geschossen, berichtet er ernst und gefasst. Als ein getroffener Frischling umgekehrt sei, habe er erneut auf das Tier gezielt und sei dabei abgerutscht. Dann sei der Schuss in Richtung des hangabwärts gelegenen Grundstücks der Frau gefallen, "den ich nicht abgeben wollte", sagt der Mann.

Wenig später sei er zu einer Wildsau geeilt, die weiter unten im Garten der Frau von einem Jagdhund gestellt worden sei - und sei dabei auf einer Treppe an der am Boden liegenden 86-Jährigen vorbeigekommen. Die Polizei fand - das geht aus Aussagen von Zeugen hervor, die ebenfalls bei diesem Ortstermin vernommen werden - auf der Treppe eine Blutlache, das Gebiss der Frau und ein Körbchen mit Walnüssen und etwas weiter unten, auf einer Terrasse, die Leiche der Frau.

Er habe die liegende Frau zunächst nicht in Zusammenhang mit der Jagd gebracht, sagt der Angeklagte. Das Gekreische der Wildsau habe ihn so aufgeregt, sagt er. "Das konnte ich so nicht stehen lassen." Nachdem er sich darum gekümmert habe, sei er wieder zu der Frau gegangen: "Das war eine Sache von 30 Sekunden."

Erst dann erkannte er seiner Aussage nach den Ernst der Lage und informierte den Jagdleiter, der den Notruf absetzte. "Und dann gingen - auf Deutsch gesagt - die Lampen aus." Er sei gar nicht mehr richtig ansprechbar gewesen, habe "nur noch Wald gesehen", sich mehrmals übergeben müssen.

Mit diesem Schockzustand erklärt er auch den Widerspruch seiner Erklärung vom Mittwoch zu Aussagen, die er kurz nach dem Vorfall am 18. November getroffen hatte. "Von einem Sturz war nie die Rede", berichtet etwa eine Polizistin des Kriminaldauerdienstes Mainz, die den Jäger kurz danach befragt hatte. Er habe damals außerdem einen anderen, etwa 15 Meter entfernten Standort angegeben. Einer Polizistin soll er gesagt haben, nach seinem letzten Schuss ein "Röcheln" gehört zu haben. Am Mittwoch gibt er an, erst später etwas gehört zu haben. Und: "Für mich war das ein tierischer Laut."

Um viele solcher Detailfragen - die aber den Unterschied zwischen Unfall und Fahrlässigkeit bedeuten können - geht es am Mittwoch vor Ort. Ein Sachverständiger der Polizei erklärt mögliche Schusskorridore und zieht anhand der Fundorte der Hülsen Rückschlüsse auf die Blickrichtung des Schützen. Es wird von bei dem Schuss beschädigten Blättern und Zweigen berichtet, es geht darum, ob die Lorbeerkirsche, die zwischen dem mutmaßlichen Standort des Jägers und dem Fundort der Frau steht, auch im November so blickdicht war wie beim Ortstermin.

Der Prozesstross muss dafür mehrmals auf- und absteigen in dem steilen Gelände. Auf den engen Wegen passen kaum zwei Personen nebeneinander. Presse, Zuschauer und Prozessbeteiligte stehen sich im Weg herum. Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann ist davon bald genervt: "Das passt mir gar nicht mit der Öffentlichkeit." Der Richter verordnet daraufhin Abstand zwischen den eigentlichen Teilnehmern und den Zuschauern. Ein solcher Ortstermin ist außergewöhnlich für alle Beteiligten. "Ganz selten" komme das vor, hatte die Sprecherin des Amtsgerichts Bad Kreuznach, Brigitte Hill, am Dienstag gesagt. "In einem Hauptverfahren habe ich sowas noch nie erlebt", sagte Oberstaatsanwalt Fuhrmann.

"Meine Mutter mit ihren 86 Jahren war topfit, sie hat vieles selbst gemacht", sagt die Tochter der Frau nach der Verhandlung. Der Jäger habe bis heute nicht versucht, sich zu entschuldigen. Er habe sich fest vorgenommen, das zu tun, sagt der Angeklagte. Der Jagdleiter und sein Anwalt hätten ihm aber davon abgeraten. "Er muss zu diesem Schuss stehen", sagt der Sohn der Getöteten.

Am Mittag zieht der Tross weiter, zurück an den eigentlichen Verhandlungsort, ins Amtsgericht Bad Kreuznach. In zwei weiteren Verhandlungsterminen in den kommenden Wochen soll die Frage beantwortet werden, ob die Erklärung des Jägers, es habe sich um einen Unfall gehandelt, plausibel ist, oder ob er doch fahrlässig gehandelt hat.

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