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Sachsen-Anhalt Weniger Fälle beim Täter-Opfer-Ausgleich in Sachsen-Anhalt

Eine Frau und ein Mann geben sich die Hand.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Vor Gericht sind die Opfer meist Zeugen und können keine Fragen stellen. Beim Urteil gegen den Täter sprechen sie nicht mit. Anders ist es beim Täter-Opfer-Ausgleich. Da kommen beide ins Gespräch und einigen sich auf eine Wiedergutmachung - allerdings immer seltener.

Magdeburg (dpa/sa) - In Sachsen-Anhalt sind die Fallzahlen beim Täter-Opfer-Ausgleich im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Es wurden 555 Fälle abgeschlossen nach 640 im Vorjahr, wie der Projektleiter für den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) in Sachsen-Anhalt, Tobias Lentzy, in Magdeburg sagte. Es seien 66,31 Prozent der Fälle geschlichtet worden. Im Ergebnis wurden insgesamt rund 35.000 Euro Schadenersatz und 25.500 Schmerzensgeld vereinbart sowie 1050 Arbeitsstunden sowie Geschenke, Ausflüge und Erlebnistage.

Gut die Hälfte der Fälle ging 2021 auf Körperverletzungen zurück, wie Lentzy erklärte. Häufig sei es aber auch um Sachbeschädigung, Betrug, Beleidigungen gegangen. Alles in allem seien an den TOA-Verfahren 624 Täter und 596 Opfer beteiligt gewesen. Der Rückgang der Verfahren ist vor allem auf weniger Fälle bei gefährlichen Körperverletzungen zurückzuführen, sagte Lentzy, auch weniger Diebstähle und Sachbeschädigungen seien behandelt worden. Während der TOA bei Jugendlichen bis 21 Jahren häufiger eingesetzt worden sei, gingen die Zahlen bei den Erwachsenen zurück.

Beim Täter-Opfer-Ausgleich geht es nicht um Bestrafung und Vergeltung, sondern Täter und Opfer sprechen miteinander und es gibt eine von beiden Seiten gewollte Wiedergutmachung. Elf Schlichterinnen und Schlichter im Land bekommen die Fälle im Wesentlichen von Staatsanwaltschaften und Gerichten zugewiesen. So können Strafverfahren vermieden werden. Zugleich kommen Gefühle, Ängste, Leid, Sorgen und auch Wünsche im Gegensatz zu einem Strafverfahren vor Gericht zum Tragen. Es müssen sich allerdings Täter und Opfer freiwillig dazu bereiterklären.

Lentzy sagte, 425 der insgesamt 555 Verfahren seien im vergangenen Jahr von Amts- und Staatsanwälten zugewiesen worden. Allerdings seien in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 170.465 Straftaten erfasst worden. Somit seien nur 0,25 Prozent aller angezeigten und von Amts wegen eingeleiteten Ermittlungsverfahren beim Täter-Opfer-Ausgleich angekommen.

Lentzy findet, der TOA sollte mehr Beachtung und Anwendung finden. Zumal eine Spirale greife: Wenn die Schlichter weniger Fälle auf den Tisch bekommen, erhalten die Projektträger weniger Geld. So habe der Rückgang der Fälle zwischen 2017 und 2021 bei 25,4 Prozent gelegen. Das habe ein Minus von 19,5 Prozent bei den geförderten Wochenarbeitsstunden nach sich gezogen. "Das hat natürlich Auswirkungen auf die Netzwerkstruktur des TOA."

2020 habe der Projektträger in Stendal seine Tätigkeit im TOA eingestellt, 2021 habe sich die Straffälligenhilfeverein in Halberstadt aufgelöst. Ein Träger aus Magdeburg stelle zum 1. Juli 2022 keinen neuen TOA-Projektantrag mehr.

Der Täter-Opfer-Ausgleich wird in Sachsen-Anhalt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie des Landes finanziert - dennoch ist die Finanzierung für die kommenden Jahre noch ungewiss. Es gibt bislang nur eine Zusage für die Zeit bis zum 31. Oktober 2022. Die freien Träger hätten wenig finanziellen Spielraum, sagte Lentzy. Sie hätten die Angebote auch während der Pandemie aufrechterhalten und verlören nun das Vertrauen in die Förderstellen. Lentzy sagte, es gebe bereits Kündigungen.

Quelle: dpa

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