Fußball-WM 2010

Lutz Pfannenstiel: "Unhaltbar" Die Abenteuer eines Welttorhüters

Oliver Kahn ist es, Gigi Buffon auch: Welttorhüter. Aber auch ein Fußballverrückter aus dem bayerischen Zwiesel darf sich so nennen – allerdings aus einem anderen Grund. Nun hat Lutz Pfannenstiel seine Geschichte aufgeschrieben.

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"Ich mache es wie Ratko Svilar": Lutz Pfannenstiel.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Mentalität der Menschen spiegelt sich in ihren Fußballstadien wie an kaum einem anderen Ort. Das sagt Lutz Pfannenstiel und er muss es wissen, denn er hat in vielen Stadien dieser Welt gespielt. Seine Profikarriere besteht aus 24 Vereinen in zwölf Ländern auf sechs Kontinenten – im wahrsten Sinne ein Welttorhüter.

Pfannenstiel hat Mitte der 1990er die Chance in der Bundesliga einer der ganz großen Torhüter zu werden. Er spielt als Jugendlicher in der bayerischen Landesauswahl und der U17-Nationalmannschaft - Probetrainings beim VfL Bochum und bei den Großkopferten Bayern sind die logische Konsequenz. Beide Vereine haben zu dieser Zeit mit Ralf "die Katze" Zumdick und Raimund Aumann sowie Oliver Kahn, gerade aus Karlsruhe zum Rekordmeister gewechselt, aber keinen Platz im Profikader für den jungen, aufstrebenden, ehrgeizigen Torwart aus Zwiesel. Er soll erst einmal bei der Reserve Erfahrungen sammeln. Das will Pfannenstiel nicht. Denn bereits als Kind hat er einen Entschluss gefasst: "Ich will Profifußballer werden".

Dieser Entschluss ist bei abendlichen Fernsehübertragungen von Spielen kleinerer Ligen auf Eurosport gereift. Pfannenstiel schaut sich die Matches heimlich an, den Ton ganz leise gestellt, das Gesicht ganz nah an dem kleinen Fernseher. Die Augen schmerzen bereits nach wenigen Minuten, aber er will sich keine Bewegung der Torhüter entgehen lassen. Der Held seiner Kindheit heißt Ratko Svilar, ein Serbe, hoch aufgeschossen, lange Haare. Er spielt damals beim FC Antwerpen und rettet dem Team mehrfach mit seinen Paraden Punkte.

Der Traum vom Profitorwart

"Ich mache es wie Ratko Svilar", begrüßt der zwölfjährige Pfannenstiel an einem Morgen dann seine Mutter. "Wenn ich es in der Bundesliga nicht schaffe, dann gehe ich halt in ein anderes Land und werde dort Profi. Svilar kommt ja auch aus Serbien und spielt jetzt in Belgien." Keine acht Jahre später beginnt er, seinen Traum zu verwirklichen. Statt in die Reserve der Bayern zu wechseln, unterschreibt er als 20-Jähriger seinen ersten Profivertrag - bei Penang FA in Malaysia. Der Anfang einer Reise, die ihn beruflich rund um den Erdball führen wird.

In Penang sind sein erster Lohn 6000 Dollar plus Siegprämien. Ein Appartement wird gestellt, ein Auto auch. "Malaysia … wirkt wie eine Droge, leicht voller Kraft, entkräftend, Ich hätte für immer in diesem Land spielen können." Natürlich macht er es nicht. Bereits nach einer Saison, die sportlich sehr gut verläuft, kehrt er Malaysia den Rücken zu. Rastlos. "Verschwende hier nicht deine Zeit. Du bist noch zu jung", sagt ihm ein Scout, der ihn an den AFC Wimbledon vermitteln kann. Premier League. Auswärtsspiel im Stadion des FC Liverpool an der legendären Anfield Road. Dagegen kommt selbst das "Paradies Malaysia" nicht an, denn "nur wenige Völker erleben und erleiden Fußball so intensiv wie die Engländer". Nicht umsonst sagt Bill Shankly, Liverpool-Trainer in den 1960ern: "Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere ihnen, es ist viel ernster".

Gegen David Beckham

Das bekommt auch Pfannenstiel zu spüren, denn statt in der ersten Elf, steht er bei der Reserve von Wimbledon im Tor. Die Teams der Premier League spielen mit ihren Nachwuchsmannschaften in einer Parallelliga. Dort werden auch verletzte Spieler langsam wieder an das Profiteam herangeführt - David Beckham von Manchester United lautet der bekannteste Gegenspieler. Nach ein paar Monaten merkt Pfannenstiel, dass er den Durchbruch nicht schafft. Er gerät auf den "Verschiebebahnhof des englischen Profifußballs". Dutzende Profis dienen "als Lückenfüller, als moderne hochbezahlte Nomaden, die immer weiterziehen, je nachdem, wo ihre Dienste gerade gebraucht werden". Spieler werden an andere Teams ausgeliehen und gegebenenfalls noch einmal weitergereicht: "Hire and Fire". Unbürokratisch und teilweise auch unmenschlich - das ist der englische Profifußball, den Pfannenstiel damals kennenlernt.

Für Pfannenstiel bedeutet das: AFC Wimbledon, Nottingham Forest und ab nach Südafrika - ausgeliehen an die Orlando Pirates. Dort ist er Stammtorwart und genießt die Atmosphäre in den Stadien, die so anders ist als in Europa oder auf der Insel: Vuvuzela-Lärm, Kwaito-Beats, Reggae-Rhythmen, DJs in den Stadien, die die tanzenden Massen auf den Rängen in ihrer Fußballekstase immer weiter anpeitschen. Auf den Straßen Johannesburgs genießt er als Fußballprofi vollkommene Immunität. Die Gangs kennen ihn und lassen ihn in Ruhe. Das ist die andere Seite des südafrikanischen Fußballs. Die auch Christian Ewers in seinem Buch: "Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer" beschreibt.

Fußball-Anekdoten und Reiseberichte

"Unhaltbar" von Lutz Pfannenstiel liest sich nicht ganz so flüssig wie andere Fußballbücher oder auch Ewers' Werk. Dafür ist es gespickt mit Anekdoten, mit kleinen, netten Geschichten rund um des Deutschen Lieblingssport. Pfannenstiel erzählt von der "letzten No-Go-Area" des Fußballs, der Tabuzone für Journalisten, der Umkleide. Er klärt auf, warum Bodo Illgner beim 1. FC Köln eine eigene Dusche mitsamt Namensschild besessen hat. Er weist darauf hin, dass man in Finnland mehr Angst vor Moskitos als vor Fans haben sollte. Dass nichts beruhigender auf die Psyche wirkt als stundenlange Zugfahrten durch die Wälder Finnlands oder Norwegens. Oder dass deutsche Torhüter in England einen fantastischen Ruf genießen – auch noch Jahre nachdem sie dort gespielt haben ("Hier ist der Mann, der für Bradford drei Mal sein Leben ließ"). Und dass man vor allen Dingen, die Gefängnisse in Singapur meiden sollte. Für Pfannenstiel das einzige Land, in das er nie wieder reisen wird.

"Unhaltbar" ist ein Buch, geschrieben von einem Fußballverrückten für Fußballverrückte. Aber auch eine Sammlung kleiner Reiseberichte über die Länder, in denen er gespielt hat. Und davon gibt es reichlich - von Albanien und Armenien über Brasilien bis zu Neuseeland und Singapur. "Unhaltbar" ist ein Buch über den Traum eines kleinen Jungen, der in Erfüllung geht und über die Rastlosigkeit eines Erwachsenen, der merkt, dass es mehr gibt, als nur Fußball. "Unhaltbar" ist ein Buch über Freundschaft und das Leben.

Lutz Pfannenstiel: "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter", 256 Seiten, rororo, 8,95 Euro

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Quelle: n-tv.de

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