Reise
Freitag, 17. Dezember 2010

Jede Menge Weihnachtstouristen: Bethlehem hat kein Zimmer frei

In Bethlehem sind die Weihnachtsfeiern immer etwas ganz Besonderes - immerhin ist es die Stätte der Weihnachtsgeschichte. In diesem Jahr hoffen die Palästinenser auf einen Besucher-Rekord von bis zu zwei Millionen. Doch Israels Besatzung schlägt weiter auf die Stimmung.

Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche in Bethlehem.
Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche in Bethlehem.(Foto: dpa)

Wenn Maria und Josef heute nach Bethlehem kämen, würden sie bestimmt wieder keine Unterkunft finden. Denn die Hotels in der Palästinenserstadt sind zur Weihnachtszeit ausgebucht. "Sie werden in der Woche um Weihnachten nicht ein Zimmer in Bethlehem finden", sagt der stellvertretende Bürgermeister der Stadt im Westjordanland, George Saadeh, bei einer Führung. Ungeachtet der Härten der fortwährenden Besatzung durch Israel erlebt die historische Stadt in den letzten Jahren einen neuen Tourismusboom.

Gut eine Woche vor Weihnachten ist die Stadt für das Fest geschmückt, über den Straßen hängen grüne Girlanden und an den Hauswänden sind silberne Sterne befestigt. Der große Weihnachtsbaum auf dem zentralen Krippenplatz vor der Geburtskirche ist zur Einstimmung auf die besinnlichen Tage schon feierlich erleuchtet.

Andenken aus dem Heiligen Land

In den vielen Souvenirläden verkaufen die Händler ihre Andenken aus dem Heiligen Land, darunter geschnitzte Madonnenbilder und Tiere aus Olivenholz. Auch auf der Straße versuchen sie, ihre Waren an den Mann zu bringen, mitunter auf etwas rabiate Weise. "Bitte helfen Sie mir, meine Familie zu ernähren", drängt einer der Händler, der eine Tasche mit palästinensischen Stickereien verkaufen will. Ein "Nein" will er nicht akzeptieren. Auch bettelnde Palästinenserkinder heften sich beharrlich an die Fersen der Besucher.

Jesusstatuen in einem Souvenirladen in Bethlehem.
Jesusstatuen in einem Souvenirladen in Bethlehem.(Foto: REUTERS)

Die Touristen scheinen sich daran nicht weiter zu stören: Die Palästinenserbehörde rechnet bis zum Jahreswechsel mit einer Rekordzahl von bis zu zwei Millionen Besuchern in der Stadt, in der Jesus nach christlicher Überlieferung das Licht der Welt erblickt hat. Die Palästinenser freuen sich darüber, dass etwa die Hälfte der Touristen auch in Bethlehem übernachtet sowie Restaurants und Cafés in der Stadt besucht. Mehr als 30 Hotels gibt es heute in der Stadt, während es 1995 nur ein Fünftel davon waren. Im krassen Gegensatz zu ihrem großen Ruhm ist die Stadt sehr klein und hat nur etwa 28.000 Einwohner, davon 27 Prozent Christen. Im ganzen Gouvernement Bethlehem leben 185.000 Palästinenser.

"Offenes Gefängnis"

Die Wirtschaftslage hat sich in den letzten Jahren verbessert, doch die Einwohner Bethlehems leiden weiter unter der Besatzung. Saadeh beschreibt die Stadt, die zu großen Teilen von einer hohen Betonmauer umgeben ist, als "offenes Gefängnis". "Man kann zwar umhergehen, aber man stößt durch die Mauer sehr schnell an die Grenzen." Israel hatte die Sperranlage im Westjordanland nach zahlreichen palästinensischen Selbstmordanschlägen im Kernland errichtet - viele der Täter kamen auch aus Bethlehem.

Ein palästinensischer Schnitzer fertigt in einer Werkstatt in Bethlehem Holzstatuen von Maria und Jesus.
Ein palästinensischer Schnitzer fertigt in einer Werkstatt in Bethlehem Holzstatuen von Maria und Jesus.(Foto: REUTERS)

Durch Slogans und Graffiti auf der Betonmauer drücken die Bethlehemer ihren Widerstand gegen den verhassten Bau und ihre Sehnsucht nach Freiheit aus. An einer Stelle ist ein wuchtiges Nashorn aufgemalt, das die Mauer durchbricht. Wenige Meter weiter folgt ein eher humorvolles Bild: Ein Pinguin fliegt mit einem Propeller in den Farben der Palästinenserflagge in die Höhe, um die Mauer zu überwinden.

Die historische Einfahrt nach Bethlehem ist durch drei eiserne Tore versperrt, die nur dreimal im Jahr geöffnet werden, um Weihnachtsprozessionen durchzulassen: Für die Katholiken, die Griechisch-Orthodoxen und die Armenier.

Hier ist alles passiert

Chulud Deibas, die palästinensische Tourismusministerin, nennt die Weihnachtsfeiern in der Geburtsstadt Jesu eine "Quelle der Freude und des Stolzes". "Denn hier ist es immerhin alles passiert", sagt die lebhafte Frau, die in Hannover Architektur studiert hat und fließend Deutsch spricht.

Bethlehem hat etwa 28.000 Einwohner, ein Viertel davon sind Christen.
Bethlehem hat etwa 28.000 Einwohner, ein Viertel davon sind Christen.(Foto: dpa)

Die christliche Minderheit wird in den Palästinensergebieten wegen Repressalien immer kleiner - tausende sind im vergangenen Jahrzehnt ins Ausland abgewandert, aus wirtschaftlichen Gründen, wegen der Besatzung und wegen Drucks radikaler Islamisten. Deibas betont jedoch, die Christen seien ein "integraler Teil der palästinensischen Gesellschaft".

Tourismus für den Frieden

Sie sieht den Tourismus als "wichtiges Instrument, um den Frieden voranzutreiben". "Es gibt da ein riesiges Potenzial, das noch nicht genutzt wird. Stellen Sie sich vor, wenn Bethlehem offen und frei wäre!" Auch in arabischen Ländern gebe es ein enormes Interesse am Besuch der Stadt. Eine der größten Besuchergruppen seien gegenwärtig Touristen aus Russland - in diesem Jahr stolze 450.000.

Zu Weihnachten wünschen sich die Einwohner Bethlehems vor allem einen unabhängigen Palästinenserstaat im kommenden Jahr. "Hoffentlich können wir nächstes Jahr schon ohne Besatzung Weihnachten feiern", lautet das Stoßgebet des Gouverneurs von Bethlehem, Abdel Fatah Hamajel. Dabei steht er direkt neben der Mauer.

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Quelle: n-tv.de