Reise
Mittwoch, 05. Dezember 2007

Kuckucksuhr, Wurst und Bier: Deutsche in Venezuela

Historiker Samuel Briceo Kanzler befürchtet Einschränkungen durch die Sozialisierungsmaßnahmen von Präsident Chavez.
Historiker Samuel Briceo Kanzler befürchtet Einschränkungen durch die Sozialisierungsmaßnahmen von Präsident Chavez.

Samuel Briceo Kanzler sitzt auf einem Holzstumpf in seinem Garten und blickt gedankenverloren auf die Dorfkirche aus schwarz-weißem Fachwerk. "Das ist nicht mehr meine Welt", murmelt er. Dicke Jeeps quetschen sich durch die Calle Hessen, Abgase verpesten die frische Bergluft, vor dem Caf Muhstall ertönt ein lautes Hupkonzert. Ein Wegweiser zeigt rechts in die Hauptstadt Caracas, links ins Dorfzentrum der Colonia Tovar. Der 65 Jahre alte Dorfhistoriker Briceo Kanzler fürchtet den Einfall der venezolanischen Touristen am Wochenende. Dann ist es vorbei mit der Beschaulichkeit in der 1843 gegründeten Schwarzwald-Kolonie.

Die Colonia Tovar ist deutscher als manches Schwarzwalddorf - auf den ersten Blick zumindest. Der Lottoladen heißt "Das Glück", die Bäckerei "Das Brot". Der Verkaufsschlager ist die Wurst. "Ein guter Gast findet hier Rast. Ein froher Gast ist niemals Last", steht in Sütterlin-Schrift im Muhstall als Wandspruch geschrieben. Trachtentragende Kellnerinnen mit tief ausgeschnittenen Dekollets servieren Erdbeertörtchen aus Mürbeteig mit einem großen Klacks Schlagsahne oder wie bei Oma in der Küche duftendes Eisbein mit Sauerkraut. Die Restaurants und Hotels heißen Rebstock, Edelweiß, Baden, Freiburg, Schwarzwald oder schlicht Bierstube. Das erste Bier Venezuelas wurde in der Colonia Tovar gebraut.

An den Wochenenden wird die Kolonie von Touristen überströmt.
An den Wochenenden wird die Kolonie von Touristen überströmt.

Doch hinter der Fassade ist nicht alles deutsch was glänzt: Durch den Tourismus verliere die Kolonie langsam aber stetig ihre Traditionen, sagt Historiker Kanzler, diese einseitige Ausrichtung fresse die historischen Wurzeln und das Erbe der Koloniegründer auf. Das ist es, was ihn pessimistisch stimmt. Es gebe starke Spannungen in der Kolonie. Die einen wollen das Erbe bewahren und plädieren für einen sanften Tourismus. "Aber die Ortsvorsteher würden sogar noch die Mülltonnen gewinnbringend vermarkten."

Mit dem Gewehr gegen Chavez

Und zu den inneren Problemen gesellt sich nun auch noch Unheil von außen, Venezuelas Volkstribun Hugo Chvez hat ein Auge auf die florierende Siedlung geworfen. In seiner wöchentlichen Fernsehsendung "Alo Presidente!" soll er gesagt haben, dass er sich die Colonia Tovar ganz gut als zweiten Regierungssitz vorstellen könnte. Die Deutschstämmigen fürchten, dass im Zuge der chavistischen Sozialisierungsprojekte auch die Gebietsschenkungen von 1843 rückgängig gemacht und Ländereien beschlagnahmt werden könnten. "Wenn sie kommen, verteidige ich mein Haus zur Not mit dem Gewehr", sagt Samuel Briceo Kanzler. Er sieht sehr entschlossen dabei aus.

"Das Brot", "Das Glück", "Muhstall" und "Bierstube" heißen die Läden und Kneipen.
"Das Brot", "Das Glück", "Muhstall" und "Bierstube" heißen die Läden und Kneipen.

Der Historiker lebt in der Villa Jahn, einem Haus der Gründerväter. Die Wohnzimmer-Dielen knarzen, die rot-karierten dicken Stoffgardinen muffeln nach langer Geschichte. Die Fensterläden sind geschlossen. Abschottung nach außen - zumindest am Wochenende. 163 Jahre hat das Fachwerkhaus auf dem Buckel. Es hat miterlebt, wie hart die Anfangsjahre hier im Bergregenwald waren. Vergilbte Schwarzweißfotos zeigen die ersten Männer der Kolonie.

Während draußen die Venezolaner Kuckucksuhren, Erdbeermarmelade, Schinken und Trachten an den Straßenständen kaufen, blättert der Historiker in seinem Buch "La Colonia Tovar y su gente" (Die Colonia Tovar und seine Menschen). "Das kann man auch kaufen, aber keiner kauft es", sagt er. Die Besucher wollten nur eine Art deutsches Disneyland erleben. 1964 wurde die Colonia Tovar per Regierungsdekret zur Tourismuszone deklariert. Zunächst kamen nur ein paar Deutsche vorbei, um die Kuriosität in der tropischen Bergkordillere - unweit der Karibikküste - unter die Lupe zu nehmen. In den 80er Jahren setzte der venezolanische Massentourismus ein. Ein Zusammenprall der Kulturen, der Fluch und Segen zugleich für die Kolonie bedeutet.


Trachten-Theater für Touristen

Das Tragen der Trachten sei doch nur Theater für die Touristen, sagt Briceo Kanzler. Mit ausgebreiteten Armen, die an den Schlusssegen in der Kirche erinnern, rezitiert er im Wohnzimmer der Villa Jahn eine poetische Hommage an die Kolonie. Er träumt davon, historische Touren anzubieten, bei einem Rotwein gemeinsam Gedichte der Kolonie vorzulesen und die von Generation zu Generation weitergegebenen Anekdoten zu erzählen. Aber auch sein Stammbaum ist Indiz für die Veränderungen der Zeit: Die Mutter ist Deutsche, der Vater Venezolaner. "Unsere Familie hat sich komplett vermischt, nur noch 20 Familien sind vollständig deutschstämmig", sagt er.

1996 besuchte der damalige Bundespräsident Roman Herzog die Kolonie.
1996 besuchte der damalige Bundespräsident Roman Herzog die Kolonie.

Das sei nicht weiter schlimm, nur interessiere sich gerade die Jugend zu wenig für die Ursprünge der Kolonie. Beispielsweise dafür, wie die Urururgroßväter hierhin gekommen sind. Der venezolanische Staat suchte 1842 tüchtige Einwanderer, um das Land zu kolonisieren. Der italienische Geograph Agustin Codazzi bekam den Auftrag, Siedler zu suchen. Codazzi wurde im Kaiserstuhl in Baden fündig. Hungersnot und Elend ließen die Menschen von einem neuen Leben träumen. In wenigen Wochen erklärten sich 80 Familien zur Auswanderung bereit.

Am 18. Dezember 1842 machten sich 389 Wagemutige - überwiegend aus Endingen und Wyhl - rheinabwärts auf den Weg nach Straßburg. Von dort ging es für die Maurer, Handwerker, Metzger, Schumacher und Bauern drei Wochen zu Fuß 680 Kilometer bis zum Hafen in Le Havre und dann per Schiff nach Venezuela. Nach 112 Tagen Reise erreichten sie - von Durchfall und Gelbfieber gezeichnet - im April 1843 ihre neue Heimat.

Die Bindungen zu Deutschland werden wieder enger

Ein Problem liegt 164 Jahre später darin, dass die Mehrheit der nachfolgenden Generationen niemals in der alten Heimat gewesen ist. "Wir wüssten gerne, ob es im Schwarzwald wirklich noch so aussieht, wie hier bei uns", sagen die beiden Muhstall-Kellnerinnen Carmen Misle und Miriam Gutt. Zwischen Strudel und Streuselkuchen erklären die beiden 30-jährigen Frauen, wie bedeutend der Tourismus für die 10.000 Einwohner ist.

Aber dennoch würden Traditionen gelebt und seien nicht nur Kitsch. Durch die Hochzeit des Kolonisten Pablo Dürr aus Tovar mit einer Dame aus dem Kaiserstuhl wurden seit Ende der 70er Jahre die Bindungen zur Heimat wieder enger und Traditionen wie die Fastnacht neu belebt. Der 2006 verstorbene Conrad Koch brachte mit einer Doktorarbeit über die Genealogie der Kolonie vergessene Familienstammbäume zum Vorschein.

Im Januar 2007 nahm ein Jokili aus Tovar an einem internationalen Narrentreffen in Ending teil.
Im Januar 2007 nahm ein Jokili aus Tovar an einem internationalen Narrentreffen in Ending teil.

Wer aber in Colonia Tovar heute noch blonde Menschen mit akkurat geschnitten Schnurrbärten erwartet, muss in die abgelegenen Siedlungen außerhalb der kleinen Stadt fahren. Dorthin, wo die Menschen weiter isoliert leben, wo die Frauen lange Kleider und Stoffhauben tragen, Sätze wie "Jede Dag in d'r Früh fange mer an un' gehn rüs uf's Feld. Mir läbe vun d'r Landwirtschaft", sprechen und den Tag in Erdbeer- und Mangoldfeldern verbringen. Die Mundart, die Architektur, das Essen und die alemannische Fastnacht sind die deutlichsten Zeichen der Herkunft der emsigen Siedler.

Im Zweiten Weltkrieg war Deutsch verpönt

Was kaum noch zu finden ist, ist klassisches Deutsch. "Wir können alles außer Hochdeutsch" - dieser Werbeslogan Baden-Württembergs lässt sich hervorragend auf den kleinen Ableger in Venezuela übertragen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Kolonie ihre Sprache genommen, Deutsch durfte nicht mehr in den Schulen unterrichtet werden. Als Venezuela 1945 Deutschland den Krieg erklärte, musste auch Deutschlehrer Richard Aretz die Colonia Tovar und das Land verlassen.

"Abgesehen von einigen Wiederbelebungsversuchen in den 90er Jahren war dies das Ende des flächendeckenden Deutschunterrichts", sagt Haidi Collin, Kulturbeauftragte der Kolonie. Auch der Gottesdienst wird seit einigen Jahren nur noch auf Spanisch gehalten. Was sich hingegen bis heute vererbt hat, ist die badische Mundart. "Bi uns ka mer au alemannisch schwätze", steht auf einem Aufkleber an Collins Computer. In einer weiteren Funktion ist sie auch Beauftragte für den Erhalt des Alemannischen, sie arbeitet an einem Dialekt-Wörterbuch.

Die badische Fastnacht wird gepflegt

Draußen am Haus prangt ein riesiger gelb-rot-blauer Jokili, die eulenspiegelhafte Hauptfigur der Fastnacht in Endingen - dem Herkunftsort der meisten Einwanderer der Colonia Tovar. Das sei die andere Seite der Medaille, sagt die 40-Jährige. "Weil die Besucher als Einnahmequelle so wichtig sind, werden Traditionen wie die Fastnacht besonders stark gepflegt."

Nicht nur die Colonia Tovar hat mit dem Zwiespalt zwischen Tradition und Tourismus, zwischen Kultur und Kommerz zu kämpfen. Anderen deutschen Gemeinschaften in Lateinamerika geht es ähnlich. Die stärkste Traditionspflege bildet oft das jährliche Oktoberfest, das in ganz Lateinamerika ein großer Publikumsmagnet ist. Etwa sechs Millionen Deutschstämmige gebe es heute in Lateinamerika, sagt der Kölner Historiker Holger M. Meding. Die Zahl der Deutschsprechenden beläuft sich aber schätzungsweise nur auf rund zwei Millionen. Das Problem liegt auch darin, dass es heute keine Einwanderung aus Deutschland mehr gibt, die eine Brücke zur Heimat schlagen könnte.


"Die auslandsdeutschen Gemeinschaften in Lateinamerika werden immer älter und können in ihren oftmals altväterlichen Institutionen den Jüngeren immer weniger die Vorteile eines Lebens in zwei Kulturen vermitteln", sagt Meding. Welche Möglichkeiten es gibt, eine Integration in Venezuela oder anderen lateinamerikanischen Ländern zu schaffen, ohne die Wurzeln nach Deutschland zu kappen, diskutierten alle deutschen Gemeinschaften in Lateinamerika kürzlich bei einem Treffen in der Colonia Tovar.

Durch eine stärkere Vernetzung, Einbindung der Jugend und eine Förderung von Austauschprogrammen mit der deutschen Heimat wollten die Teilnehmer dem aktuellen Trend entgegenwirken. Haidi Collin und Samuel Briceo Kanzler hoffen auf neuen Enthusiasmus, Traditionen nicht nur zu dekorieren, sondern mit Leben zu füllen und den Kontakt zur Heimat zu stärken. Die Colonia Tovar ging mit gutem Beispiel voran: Aus Anlass des Treffens wollten in der venezolanischen Schwarzwaldkolonie Alphornbläser vom Kaiserstuhl auftreten.

Quelle: n-tv.de