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"Leben in Gefahr gebracht" Gefährliches Drama um Para-Sportlerin

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Sylvi Tauber ist in Tokio in den Disziplinen Säbel- und Florettfechten angetreten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während des Wettkampfs erleidet Rollstuhlfechterin Sylvi Tauber mehrere Krampfanfälle. Die Sportlerin und ihr Trainer werfen den Offiziellen in Tokio jetzt mangelnde Flexibilität im Umgang mit Behinderten und Pedanterie auf Kosten der Sportlerinnen und Sportler vor.

Es ist die zweite Disziplin bei den diesjährigen Paralympics für Sylvi Tauber, nach dem Säbel steht für die Rollstuhlfechterin aus Rostock jetzt das Florett auf dem Plan. Die 41-Jährige bereitet sich auf ihr erstes Gefecht vor, als es plötzlich heißt, dass alle Fechter und Fechterinnen schon dort von ihrem Alltags- in den Fechtrollstuhl wechseln müssen.

Dieser spezielle Sportrollstuhl ist mit einer Griffstange ausgestattet, um sich während des Gefechts besser zum Angriff vorbeugen zu können. Außerdem sind die Fechtrollstühle so gebaut, dass sie im Wettkampf mit einer Querstange miteinander verbunden werden können. Die Rollstuhlfechterinnen und –fechter werden so auf der Fechtbahn fixiert. Anders als beim Fußgänger-Fechten verlassen sie ihre Positionen während des Wettkampfs nicht. Zur längeren Fortbewegung ist der Rollstuhl nicht gebaut – und auch nicht geeignet.

Bislang konnte Sylvi Tauber immer mit ihrem Alltagsrollstuhl bis auf die Fechtbahn fahren und dann dort in den Fechtstuhl wechseln. Noch im Vorbereitungsraum ("Callroom") versucht sie, mit den Offiziellen der International Wheelchair & Amputee Sports Federation (IWAS) zu reden, um eine Ausnahme machen zu können. Sie weiß: Den langen Weg zur "Piste", wie die Fechtbahn auch heißt, schafft sie im Fechtrollstuhl wahrscheinlich nicht.

Sylvi Tauber ist Rollstuhlfechterin der Klasse B. Im Rollstuhlfechten werden die Athleten und Athletinnen in drei Klassen eingeteilt, um je nach Behinderung einen möglichst fairen Wettkampf zu ermöglichen. In Klasse B haben die Sportler und Sportlerinnen keine voll funktionsfähige Rücken- und Bauchmuskulatur, haben aber keine Einschränkungen im Bereich der Arme und Hände.

"Ich wurde dazu gedrängt, schon im Callroom in den Fechtstuhl zu wechseln"

Für Sylvi Tauber bietet der Fechtrollstuhl bei ihren Einschränkungen kaum Halt. Längere Strecken will und kann sie damit nicht überbrücken: "Es ist nun mal leider so, dass ich eine von den B-Leuten bin, die sich gar nicht halten können im Stuhl, wenn er sich bewegt. Wenn er feststeht, auf der Bahn, dann ist das alles kein Problem, sonst würde ich ja nicht fechten. Aber der Fechtstuhl selbst ist so gebaut, dass ich nicht damit umherfahren kann."

Von offizieller Seite habe man ihr gesagt, es könne keine Ausnahme gemacht werden. Begründung: Die Auffahrt auf die Bahn müsse bei allen Sportlern und Sportlerinnen gleich sein, so Tauber. "Ich habe gesagt, dass das nicht funktioniert bei mir. Aber darauf hat man sich nicht eingelassen. Ich wurde dazu gedrängt, schon im Callroom in den Fechtstuhl zu wechseln", erklärt sie die Situation.

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Sylvi Tauber erreichte bei den diesjährigen Paralympics Platz 8 im Säbelfechten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es sind die ersten Paralympics für Sylvi Tauber, sie ist mit den dortigen Regeln nicht so vertraut – und sie will nichts falsch machen. Also probiert sie den Rollstuhlwechsel. Zweimal stürzt sie dabei zu Boden. Weil inzwischen die Zeit drängt und das erste Gefecht bald startet, habe man sie dann schließlich doch in ihrem Alltagsrollstuhl zu Piste gelassen, so Tauber. Dort wechselt sie in den Fechtstuhl – und startet in die erste Runde, die aus zwei Gefechten besteht. Insgesamt gibt es bei diesem Wettkampf drei Runden mit je zwei Gefechten.

Auf dem Weg von der Fechtbahn stürzt Tauber

Nach einem Sieg und einer Niederlage geht es für die Athletin nun darum, wieder von der Fechtbahn zu fahren. Trotz der beiden Stürze im Callroom habe man erneut von ihr verlangt, die Fechtbahn im Sportrollstuhl zu verlassen, erzählt Tauber: "Ich weiß gar nicht, wie lange wir dort diskutiert haben. Jedenfalls ist es dann so gekommen, dass ich mit meinem Fechtstuhl von der Bahn runtergeschoben werden musste." Tauber kann sich bei der Abwärtsbewegung nicht halten und stürzt zu Boden. Der Sturz löst bei ihr einen spastischen Anfall aus.

Die Fechterin muss ärztlich behandelt werden und kommt nach kurzer Zeit wieder zu sich. Doch dann folgt die nächste Stresssituation: Den Schock noch in den Knochen, steht schon die zweite Runde des Wettkampfs an. Trotz ihres ersten Sturzes und dem damit verbundenen Krampfanfall sei ihr der Alltagsrollstuhl auch nach dieser Runde wieder verweigert worden, erklärt Tauber. Sie habe sich von den beiden anwesenden Offiziellen der IWAS unter Druck gesetzt gefühlt: "Sie wurden richtig ungehalten und haben laut dazu aufgefordert, mich endlich von der Bahn runterzubringen. Sie wurden immer aufdringlicher." Sie habe das Gefühl gehabt, klein beigeben zu müssen, erzählt die Sportlerin. Wieder wird sie im Fechtrollstuhl von der Bahn heruntergeschoben. Wieder stürzt sie und erleidet diesmal sogar einen größeren Krampfanfall.

"Ich finde das absolut unverantwortlich von den beiden Herren, sowas überhaupt in Erwägung zu ziehen. Zumindest beim zweiten Mal, mir den Stuhl einfach komplett zu verweigern, wenn ich beim ersten Mal schon rausgefallen bin. Das geht überhaupt nicht", blickt die Rollstuhlfahrerin auf die Situation zurück, "jeder sollte so fahren dürfen, wie seine Gesundheit es zulässt. Alles andere ist, wenn man es zu weit treibt, tatsächlich Körperverletzung." Sportliche Gründe für das Bestehen auf der Auffahr-Regel kann sie nicht erkennen – auch bei keinem anderen Wettkampf, den sie je besucht hat, habe es diese Vorschrift gegeben.

Nach dem Wettkampf wird sie direkt in den medizinischen Bereich und danach sogar ins Krankenhaus gebracht, wo sie noch mehrere Anfälle erleidet. Nach vier Stunden und mehreren Untersuchungen, die zum Glück keine Auffälligkeiten ergeben, wird Tauber schließlich entlassen.

"Ich dachte, die Paralympischen Spiele sind eine andere Liga"

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Tauber ist enttäuscht von den Offiziellen bei den Paralympics.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Zurück in Deutschland müssen Tauber und auch Rollstuhlfechten-Bundestrainer Alexander Bondar vom TuS Makkabi Rostock die Geschehnisse in Tokio erst einmal verarbeiten. "Ich bin immer noch sprachlos. Für mich ist das ein riesiger Skandal, der da veranstaltet wurde", erklärt Bondar. "Ich dachte, die Paralympischen Spiele sind eine andere Liga, da ist alles professionell. Dass die beiden Herren einfach alles nach ihrer Meinung oder genauestens nach Protokoll durchgezogen haben – damit haben sie menschliches Leben in Gefahr gebracht. Für mich war das reine Körperverletzung."

Bundestrainer Bondar war während der Gefechte vor Ort, erlebte mehrfach mit, wie seine Athletin zu Boden stürzte. Entschuldigt habe sich bislang niemand, sagt er - weder bei Sylvi Tauber, noch bei ihm. Stattdessen werde die Schuld auf die Sportlerin abgewälzt. "Die Offiziellen sind offenbar der Meinung, dass Sylvi ihre Anfälle nur gespielt hat", so Bondar.

Darum hat er sich direkt an andere Nationen gewandt, die bei den Wettkämpfen in Tokio vor Ort waren. Aus Italien und Polen habe er bereits die Rückmeldung bekommen, dass man auch zu Zeugenaussagen bereit sei – sollten diese nötig werden. "Sie hatten an dem Tag Glück, dass es nicht ihre eigenen Sportler betroffen hat. Trotzdem besteht jetzt die Angst, dass es beim nächsten Wettkampf wieder zu solch einem Vorfall kommt", erklärt Bondar. Der Bundestrainer hat sich auch an den Deutschen Behindertensportverband gewandt, der bereits Beschwerde beim IWAS eingereicht hat.

Verband weist Vorwürfe von sich

Auf ntv.de-Anfrage teilt der Verband mit, dass man die Ereignisse eingehend untersucht habe: "Der Vorfall rund um Frau Tauber tut uns sehr Leid. Das Wohl der Sportler und Sportlerinnen steht für uns an vorderster Stelle. Allerdings sind vor dem Start des Wettkampfs alle Teams über die Regeln und Vorschriften informiert worden. Zu diesen zählt auch, dass die Fechtbahn nicht mit dem Alltagsrollstuhl betreten werden darf", heißt es in der Antwort des IWAS.

Bereits bei den letzten Paralympics hätte diese Regel bestanden, bei der es vor allem darum ginge, dass die Sportler und Sportlerinnen einheitlich aufträten und keine Sticker oder Werbebotschaften am Rollstuhl zu erkennen seien, so der Verband. Seitens des Deutschen Teams habe es zunächst weder Fragen noch Anmerkungen zu diesen Regeln gegeben. "Am 28. August wurde dann von Herrn Bondar angefragt, ob Frau Tauber die Piste mit ihrem Alltagsrollstuhl betreten darf. Mit Verweis auf die geltenden Regeln haben die Offiziellen vor Ort die Anfrage abgelehnt, jedoch deutlich gemacht, dass man mit einem ärztlichen Attest eine Ausnahme machen könne", heiß es in dem Statement weiter.

Bundestrainer Alexander Bondar dazu: "Es wurde von uns verlangt, innerhalb von zehn Minuten ein ärztliches Attest aufzutreiben. Ich habe sofort mit unseren Teamärzten gesprochen, so schnell war das leider nicht möglich - zumal Sylvi nicht krank ist. Es gehört einfach zu ihrem Handicap dazu."

Auf Nachfrage, ob Sylvi Tauber nach ihrem ersten Anfall vor Ort gedrängt wurde, den Fechtstuhl ein zweites Mal zu benutzen, teilt der IWAS mit: "Kein beim Wettkampf anwesender Offizieller kann einen Vorfall dieser Art bezeugen. Wäre so etwas passiert, hätte der IWAS eingegriffen." Man werde nun trotzdem prüfen, wie man die Bedingungen für die Athleten und Athletinnen vor Ort in Zukunft noch verbessern könne.

Sylvi Tauber ist trotzdem froh um ihre Paralympics-Teilnahme

Vermiesen lassen will sich Sylvi Tauber die Erinnerungen an ihre ersten Paralympics nicht - trotz des traumatischen Erlebnisses. "Ich bin froh, dass ich dabei war. Es waren sehr schöne Spiele und mir hat das echt alles super gefallen. Auch meine Säbelgefechte haben mir so viel Spaß gemacht - dass ich in die Top 8 gekommen bin, hat mich so gefreut, weil ich komplett frei von Erwartungen hingekommen bin."

Trotzdem hofft auch sie auf Konsequenzen für die Verantwortlichen und wünscht sich in Zukunft eine flexiblere Gestaltung der Wettkämpfe vor Ort. Wenn nicht für sich, dann für die anderen Para-Athleten und Athletinnen: "Für uns Fechter möchte ich, dass wir so an die Bahn fahren dürfen, wie uns das körperlich machbar ist. […] Dass wir uns auch wirklich aufs Fechten konzentrieren können und nicht noch hier im Vorfeld überlegen müssen: Wie muss ich mich jetzt hinsetzen, damit ich mich besser halten kann da oben? Oder habe ich dann Stress, um da hochzukommen? Das muss nicht sein. Wir sind zum Fechten da, wir wollen vernünftige Gefechte austragen. Wir wollen der Welt zeigen, dass wir da hingehören zu den Paralympics."

Quelle: ntv.de

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