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Thüringen Die Leuchtenburg als Zuchthaus: Akten werden digitalisiert

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Verbotene Liebesbriefe, Ausbruchsversuche oder ein Todessturz in einen Brunnen: Bislang unerforschte Akten lassen den Alltag einer Strafanstalt vor rund 300 Jahren erahnen. Die Leuchtenburg will diesen Schatz jetzt heben.

Seitenroda (dpa/th) - Die Leuchtenburg bei Kahla arbeitet ein düsteres Kapitel ihrer wechselvollen Geschichte auf: Vor rund 300 Jahren wurden hinter den dicken Burgmauern Straftäter gefangen gehalten. Über die Zuchthauszeit legen frühere Gerichtsakten beredtes Zeugnis ab. Diese Häftlingsakten aus dem Altenburger Staatsarchiv werden derzeit auf der Leuchtenburg gesichtet und digitalisiert, wie die Direktorin der Stiftung Leuchtenburg, Ulrike Kaiser, der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Von 1724 bis 1871 waren laut Kaiser rund 5000 Häftlinge auf der Leuchtenburg eingesperrt. "Die Burg diente damals zugleich als Armenhaus und Irrenanstalt." Erhalten geblieben seien 350 Häftlingsakten, die einst beim Amtsgericht Kahla angelegt worden waren. Die ältesten Akten stammten aus dem Jahr 1729. Bis zur Jahresmitte soll die Digitalisierung der insgesamt 2,5 laufenden Meter abgeschlossen sein. Die Dokumente sollen in einer Archivdatenbank dann auch für alle zugänglich sein. Bis Anfang nächsten Jahres sei zudem ein Buch dazu geplant.

In den Akten stecke einiges an Überraschungen, berichtete Kaiser. So seien neben Mord und Totschlag etwa auch verbotene Liebesbriefe als Beweismittel erhalten. Dokumentiert sei ebenfalls der Selbstmord eines Häftlings, der sich in einen tiefen Brunnen stürzte, um so mit seinem verwesenden Leichnam das Trinkwasser zu vergiften. Neben einem Untersuchungsbericht gegen einen Zuchthauswärter, der einen Insassen zu Tode prügelte, gebe es ferner eine gerichtliche Anordnung, einen psychisch Kranken bei Anfällen in eine Holzkiste zu sperren.

"Wir wollen diese Häftlingsbiografien künftig auch in einer modernen Ausstellung lebendig werden lassen", kündigte Kaiser an. Mit Hilfe einer Gesichtserkennung solle eine Art "digitaler Spiegel" entstehen. Dabei werde die Physiognomie des Betrachters erfasst und basierend auf den Personenbeschreibungen einstiger Insassen sollen dann dazu identische Häftlinge zugeordnet werden. Dieses Projekt werde in den nächsten drei bis fünf Jahren in der neuen Schau zur Burggeschichte integriert werden.

Die Leuchtenburg zählt mit der Ausstellung zu den Porzellanwelten zu einer der Besucherattraktionen in Thüringen. Derzeit ist das Museum wegen der Corona-Krise geschlossen. Pandemiebedingt brachen die Besucherzahlen laut Kaiser im vergangenen Jahr um 41 Prozent ein. 2020 habe die Leuchtenburg rund 50 000 Gäste gezählt, im Jahr zuvor waren es noch rund 85 000.

Das Projekt eines Schrägaufzugs, der Besucher barrierefrei auf die Burg bringen soll, ruht derzeit, wie Kaiser sagte. Es fehle die Zustimmung der Gemeinde, die das Baurecht für dieses rund sechs Millionen teure Vorhaben schaffen muss. Die Stiftung sei allerdings im Dialog mit dem Gemeinderat.

© dpa-infocom, dpa:210309-99-744158/2

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