Reise
Freitag, 27. August 2010

Ehemaliges Stalinstadt wird 60: Eisenhüttenstadt feiert

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Sie galt in der DDR als erste sozialistische Stadt. Vor 60 Jahren begann der Aufbau einer Mustersiedlung für Arbeiter, die später Eisenhüttenstadt genannt wurde. Sie zieht wegen ihrer Geschichte und ihres Erscheinungsbildes heute viele Architekturfreunde und Touristen an. Die Kommune hat derzeit viele Probleme - gefeiert wird trotzdem.

Blick auf das Stahlwerk von Arcelor Mittal in Eisenhüttenstadt.
Blick auf das Stahlwerk von Arcelor Mittal in Eisenhüttenstadt.(Foto: dpa)

Am Anfang war der märkische Boden mit seinen Bäumen. Inge Grund erinnert sich: "Wir haben kleine Bäume herausgerissen, größere gefällt. Für das Hochofenfundament haben wir die Grube ausgehoben." In den 50er Jahren war sie als junge Frau dabei, als im Osten der DDR ein großes Stahlwerk und zugleich die erste sozialistische Musterstadt beinahe aus dem Nichts, aber mit viel Arbeit, bei Fürstenberg (Oder) wuchsen. Die Siedlung heißt seit 1961 Eisenhüttenstadt.

Die auf dem Reißbrett entstandene Stadt sollte den Arbeitern nur ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges moderne Wohnungen, ein Theater, Versorgung und Kinderkrippen bieten. An diesem Wochenende feiert die brandenburgische Stadt an der deutsch-polnischen Grenze mit einem Fest ihren 60. Geburtstag.

Brücke über den Oder-Spree-Kanal im Eisenhüttenstädter Ortsteil Fürstenberg.
Brücke über den Oder-Spree-Kanal im Eisenhüttenstädter Ortsteil Fürstenberg.(Foto: dpa)

"Andere haben noch in Ruinen gewohnt, hier wurde mit Dekadenz gebaut", sagt die Geschäftsführerin des Tourismusvereins Oder-Region Eisenhüttenstadt, Kathrin Henck. Unweit des Stahlwerkes wurden Wohnkomplexe mit Arkaden, Fassadenschmuck, Balkonen und Grünflächen hochgezogen. "Es sollte eine Vorzeigestadt sein." Die einst in der DDR als erste sozialistische Stadt gepriesene Kommune wurde in Anlehnung an das Eisenhüttenkombinat EKO-Wohnstadt genannt. 1953 erhielt sie den Namen Stalinstadt, 1961 dann Eisenhüttenstadt.

Geschichte der DDR hier ablesbar

"Die Geschichte der DDR kann man an dieser Stadt ablesen", meint Henck. Während in den Aufbaujahren Arbeiterpaläste entstanden, seien die Gebäude der insgesamt sieben Wohnkomplexe zuletzt immer schmuckloser geworden ­- aus ihrer Sicht eine Parallele zu der Entwicklung der DDR. "Heute sind wir eine Stadt von vielen." Eine, die wegen ihrer Geschichte und ihres Erscheinungsbildes gleichwohl zahlreiche Architektur-Freunde und Touristen anzieht, wie sie betont.

Bürgermeisterin Dagmar Püschel im Rathaus vor einem Gemälde des Malers Walter Womacka von Eisenhüttenstadt im Jahr 1958 (damals Stalinstadt).
Bürgermeisterin Dagmar Püschel im Rathaus vor einem Gemälde des Malers Walter Womacka von Eisenhüttenstadt im Jahr 1958 (damals Stalinstadt).(Foto: dpa)

Die Einheimischen mussten nach dem Untergang der DDR mit Arbeitslosigkeit, Abwanderung und dem Bedeutungsverlust ihrer Stadt kämpfen. 1990 lebten hier mehr als 50.000 Menschen, wie die heutige Bürgermeisterin Dagmar Püschel (Linke) sagt. Gegenwärtig gebe es nur noch knapp 31.000 Eisenhüttenstädter, der Altersdurchschnitt liege bei rund 48 Jahren. "Viele junge Leute verlassen die Stadt, weil sie für sich keine Perspektive sehen."

Die Arbeitslosenquote gibt Püschel mit zwölf Prozent an. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten steige jedoch, sagt die Bürgermeisterin. Während das Stahlwerk einst 12.000 Menschen Arbeit geboten habe, seien heute im Werk von ArcelorMittal und den Betrieben in seinem Umfeld nur noch die Hälfte beschäftigt.

Einst begehrte Wohnungen abgerissen

Drei schmucke Wohnkomplexe stehen heute in Eisenhüttenstadt unter Denkmalschutz - andere der einst begehrten Wohnungen wurden wegen Leerstandes abgerissen. Von 2003 bis Ende vergangenen Jahres verschwanden mehr als 4400 Wohnungen, gerade bei den stark verwurzelten Eisenhüttenstädtern ein nicht unumstrittener Vorgang, wie die Bürgermeisterin berichtet.

Leerstehend und zugemauert: Einige der Gebäude der einstigen Mustersiedlung wurden abgerissen.
Leerstehend und zugemauert: Einige der Gebäude der einstigen Mustersiedlung wurden abgerissen.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die 76 Jahre alte Eisenhüttenstädterin Inge Grund zeigt sich skeptisch. "Man hat manchmal den Eindruck, es geht den Bach runter", sagt sie und lässt ihren Blick über die Straße der Republik, eine der Magistralen, schweifen. Vor Jahrzehnten seien die Menschen glücklich gewesen, wenn sie eine der begehrten Wohnungen bekommen konnten. Heute stehe vieles leer. Die Hoffnung für ihre Stadt will sie aber trotzdem nicht aufgegeben.

Quelle: n-tv.de