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Sachsen Sachsen kündigt Artenschutz-Offensive

Der sächsische Minister für Landwirtschaft und Umwelt, Wolfram Günther (Grüne), spricht. Foto: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa

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Sie gelten als Perle der Natur und waren einst im Vogtland weit verbreitet: Flussperlmuscheln. Der Bestand an Altmuscheln aus natürlicher Reproduktion wird heute auf weniger als 250 geschätzt. Nun wildert man gezüchtete Muscheln in Bächen aus.

Bad Brambach (dpa/sn) - Sachsen plant eine Offensive für den Artenschutz. Sie werde wichtiger Bestandteil eines Programmes zur Biodiversität sein, das im kommenden Jahr im Kabinett behandelt werden soll, sagte Umweltminister Wolfram Günther der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Am Donnerstag besuchte er in Bad Brambach eine Aufzuchtstation für Flussperlmuscheln: "Die Flussperlmuschel steht auf der Liste der 50 Arten, zu denen wir den Artenschutz prioritär voranbringen wollen", so der Minister.

Zu diesen Top-50-Arten sollen so schnell wie möglich Projekte und Programme mit konkreten Hilfs- und Managementmaßnahmen umgesetzt werden. "Flussperlmuscheln sind europaweit vom Aussterben bedroht. Wenn wir die Bestände stützen, stärken wir die Artenvielfalt und Ökosysteme in Sachsen", erklärte der Minister. Außerdem sei diese Muschelart auf saubere Bäche angewiesen: "Wenn es also der Muschel gut geht, dann geht es auch anderen Arten gut und das Gewässer ist in einem guten ökologischen Zustand."

Am Donnerstag begann das Auswildern von Flussperlmuscheln. "Erstmals in Deutschland wird nun eine große Anzahl fortpflanzungsfähiger Muscheln ausgewildert: Mehr als 1300 zum Teil handtellergroße Tiere finden in den nächsten Wochen in ausgewählten vogtländischen Bächen ihren neuen Lebensraum", teilte das Umweltministerium mit. Zuvor wurden sie bis zu 20 Jahre lang aufgezogen und gepflegt.

Basis für Zucht und Auswilderung ist die von der Landesstiftung Natur und Umwelt errichtete Zuchtstation in Bad Brambach. Um die Gewässer mit den besten Bedingungen für die Tiere zu finden, untersuchen Forscher der Technischen Universität Dresden seit 2015 vogtländische Perlbäche. Im Ergebnis wurden vier Bäche für das Vorhaben ausgewählt.

Die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) kann mehr als 100 Jahre alt und 15 Zentimeter lang werden. Sie besitzt eine dickwandige, fast schwarze Schale. Die Mollusken stellen hohe Anforderungen an die Wasserqualität. Eine Flussperlmuschel benötigt schnell fließendes und sauerstoffreiches Wasser und einen Untergrund mit Steinen, Kies oder Sand. Dort liegt sie dicht gedrängt und gräbt sich regelrecht in den Boden ein. Auf diese Weise können regelrechte Muschelbänke entstehen.

Zur Fortpflanzung stoßen die weiblichen Muscheln mikroskopisch kleine Larven aus, die sich in den Kiemen von "Wirtsfischen" - meist Bachforellen - einnisten und zu Jungmuscheln heranreifen. Nach ein paar Monaten lassen sich diese sich auf den Bachgrund fallen, wo ihr eigentliches Leben beginnt. Zu diesem Zeitpunkt sind sie aber erst 0,4 bis 0,7 Millimeter groß. Eine Flussperlmuschel wächst sehr langsam, nach fünf bis sechs Jahren misst sie erst einen Zentimeter.

Flussperlmuscheln ernähren sich von organischen Rückständen abgestorbener Pflanzen. Dabei wirken sie wie eine Art Filter für die im Wasser schwebenden Stoffe. Ihre Fähigkeit zur "Perlenzucht" machte diese Muschel einst berühmt. Früher wurden die Perlen vor allem in Adorf (Vogtland) zu Schmuck verarbeitet. Eines der schönsten Zeugnisse ist die Perlenkette von Maria Amalia, die noch heute zu den Schätzen des Grünen Gewölbes in Dresden gehört.

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