SachsenBachs Johannespassion mit Texten des NS-Widerstands

Was verbindet die Leidensgeschichte Jesu mit den Prozessen gegen Widerstandskämpfer 1945? Ein Dresdner Konzert sucht nach Parallelen und lädt zum Nachdenken ein.
Dresden (dpa/sn) - Die Dresdner Kapellknaben bieten mit Musikern der Staatskapelle und Schauspielern eine ungewöhnliche Aufführung von Bachs "Johannespassion". Am kommenden Samstag (13. Juni) wird in der Kathedrale von Dresden die Passionsgeschichte mit Texten aus dem Prozess gegen die Widerstandskämpfer Alfred Delp und Helmuth James Graf von Moltke am Volksgerichtshof kombiniert, teilte der Knabenchor mit.
Der Jesuit Delp hatte sich am Kreisauer Kreis beteiligt, jener Gruppe um von Moltke, die einen Neuanfang Deutschlands nach dem Sturz Hitlers plante. Im Januar 1945 mussten sie sich vor Gericht verantworten, kurz darauf wurden sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Passionsgeschichte bekommt berührende Aktualität
"Es ist ein Wagnis, Bachs meisterliche Johannespassion mit szenischen Lesungen zu kombinieren, die eine der dunkelsten Episoden der deutschen Geschichte thematisiert. Doch im Zusammenspiel mit Original-Texten aus dem Prozess um die Widerstandskämpfer vor dem Volksgerichtshof 1945 bekommt die 2000 Jahre alte Passionsgeschichte und deren Bachsche Vertonung eine erschreckende und zugleich berührende Aktualität", hieß es.
Aufführung zeigt Parallelen beider Ereignisse
Till Krabbe, Schauspieler und ehemaliger Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, hatte die Originaldokumente vom Volksgerichtshof zusammen mit dem Jesuitenpater Klaus Mertes für dieses Projekt zusammengestellt und in Bachs Passionsvertonung eingearbeitet. Im Laufe des Konzertes zeigten sich viele Parallelen - etwa die zwischen dem römischen Statthalter Pontius Pilatus und NS-Strafrichter Roland Freisler. Oder wenn Jesu Abschiedsworte am Kreuz Delps Abschiedsbrief an seine Mutter gegenübergestellt werden, hieß es in der Ankündigung.
"Die Johannespassion behält ihren musikalischen Glanz und ihre religiöse Innigkeit; ihre Texte mit einer inzwischen oft befremdlichen Passionsmystik sprechen durch die Zeugnisse des letzten Jahrhunderts schier unmittelbar und machen betroffen", schrieb der Theologe Gotthard Fuchs nach der Premiere dieses Stückes 2016.