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Sachsen-Anhalt Kunstwerk gegen Schmähskulptur an Zerbster Kirche

Die Zerbster Kirche St. Nicolai.

(Foto: Heiko Rebsch/dpa)

Die Ruine der Kirche St. Nicolai in Zerbst liegt nahe bei Wittenberg. In beiden Städten befinden sich seit dem Mittelalter antijüdische Schmähskulpturen. In Zerbst soll der sogenannten Judensau eine weitere Einordnung entgegengesetzt werden. Mit Hilfe eines Künstlers.

Zerbst (dpa/sa) - In unmittelbarer Nähe des antijüdischen Schmähreliefs "Judensau" an der Ruine der Kirche St. Nicolai in Zerbst wird einen Gegendenkmal errichtet. Es werde der Hassbotschaft der mittelalterlichen Plastik eine Botschaft der Toleranz und Versöhnung entgegengesetzt, teilte die Evangelische Landeskirche Anhalts am Dienstag mit.

Das Gegendenkmal mit dem Titel "Reflexionen" und der Inschrift "Die Würde des Menschen ist unantastbar" gestaltet der Künstler Hans-Joachim Prager (Baden-Württemberg). Seine Arbeit solle dazu beitragen, dass der dafür vorgesehene Platz zu einem Ort der Begegnung und Verständigung wird, erklärte er bei der Präsentation des Modells. "Die Schmähplastik an St. Nicolai ist ein nicht tolerierbares Zeugnis des Hasses gegenüber jüdischen Frauen und Männern, das wir nicht weiter unwidersprochen stehen lassen wollen", erklärte Mario Gabler, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates der Kirchengemeinde St. Nicolai und St. Trinitatis.

Deshalb habe sich die Gemeinde dafür entschieden, eine erklärende und kommentierende Tafel unter der Schmähplastik anzubringen sowie einen Wettbewerb für ein Gegendenkmal auszuschreiben. Der Künstler Prager, 1952 in Dessau geboren, hatte von einer Jury unter zehn eingesandten Entwürfen den Zuschlag bekommen. Das Gegendenkmal werde mit den Namen der jüdischen Familien versehen, die in Zerbst Opfer des Nationalsozialismus wurden, sagte er.

Das antijüdische Relief befindet sich den Angaben zufolge seit 1450 an einem Strebepfeiler der Zerbster Kirche St. Nicolai. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gotteshaus schwer beschädigt und ist heute eine gesicherte Ruine mit offenem Kirchenschiff. Die Kirchengemeinde hat sich nach Angaben von Pfarrer Lutz-Michael Sylvester entschieden, nicht in eine Diskussion über die mögliche Entfernung der Schmähplastik einzutreten. "Diese gehört mit ihrer menschenverachtenden Aussage zu unserem historischen Erbe, dem wir uns stellen müssen, zur mahnenden Erinnerung", sagte er.

Antijüdische Skulpturen wie die sogenannte Judensau gibt es seit dem Mittelalter an mehreren Kirchen in Deutschland. Die Diskussion um den heutigen Umgang damit hatte zuletzt mit einem Relief an der Stadtkirche von Wittenberg für Aufsehen gesorgt. Dort hatte der Theologe Martin Luther (1483-1546) gepredigt. Der Reformator steht laut Historikern wegen antisemitischer Äußerungen in der Kritik.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte in diesem Jahr im Juni in dem langen juristischen Streit eines Klägers entschieden, dass die Bodenplatte - das 1988 eingelassene Mahnmal - und ein Aufsteller mit erläuterndem Text vor der Kirche ausreichten, um aus dem "Schandmal" ein "Mahnmal" zu machen. Es könne bleiben. Der Kläger indes reichte Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein.

Ein Expertengremium hatte indes der evangelischen Stadtkirchengemeinde von Wittenberg empfohlen, die Skulptur zeitnah zu entfernen. Das laut Historikern im Mittelalter entstandene Relief aus Sandstein zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die durch Spitzhüte als Juden identifiziert werden sollen. Eine als Rabbiner geltende Figur hebt den Schwanz des Tieres und blickt in den After. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein.

Die evangelische Stadtkirchengemeinde in Wittenberg beschloss im August dieses Jahres, das antijüdische Schmährelief an Luthers Predigtkirche erhält zunächst einen neuen Erklärtext als klares Zeichen gegen Antisemitismus. Auf der neuen Tafel werde erstmals das jüdische Volk um Vergebung gebeten, sagte der Sprecher.

Im Vergleich zum bisherigen Text positioniere sich die Wittenberger Gemeinde eindeutig gegen Antijudaismus und Antisemitismus. In Zerbst soll das Gegendenkmal nach Angaben der Stadt im Frühjahr 2023 aufgestellt werden.

Quelle: dpa

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