Reise

Entgiftung im Drogenparadies Auf Entzug in Goa

Marihuana, Heroin und LSD an jeder Ecke - Goa gilt als Drogenparadies, seit die ersten Hippies in den 60er Jahren den kleinen indischen Bundesstaat für sich entdeckten. Noch immer ist Goa für viele Westler der Ort, an dem sie im Rausch ihrer Realität zu entkommen suchen. Doch immer mehr Besucher wollen inzwischen das Gegenteil: ausgerechnet in Goa von ihrer Sucht loskommen. Nahe der palmenbestandenen Strände sind mehrere Kliniken entstanden, die Drogenentzug zu Billigpreisen anbieten.

Anjuna Beach im Norden des Bundesstaates ist ein Magnet für junge Raver und alternde Hippies aus dem Ausland. Von den Bars in Bambushütten sind es nur ein paar Fahrminuten zum Saint Anthony's Hospital, einer privaten Klinik mit 40 Betten. 84 Drogenabhängige ließen sich im vergangenen Jahr dort behandeln - bis auf drei stammten alle aus dem Westen, wie der medizinische Leiter Jawaharlal Henriques erklärt. "Die Schweiz, Frankreich, Holland, Russland, Israel - alle Länder sind vertreten", sagt der 61-Jährige. "Sie werden nicht von ausländischen Ärzten zu uns geschickt, sondern kommen auf Empfehlung von anderen Süchtigen hierher."

"Kleines Drogenproblem"

Ein Patient ist der Deutsche Michael. Er ist nur noch Haut und Knochen, seine Augen liegen tief in den Höhlen, die Wangen sind eingefallen, die braunen Haare strähnig. Das ausgeblichene grüne T-Shirt trägt Spuren von Erbrochenem. Michael, der in Wahrheit anders heißt, ist heroinsüchtig. "Schon in Berlin hatte ich ein kleines Drogenproblem", erzählt er. "Ich hatte einen stressigen Job, habe ein bisschen Kokain und Amphetamine genommen, und um wieder runterzukommen, habe ich Hasch und Heroin geraucht. So schlecht ging es mir dabei gar nicht, ich war nicht süchtig, hatte mich noch unter Kontrolle und konnte arbeiten."

Michael ist gut ausgebildet und arbeitete in der Medienbranche. Im November flog er nach Goa, um von den Drogen loszukommen. "Erst ging es auch gut hier. Aber dann habe ich jemanden getroffen, mit dem ich synthetisches Heroin geraucht habe. Von da an wurde es von Tag zu Tag schlimmer." Einen Monat später habe er ein Gramm täglich gebraucht. Seine Versuche, allein von der Droge loszukommen, scheiterten. Als er eine Woche lang nichts mehr gegessen hatte und zweimal ausgeraubt worden war, brachten Freunde den Berliner schließlich in die Klinik. "Der Arzt redete mit mir und sagte, dass es mir in zehn Tagen wieder gut gehen werde. Jetzt fühle ich mich immer noch schwach, aber ich kann zumindest wieder essen", sagt Michael.

Auf dem Schreibtisch in Doktor Henriques' weiß gefliestem Behandlungszimmer liegen zwischen Tabletten, Aufzeichnungen und einer alten Schreibmaschine Kopien ausländischer Pässe. "Wir kümmern uns um jeden Patienten", sagt der Arzt und erzählt von einem italienischen Anwalt, einem marihuanasüchtigen britischen Ingenieur und einem Franzosen, der beinahe an einer Kombination von Betäubungsmitteln, LSD, Ecstasy, Kokain und Cannabis gestorben wäre.

2000 Euro pro Entzug

Umgerechnet gut 2000 Euro kostet der Entzug auf Goa, einen Bruchteil dessen, was europäische Kliniken verlangen. Dennoch zahlten die wenigsten Patienten den vollen Preis, sagt Henriques. "Zu mir kommen so viele Patienten, von denen viele kein Geld haben - aber den Willen, sich behandeln zu lassen. Wir schicken sie nicht weg, denn mir geht es nicht ums Geldverdienen. Das ist meine Berufung, ich mache, was ein Arzt tun muss."

Doch meist macht Goa nicht mit solchen, sondern mit schlechten Nachrichten von sich Reden. Wie Ende März, als ein Deutscher nach einer ausschweifenden Party in Anjuna Beach festgenommen wurde. Die Polizei der ehemaligen portugiesischen Kolonie versucht ausufernde Partys zu unterbinden, seit eine 15-jährige Britin vor einem Jahr in Goa erst vergewaltigt wurde und dann an einer Mischung aus Alkohol und Drogen starb.

Seither geht die Polizei strenger gegen den Drogenhandel vor. "Aber ich weiß von meinen Patienten, dass die Dealer immer noch überall sind", sagt Henriques. Deshalb will Michael so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren. "Ich habe große Angst, dass ich, wenn ich hierbleibe, wieder dieselben Leute treffe und alles von vorne anfängt."

Quelle: n-tv.de, Phil Hazlewood, AFP

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