Sport

"Die Geschichte geht weiter" Europäische Makkabi-Spiele in Berlin

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Adolf Hitler und Joseph Goebbels bei den Olympischen Spielen in Berlin, im August 1936.

(Foto: AP)

Von den Olympischen Spielen 1936 werden viele jüdische Sportler ausgeschlossen. Nun feiern in den von den Nationalsozialisten erbauten Stätten mehr als 2300 jüdische Athleten aus aller Welt ein Sportfest.

Sie röhren durch Europa und hinterlassen dabei eine Staubwolke: jüdische Motorradfahrer, die im olympischen Stil eine Fackel den ganzen Weg von Israel bis zu dieser deutschen Stadt transportieren.

Kommende Woche werden elf der Hauptfahrer ihre Stahlrösser zum Berliner Freilicht-Amphitheater, der Waldbühne, lenken, um die 14. Europäischen Makkabi-Spiele – die ersten überhaupt in Deutschland – zu eröffnen. Ein Ort, der von den Nationalsozialisten für Olympische Spiele erbaut wurde. Einige Makkabi-Wettbewerbe werden in dem benachbarten Olympia-Stadion stattfinden, wo Adolf Hitler 1936 die olympischen Spiele eröffnete.

Die Motorradfahrer folgen den Spuren der Makkabi-Biker, die in den frühen 1930er-Jahren durch Europa tourten, um die Spiele, die damals unter Britischem Mandat in Palästina stattfanden, zu bewerben.

Gauck, viele Künstler und Palina Rojinski

Zur Eröffnung wird Bundespräsident Joachim Gauck vor 15.000 erwarteten Zuschauern eine Ansprache halten, gefolgt von einem Konzert mit Künstlern wie Adel Tawil, Matisyahu, Dana International und anderen. Als Symbol für das 50-jährige Jubiläum deutsch-israelischer Beziehungen tritt ein 50-köpfiges Jugendorchester auf, das jeweils zur Hälfte aus Deutschen und Israelis besteht. Durch den Abend führt die Moderatorin und Schauspielerin Palina Rojinski. Es folgen 10 Tage voller Sport, Partys und anderen Veranstaltungen, wie ein Limmud, ein jüdischer Lern- und Diskussionstag.

Mehr als 2300 jüdische Athleten aus 36 Ländern werden erwartet. Organisiert vom Zentralrat der Juden werden Fans aus ganz Deutschland mit Bussen anreisen. Die Sportstätten, inklusive dem Berliner Olympiastadion, werden für das Publikum geöffnet sein, kostenlos und mit strengen Sicherheitsvorkehrungen.

Die Athleten werden in insgesamt 19 Sportarten gegeneinander antreten, zusätzlich gibt es ein paar Schaukämpfe zwischen jüdischen Sportlern und deutschen Fußball- und Basketballstars. Am 31. Juli soll dann der Guinness-Weltrekord für den größten Kiddusch (Traditionellen Segen über ein Becher Wein zum Eintritt des Schabbats, Anm. der Redaktion) aller Zeiten geknackt werden.

Eigene Sportclubs gegen die Diskriminierung

Die Europäischen Makkabi-Spiele haben ihren Ursprung in der Maccabi Bewegung, deren Spur wiederum mehr als hundert Jahre zurück in die Türkei führt. 1895 gründeten Juden, die aus den lokalen Sportvereinen ausgeschlossen waren, den Israel Gymnastik Club. Andernorts folgten Juden diesem Beispiel. Die ersten Europäischen Makkabi Spiele wurden 1929 in Prag abgehalten, die zweiten ein Jahr später in Antwerpen. Aber mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten wurden die Jüdischen Sport-Verbände verboten. Erst vor 50 Jahren wurde Deutschlands Makkabi Club reinstalliert. 1969 wurde der alle vier Jahre stattfindenen Wettbewerb wieder aufgenommen, alle zwei Jahre abwechselnd mit den Makkabi-Spielen in Israel.

Die Europäischen Makkabi Spiele nach Deutschland zu bringen, sei eine Herkules-Aufgabe gewesen, sagt Alon Mayer, Vorsitzender von Makkabi Deutschland. "Die Leute sagten mir, dass sie sich nicht vorstellen könnten, einen Fuß nach Deutschland zu setzen, weil ihre Eltern und Großeltern von dort vertrieben wurden", so der 41-jährige Frankfurter Geschäftsmann, dessen Vater während der Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland nach Palästina flüchtete. "Jetzt kommen diese Menschen zurück, um den Wandel zu sehen und an der größten jüdischen Veranstaltung, die jemals auf europäischen Boden stattfand, teilzunehmen."

Neues Zeitalter

Den Wandel, den Meyer meint, ist der enorme Anstieg der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Von den 500.000 Juden, die vor dem zweiten Weltkrieg in Deutschland lebten, blieben nach dem Holocaust nur noch einige Tausend im Land. Heute leben etwa 240.000 Juden in Deutschland, die meisten davon sind Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch die jüdischen Sportvereine sind gewachsen. Meyer hatte sich gewünscht, dass der Wettbewerb im olympischen Stadion stattfinden kann, denselben steinernen Bau, wo 1936 viele jüdische Athleten – wenn auch nicht alle – verbannt wurden.

"Sie kamen den ganzen Weg bis nach Deutschland und am Morgen erhielten sie einen Anruf. Sie fanden so erst kurz vor dem Rennen heraus, dass es ihnen nicht erlaubt war, zu laufen", erzählt der 64-jährige Steven Stoller aus New Jersey, ein entfernter Cousin des verstorbenen jüdisch-amerikanischen Läufers Sam Stoller. Avery Brundage, der damalige Präsident des U.S. olympischen Komitees, hatte Sam Stoller damals mitgeteilt, dass er an dem Wettbewerb nicht teilnehmen dürfe. "Ich will für meine Kinder, meine zukünftigen Enkelkinder nach Berlin kommen, damit die Geschichte weiterlebt", sagt Steven Stoller.

Jed Margolis, Geschäftsführer von Maccabi USA, wird von Philadelphia einfliegen, um etwa 200 amerikanischen Athleten im Alter von 15 bis 85 Jahren anzufeuern. "Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich gesagt: ‚Ich will niemals nach Deutschland fahren oder ein deutsches Produkt kaufen’", sagt Margolis. "Doch es gibt eine lebendige und wachsende jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Wir wollen sie nicht nur unterstützen, sondern auch der nächsten Generation erzählen, was hier passiert ist."

Sicherheit hat oberste Priorität

Für die Spiele sind im Stadion und bei den Veranstaltungen strenge Sicherheitsvorkehrungen vorgesehen. Gerade rechtzeitig für die Spiele kündigte Berlin ein neues digitales Meldesystem für antisemitische Vorfälle an. "Sicherheit hat die oberste Priorität", sagt Lena van Hooven, Sprecherin der Spiele.

Aber Danny Maron macht sich keine Sorgen. Er und die anderen jüdischen Motorradfahrer sind mit israelischen Flaggen auf ihren Motorrädern durch Osteuropa gereist. "Wir haben überhaupt keine Angst", sagt Maron. "Wir sind sehr stolz." Marons Vater Yoram, ein Holocaust-Überlebender, sagt, er will "der ganzen Welt zeigen, dass wir nach all dem Tod noch immer am Leben sind und weiter machen."

Bei jedem Halt, von Athen über Rumänien bis nach Krakau, schlossen sich mehr und mehr jüdische Motorradfahrer dem Rudel an. Die Makkabi-Fackel selbst reist in einem eigens angefertigten Behälter, getragen von dem griechischen Biker Kobi Samuel, 48 Jahre alt. "Zwei unserer Fahrer sind Nachfahren der ursprünglichen Makkabi-Fahrer der 1930er Jahre, neun sind Nachkommen von Holocaust-Überlebenden und zwei weitere tatsächliche Überlebende im Alter von 73 und 78 Jahren", sagt Filmemacherin Catherine Lurie-Alt, die sich die amerikanisch-jüdische CNN-Talkshow-Legende Larry King als Erzähler für ihre Dokumentation über die Motorrad-Rally geschnappt hat. "Hier beginnt alles", sagt Lurie Alt. "Wir fahren durch Gemeinden, wo die jüdische Bevölkerung dezimiert wurde, bis wir in Berlin ankommen, wo sie das Stadium mit Jubel und Freude begrüßen wird."

Zuerst erschienen bei der "Jewish Telegraphic Agency".

Aus dem Englischen von Samira Lazarovic

Quelle: ntv.de

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