Reise

Rostiges Riesenrad und Gasmasken Tschernobyl ist nun Touristenziel

Katastrophentourismus kann man das ja nicht mehr wirklich nennen, immerhin sind 24 Jahre vergangen seit der bislang schlimmsten Atomkatastrophe der Geschichte. Aber die verstrahlte Zone um Tschernobyl lockt jedes Jahr tausende Besucher an, die eine besondere Neugier - oder Voyeurismus - hierher holt.

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Gespenstisch: In diesem Hotel wohnt schon lange niemand mehr.

(Foto: dpa)

Die US-Zeitschrift Forbes schreibt von einer "weltweit einmaligen Sehenswürdigkeit", für die sich der Eintritt von umgerechnet 122 Euro pro Tag durchaus lohnt: Tschernobyl, 1986 Schauplatz der weltweit schlimmsten Atomkatastrophe der Geschichte, ist heute eine Attraktion für Tausende von Besuchern im Jahr. Fast 25 Jahre nach dem Super-GAU in dem Kraftwerk aus der Sowjetära lockt die verstrahlte Zone mit der verlassenen Stadt Pripjat Busladungen voller Neugieriger an - allein im vergangenen Jahr waren es nach offiziellen Angaben rund 7500 Besucher.

Ein kleiner Bus bringt Touristen an den Rand des Sperrgebietes. Ohne Genehmigung ist es noch immer nicht zugänglich. Am Eingang muss jeder Besucher unterschreiben, dass er die Regeln beachten wird, die eine Kontaminierung verhindern sollen: Kein Essen und Rauchen, kein Berühren von Gegenständen, kein Sitzen auf der Erde, kein Abstellen von Taschen. Die Besucher unterschreiben mit nervösem Lachen.

Ein bisschen Angst

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Riesenrad im Vergnügungspark.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die junge belgische Psychologin Davinia Schoutteten räumt ein, sie habe schon "ein bisschen Angst" vor der Radioaktivität. Ihre Schuhe wolle sie nach dem Besuch wegwerfen. Trotzdem geht sie mit den anderen Besuchern zum havarierten Reaktor und seinem inzwischen rissigen Betonmantel. Der Geigerzähler misst eine Strahlenbelastung von 3,9 Microsievert - normal sind 0,12.

Danach geht die Reise zur verlassenen Stadt Pripjat. Nur drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt sie heute in der unbewohnbaren Zone. 1970 für die Beschäftigten von Tschernobyl erbaut, mussten alle 50.000 Einwohner sie am Tag nach der Katastrophe verlassen - für immer. Seither ist Pripjat eine Geisterstadt. Noch immer hängen Schilder aus der Sowjetzeit an Gebäuden in der Nähe eines verfallenen Vergnügungsparks, dessen Riesenrad Rost angesetzt hat. In einer Wohnung liegen Bücher und Spielzeuge verstreut auf dem Boden. Hunderte Gasmasken liegen auf dem Boden einer Schulcafeteria. In einem Klassenzimmer hängt noch der Stundenplan für die Woche nach dem Unfall an der Wand.

"Wie ein Voyeur"

"Es ist sehr traurig", sagt die junge Australierin Bobby Harrington etwas verlegen. "Die Bilder sind wunderschön und poetisch, aber durch die ganze Tragödie fühle ich mich unbehaglich, wenn ich fotografiere." Sie schaut auf ihre Kamera: "Ich fühle mich wie ein Voyeur. Vielleicht ist es noch zu früh, viele der Leute leben ja noch."

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Gasmaske und Puppe in einem ehemaligen Kiindergarten in Pripjat.

(Foto: picture alliance / dpa)

Andere Besucher haben weniger Hemmungen, für sie ist die gespenstische Szenerie Testament eines historischen Ereignisses. "Ich wollte diesen Ort immer sehen, seit es passiert ist. Es ist ein sehr wichtiger Teil unserer jüngeren Geschichte", sagt der schwedische Musiker Karl Backman. "Ich finde es nicht grotesk. Es ist nicht anders, als wenn man das Kolosseum in Rom besichtigt, dort starben auch Menschen, oder Auschwitz."

Am 26. April 1986 um 01.23 Uhr explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 und kontaminierte weite Teile der damaligen Sowjetstaaten Ukraine, Weißrussland und Russland und sogar Teile Westeuropas. Bis heute gelten in einigen Ländern Einschränkungen beim Verzehr von Lebensmitteln, die durch den radioaktiven Niederschlag belastet sind.

Tausende so genannte Liquidatoren aus der Ukraine, Russland und Weißrussland halfen anschließend bei der Versiegelung des Reaktors, viele bezahlten mit ihrem Leben. Umstritten ist noch immer die Zahl der Todesopfer. Die Vereinten Nationen nannten 2005 die Zahl von 4000 Toten. Nichtregierungsorganisationen gehen von bis zu Hunderttausenden Opfern aus. Allein in der Ukraine gelten 2,3 Millionen Menschen offiziell als "von der Katastrophe betroffen", beispielsweise durch höhere Krebsraten.

Quelle: ntv.de, Anya Tsukanova, AFP

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