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"Auswuchs eines pervertierten Systems" Der Kampf gegen Doping ist aussichtslos

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Der Fall Lance Armstrong ist mit hunderten negativen Dopingproben Symbol für das Scheitern des konventionellen Kampfs gegen Doping - und gleichzeitig Beleg, dass es auch anders geht.

(Foto: dpa)

Genervte Athleten, hilflose Forscher, verunsicherte Fans: Der Kampf gegen Doping scheint gescheitert. Sportmediziner Perikles Simon kritisiert ein System, das "perverser nicht sein könnte". Sein Rezept: mehr Forschung.

Man muss wahrlich kein Experte sein, um festzustellen, dass im Kampf gegen Doping einiges schiefläuft: Athleten beschweren sich massiv über Eingriffe in die Privatsphäre, Prozesse wie die von Stefan Schumacher und Claudia Pechstein beschäftigen die Gerichte, die werdende Große Koalition streitet um ein Anti-Doping-Gesetz. Einer, der sich jahrelang intensiv mit Doping beschäftigt hat, sieht das System am Scheideweg - vor allem, weil es gegen die Athleten arbeitet: "Wir haben eine Phase erreicht, wo es perverser für den Athleten fast nicht mehr werden kann", sagt der Sportmediziner Perikles Simon im Interview mit n-tv.de.

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Perikles Simon ist ein profunder Kenner des Dopingkontrollsystems - und legt seit Jahren den Finger in die Wunden.

(Foto: imago sportfotodienst)

Simons Befunde klingen erschreckend. Trainingskontrollen? Ineffizient. Dopingforschung? Völlig unterfinanziert. Dopingkontrolleure? Schonen die einheimischen Athleten. Dunkelziffer? Fast die Hälfte aller Spitzensportler nimmt verbotene Mittel ein, erwischt wird fast niemand. Angesichts der zahlreichen Lücken im Doping-Kontrollsystem und der geringen Trefferquoten wirbt der Doping-Experte von der Universität Mainz für einen radikalen Neuanfang im Anti-Doping-Kampf.

"Extremes Ungleichgewicht"

Eines seiner Rezepte: weniger Tests, mehr Forschung. Derzeit würden weltweit rund 350 Millionen Dollar für Tests und die nötige Infrastruktur ausgegeben, aber nur 7 Millionen Dollar für die Entwicklung neuer Testverfahren. Dieses "extreme Ungleichgewicht" tut einem Dopingforscher wie Simon besonders weh. Die Dopingjäger hinken den Dopern stets hinterher - eine "wirklich harte Erkenntnis" für Simon. "An den Daten erkennen wir, dass auch sehr innovative, neue und sehr gute Tests innerhalb von etwa zweieinhalb Jahren ausgehebelt werden."

Dass neue Tests wirken, zeigt ein neues Verfahren zum Nachweis von Anabolika. Es sorgte in den letzten Tagen für Aufsehen. Allerdings gibt es laut Simon noch viele Substanzen, die nicht oder nur schlecht nachweisbar sind. Dazu gehören Präparate wie Humaninsulin, das auch im Fußball sehr wirksam wäre, Wachstumshormone oder Aicar – ein Stoff, der ähnlich wirkt wie Testosteron, aber auch im Körper produziert wird. Deswegen ist es schwer, den Sportlern vorsätzliches Doping nachzuweisen. Aber auch Dopingklassiker wie Epo werden in Mikrodosen nicht gefunden.

Die Sportler und ihre Betreuer wissen das - und dopen weiter, nur vorsichtiger. "Ein Hochleistungssportler hatte immer schon Trainer, Ärzte, Berater, die sozusagen ein schönes Paket geschnürt haben aus Doping und Trainingsmaßnahme." Abgeschreckt würden sie derzeit kaum, meint Simon. Dafür bräuchte es in Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz, "das den Namen auch verdient". Der Mainzer Forscher ist überzeugt: "Wenn durch die gerichtliche Verfolgung von Dopingvergehen auf einen Schlag sehr viele Sportler gesperrt oder aber auch verurteilt werden, also die Strafen wie in Italien empfindlich sind, sieht die Abschreckung ganz anders aus."

Eine "verheerende" Bilanz

Welche schwierigen Implikationen so eine Forderung hat, sieht Simon allerdings selbst. Denn das Grundproblem im Anti-Doping-Kampf bleibt: Experten wie Simon gehen - gestützt durch Befragungen von Athleten und Studien - davon aus, dass fast die Hälfte der Spitzensportler dopt. Erwischt wird jedoch nur ein Bruchteil. Trotzdem erfordert dieses offensichtlich wirkungslose System starke Eingriffe in die Privatsphäre der Sportler, was nicht nur Simon für ethisch fragwürdig hält. Erst kürzlich hatte der deutsche Basketball-Nationalspieler Per Günther massive Kritik an den Kontrollen durch die Nationale Anti-Doping-Agentur geübt. Die sehen vor, dass Athleten des Risiko-Testpools und des Nationalen Testpools über das 2009 eingeführte "Adams"-System drei Monate im Voraus für jeden Tag exakt angeben müssen, wo sie sich aufhalten werden. Der Bundesdatenschutzbeauftrage Peter Schaar hatte das System mit einer elektronischen Fußfessel verglichen.

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Wettkampfkontrollen sind effektiver als Trainingskontrollen - obwohl das jeder Logik widerspricht.

Auch Simon bemängelt: "Der Athlet muss minutiös Buch führen darüber, wann er sich wo befindet, damit der Kontrolleur kommen kann. Aber über das, was dann die Dopingkontrollinstanz an Akribie und Genauigkeit an den Tag legt, wissen wir wenig." Bekannt sei vielmehr, dass sehr häufig "mit den Daten der Athleten (…) geschlampt" wird. Schlimmer noch: Unangekündigte Trainingskontrollen sind ohnehin ineffizient. Simon präsentierte Ende Oktober auf der "Play the Game"-Konferenz in Aarhus eine Studie, laut der Wettkampftests 4,3 Mal mehr positive Proben zur Folge haben als Trainingskontrollen.

Das Ergebnis nennt er "verheerend" und nur schwer zu erklären: "Es ist ja nicht plausibel, dass der Athlet sich ausgerechnet etwas für den Wettkampf einwirft. Das ergibt keinen Sinn." Offenbar gebe es für nationale Anti-Doping-Agenturen keinen guten Grund, ihre eigenen Athleten bei Trainingskontrollen zu überführen. Gespräche mit Athleten hätten zudem gezeigt, "dass Athleten offensichtlich wissen, wann Trainingskontrollen stattfinden, obwohl sie es nicht wissen sollten".

Trainingskontrollen? Abschaffen!

Der Befund führt Simon zu einer radikalen Überlegung: ein Verzicht auf Trainingskontrollen. Steigende Zahlen dopender Sportler befürchtet er dadurch nicht: "Die Frage ist doch: Machen die Athleten das denn momentan nicht? Haben wir denn Zahlen darüber, ob die Athleten im Training mit all den Substanzen, die wir nicht nachweisen können, dopen oder nicht dopen? Nein, wir wissen das nicht. Wir tappen im Dunkeln." Ein wirklicher Abschreckungseffekt durch Dopingkontrollen sei ganz einfach nicht nachgewiesen.

Statt den Anti-Doping-Kampf auf dem Rücken der Athleten zu führen - und das mit zweifelhaften Ergebnissen -, möchte Simon einen anderen Weg gehen. "Wir müssen zunächst das Kontrollsystem kontrollieren und verbessern." Weitere Intensivierungen am Athleten vorzunehmen wäre für den Dopingexperten "der Auswuchs eines pervertierten Systems, das in sich ruht, und keine Kontrolle von außen zu befürchten hat".

Quelle: n-tv.de

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