Sport

Kronzeugen-Regel für Ullrich? DOSB-Präsident Bach skeptisch

DOSB-Präsident Thomas Bach steht einer Kronzeugen-Regelung bei Dopingsündern grundsätzlich offen gegenüber, wenn sie zur Enttarnung der Hintermänner führt. Im Fall von Jan Ullrich betrachtet Bach die von Doping-Experte Prof. Werner Franke vorgeschlagene Anwendung der Regel allerdings skeptisch.

Man müsse diese Möglichkeit im Auge behalten, dürfe sie aber auch nicht verschenken, sagte der Vorsitzende der Juristischen Kommission im Internationalen Olympischen Komitee: "Wenn sich die Beweislage nach den Durchsuchungen der deutschen Ermittler vom Donnerstag als eindeutig erweisen sollte, brauchte man einen Athleten nicht unnötigerweise schonen."

Der Welt-Antidoping-Code sieht die Möglichkeit einer Strafmilderung ausdrücklich vor, "wenn der Beschuldigte substanzielle Hilfe zur Aufklärung geleistet hat". Auch der Oberste Sportgerichtshof CAS habe, so Bach, stets auf die "individuelle Bewertung jedes Einzelfalles" hingewiesen. Ob Ullrich im jetzigen Stadium aber noch wesentliche neue Aspekte beitragen könne, müsse abgewartet werden, sagte der IOC-Vize.

Franke hatte angeregt, dem Toursieger von 1997 eine goldene Brücke zu bauen, um im spanischen Dopingskandal an weitere "der Hauptverantwortlichen im Umfeld" heranzukommen. "Wenn Ullrich bereit ist, als Kronzeuge auszusagen, sollten die Sportgerichte ihm eine verkürzte Sperre von nur einem Jahr anbieten", sagte der Heidelberger.

Charmanter Weg


Es sei seit langem sein Konzept, Sportlern den Zeugenstand anzubieten, erklärte Franke: "Der Weg über das Arzneimittelgesetz, auf das sich die deutschen Ermittler beziehen, hat ja den Charme, dass er diese Chance bietet, weil es die Athleten als Konsumenten nicht mit Strafe bedroht." Auf dieser Basis müssten Staat und Sportgerichte kooperieren.

Über den Zugriff in der deutschen Provinz zeigte sich Franke nicht überrascht: "Ich habe schon mehrfach vorausgesagt, dass es in Deutschland und Frankreich geheime Dopinglager gibt."

Bach wie Franke sehen im Vorgehen der deutschen Behörden den Beweis, dass schon das derzeitige Arzneimittelgesetz die Möglichkeiten zur Verfolgung von Dopingaffären bietet und es nicht eines neuen Anti-Doping-Gesetzes bedürfe. Allerdings plädiere der DOSB, so Bach, weiter für eine Erhöhung des Strafmaßes bei Handel und Vertrieb von unerlaubten Substanzen sowie die Einrichtung von Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften. Auch die Erweiterung der Ermittlungsmethoden um beispielsweise Abhörmaßnahmen ist laut Bach ein mögliches Mittel.

Danckert: Gesetz muss her!

Der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), erneuerte nach den Durchsuchungen des BKA hingegen seine Forderung nach einem Anti-Doping-Gesetz in Deutschland. Dieses müsse auch gegen Widerstände aus den Reihen von Sportfunktionären durchgesetzt werden. Im Inforadio vom RBB kritisierte er am Freitag die ablehnende Haltung von DOSB-Präsident Bach.

Er stelle fest, sagte Danckert, dass es im deutschen Sport ganz unterschiedliche Auffassungen gebe. Er erinnere an den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, an den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer Rudolf Scharping und andere, die seiner Meinung seien und ebenfalls ein Anti-Doping-Gesetz forderten. "Ich versuche Herrn Bach davon zu überzeugen, dass das der falsche Weg ist, die Sportler zu schützen und sich nur darauf zu verlassen, dass wir durch zufällige Aktionen an die Hintermänner herankommen", sagte Danckert.

Angesichts der Ausweitung des spanischen Dopingskandals forderte Danckert erneut, es müssten nicht nur Hintermänner, sondern auch Athleten selbst bestraft werden. "Die Hintermänner sind das eine. Die müssen wir im Rahmen von solchen Ermittlungen bekommen. Aber wenn es den Sportler nicht gäbe, der sich dopen lässt und betrügt, dann könnten die Hintermänner machen, was sie wollten." Insofern gebe es da noch "einiges abzuarbeiten".

Quelle: ntv.de