Sport

Monster, Mythen, Helden-Sagen100 Jahre Galibier bei der Tour

21.07.2011, 07:14 Uhr
imagevon Thomas Badtke
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Das Bild täuscht: Die Wetterlage beim Anstieg auf den Galibier kann tückisch sein. (Foto: REUTERS)

1998 will Jan Ullrich seinen zweiten Tour-Triumph perfekt machen. Marco Pantani und der Col du Galibier haben etwas dagegen. Der "Monster-Berg" begrüßt den Deutschen mit Wind, Regen, Kälte und einem steilen, nicht enden wollenden Anstieg. Der Mythos Galibier schlägt wieder einmal zu.

Der Col du Galibier hat viele Namen: Alpen-Riese, Monster-Berg, Gigant, Monument der Tour. Am treffendsten erscheint aber "Olymp des Radsports" für den 2645 Meter hohen Alpen-Gipfel. Hier werden Radsport-Helden geboren - und das seit nunmehr 100 Jahren.

1911 steht er erstmals auf dem Programm der Tour de France, der größten, bekanntesten und beliebtesten Radrundfahrt der Welt. Der Gründer der "Grande Boucle", Henri Desgrange, sorgt höchstpersönlich dafür. Er hat einen Narren an dem "Monster" gefressen: "Neben dem Galibier erblassen alle andere - egal ob Col du Bayard oder Tourmalet - als kleine Hügel", schreibt Desgrange in seiner Zeitschrift "L’Auto" damals. Wie die Radsportler damit zurechtkommen, ist ihm egal. Der Tour-Sieger 1911 Gustave Garrigou soll Desgrange deshalb als "Bandit!" beschimpft haben. Aber da ist die erste Legende rund um den Galibier bereits geboren.

Ein Finger für den Sieg

1911 führt eine Tour-Etappe von Chamonix nach Grenoble. 366 Kilometer ist sie lang. Aber damit nicht genug, das Teilstück umfasst auch den Galibier. Der Etappensieger heißt Emile Georget. Er soll als einziger nicht von seinem Rad gestiegen sein, trotz einer damals festen Übersetzung von 22x11 Zähnen. Unzählige weitere Legenden folgen - bei immerhin mehr als 50 weiteren Überquerungen.

1932 etwa fährt der spätere Etappensieger Andre Leducq ohne Handschuhe über den Alpenriesen. Ein Schneesturm tobt und Leducq verliert einen Finger. 1935 sorgt das "Monster" Galibier auch für den ersten Toten bei der Tour: Der Spanier Francisco Cepeda kommt bei der Abfahrt vom Galibier von der Straße ab, stürzt in eine Schlucht und stirbt wenig später in einem Krankenhaus.

Von Gaul bis Merckx

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Federico Bahamontes, der spanische Bergspezialist, im Anstieg auf den Galibier. 1954 überquert er ihn als Etappenführender. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wer sich auf dem Galibier in die Liste derer eintragen kann, die ihn als Erste während einer Etappe überquerten, macht sich unsterblich und verewigt sich unweigerlich in den Geschichtsbüchern des Radsports: Gino Bartali (1937), Charly Gaul (1959), Federico Bahamontes (1954, 1964), Eddy Merckx (1969), Lucien van Impe (1979) oder Marco Pantani (1998).

Pantani macht es damals - in der Hochphase des Epo-Dopings - seinem italienischem Vorbild Fausto Coppi nach. Der hatte 1952 seinem damaligen Konkurrenten Gino Bartali mehrere Minuten am Galibier abgenommen und damit den Grundstein für seinen Toursieg gelegt.

Pantani macht "Ulle" nass

Pantani eifert ihm 1998 nach. Es ist der 27. Juli. Exakt ein Jahr zuvor hat Jan Ullrich als erster und bis heute einziger Deutscher die Frankreich-Rundfahrt gewonnen. Ullrich fährt im Gelben Trikot des Gesamtführenden. Er hat 3:46 Minuten Vorsprung im Gesamtklassement vor dem "Piraten", wie Pantani auch genannt wird, bevor es zu der Etappe nach Les Deux Alpes geht - und damit über den Galibier. Es ist kalt. Es regnet. "Ulle-Wetter" sieht anders aus. Dennoch hält er durch, kann die Attacken zunächst parieren, aber der Anstieg ist unerträglich lang.

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Einen Tag nach der denkwürdigen Galibier-Etappe 1998: Marco Pantani fährt im Gelben Trikot, das zuvor noch die Schultern von Jan Ullrich schmückte. (Foto: REUTERS)

Irgendwann ist Schluss mit lustig. Pantani erhebt sich aus dem Sattel, tänzelt mit der ihm eigenen, unnatürlichen Leichtigkeit davon. Ullrich versucht hinterherzugehen. Ein paar Tritte später muss er einsehen: Das ist nicht mein Tempo. Das ist nicht mein Wetter. Das ist nicht mein Berg. Er resigniert. Das Problem dabei: Nach dem Galibier geht es noch einmal bergan - nach Les Deux Alpes. Am Ende kommt Ullrich - nach einem Hungerast und mit vom Regen dick geschwollenen Augen - abgeschlagen ins Ziel. Pantani hat ihm den Zahn gezogen und entscheidet wenig später nach dem Giro d’Italia auch die Tour de France für sich.

Ein Beigeschmack bleibt, denn Pantani gerät wegen unnatürlich hoher Hämatokritwerte, wie sie bei Blutdoping typisch sind, unter Betrugs-Verdacht. 2004 stirbt er in Rimini an einer Überdosis Kokain. Viele Fans und Experten sind sich einig, dass er mit dem Ruhm des Sieges bei der Tour de France nicht klargekommen ist. Ullrich wiederum gewinnt nie wieder eine Tour. Auch er gerät im Zuge des Fuentes-Skandals unter Verdacht. Nach 21-monatigen Ermittlungen kommt die Staatsanwaltschaft Bonn 2008 auch ohne Schuldeingeständnis zum dem Schluss: Ullrich hat gedopt. Der beteuert bis heute, nie jemanden betrogen zu haben.

Zum Jubiläum gleich doppelt

Das sind nur einige der unzähligen Dramen, zu denen dieser "Monster-Berg" mit seinen unmenschlichen Anforderungen beigetragen hat. Der Anstieg hinauf misst mehr als 39 Kilometer. Rund 2000 Höhenmeter müssen überwunden werden. Hinzu kommt die dünne Luft rund um den in 2645 Metern thronenden Gipfel. Das Wetter ist ebenso launisch wie der Radsport-Gott. In diesem Jahr könnte den Fahrern ein Schneerennen blühen.

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Kehre um Kehre geht es nach oben auf den Galibier - in diesem Jahr sowohl von der Nord- als auch der Südseite. (Foto: REUTERS)

Schenkt man den Wetterberichten Glauben, dürfte es zumindest nass und kalt werden zum 100-jährigen Jubiläum. Ein Jubiläum, das gleich doppelt begangen wird: Der Galibier ist Ziel und Bergankunft der 18. Etappe. Am Freitag steht das "Monster" erneut auf dem Tour-Programm. Dann führt die Etappe von Modane Valfrejus über den Col de Telegraphe und den Galibier hinauf nach Alpe d’Huez.

Die beiden Etappen auf und über den Galibier sind die beiden entscheidenden der 98. Tour de France. Triumph und Tragik werden eng beieinanderliegen. Hunderttausende an der Strecke und Millionen an den Fernsehschirmen werden das Freilichtspektakel verfolgen und eventuell auch Zeugen werden, wie dem Mythos Galibier ein weiteres Kapitel hinzufügt wird.