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Nach Scolaris Entlassung Hiddink darf zu Chelsea

Am Tag eins nach der kurzen Ära Scolari ist beim FC Chelsea die Diskussion um einen neuen Feuerwehrmann entbrannt. Alles deutet darauf hin, dass Guus Hiddink beim wankenden Fußball-Riesen retten soll, was zu retten ist.

Denn der Wunschkandidat und gute Bekannte von Club-Besitzer Roman Abramowitsch erhielt vom russischen Verband die Erlaubnis, über ein bis zum Saisonende befristetes Engagement in London zu verhandeln. Das teilte der Premier-League-Club auf seiner Homepage mit. Voraussetzung einer Vereinbarung sei, dass Hiddink zugleich Russlands Nationalcoach bleibe. Und der Niederländer ist zu dieser Doppel-Funktion bereit: "Wenn ich kann, dann würde ich gerne helfen", wird der 60-Jährige von der Nachrichtenagentur AP zitiert.

Hiddink: "Eine ungewöhnliche Situation"

"Dies ist eine ungewöhnliche Situation. Wenn ein anderer Club bei mir angefragt hätte, hätte ich sofort ,Nein' gesagt", sagte Hiddink weiter. Bei Chelsea liege der Fall anders. "Ich habe gute Kontakte zum Club-Besitzer." Der Verein des deutschen Nationalspielers Michael Ballack bedankte sich derweil beim russischen Verband für die "gute Kooperation". Damit scheinen die als Nachfolger gehandelten Trainer Frank Rijkaard (früher FC Barcelona), Roberto Mancini (früher Inter Mailand), Carlo Ancelotti (AC Mailand) oder gar die Scolari-Vorgänger Avram Grant (arbeitslos) und Jos Mourinho (Inter Mailand) aus dem Rennen zu sein.

Den Scolari-Rauswurf nahm Abramowitsch laut britischen Medien selbst vor, da er sein "Projekt Chelsea" in Gefahr sah. Scolari, der mit dem Gehalt für die restliche Laufzeit seines Vertrag in Höhe von rund 8,6 Millionen Euro abgefunden werden soll, nahm die erst zweite Entlassung in seiner 27-jährigen Trainerkarriere gelassen hin und bedankte sich, dass er im englischen Fußball arbeiten durfte. Dezent wies der brasilianische Weltmeister-Coach von 2002 darauf hin, dass die Blues in der Champions League, im FA-Cup und trotz ihrer sieben Punkte Rückstand auch in der Premier League noch gute Erfolgsaussichten haben. "Ich wünsche Chelsea viel Glück in den drei Wettbewerben, in denen sie um den Titel spielen", sagte Scolari, der noch bis zum Sommer in London bleiben will und wohl auf einen neuen Job hofft.

Kein Kommentar von Ballack

Michael Ballack hatte sich wenige Stunden vor Scolaris Entlassung im Kreis der deutschen Nationalmannschaft nur allgemein geäußert. "Wir haben mit Chelsea ein bisschen den Anschluss verloren. Vor allem durch die vielen Unentschieden zu Hause haben wir unsere gute Ausgangsposition verschenkt. Nun muss erst mal Stabilität rein, wir müssen uns zurückkämpfen, Schritt für Schritt." Als die Trennung von Scolari bekannt wurde, ließ er über die Presseabteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erklären, dass er dazu keinen Kommentar abgeben wolle.

Sir Alex Ferguson von Meister und Tabellenführer Manchester United hingegen zeigte sich geschockt von der Entlassung des Kollegen. "Ich bin sehr überrascht. Es ist ein Zeichen der Zeit. Niemand hat mehr Geduld in der heutigen Welt", monierte Ferguson, der der britischen Presse eine Mitschuld gab. "Jedes Mal, wenn jemand ein schlechtes Ergebnis hat, wird das sofort als Sensation behandelt."

Medien kritisieren Klub und Spieler

Die kritisierten Medien schossen sich auf Klub und Spieler der auf Rang vier abgerutschten "Blues" ein. Eine "richtungslose Farce", inszeniert vom russischen Eigner, erkannte das Boulevardblatt "Daily Mail" bei Chelsea, das in fünf Jahren seit der Abramowitsch-Übernahme 2003 in Claudio Ranieri, Mourinho, Grant und Scolari vier Trainer verschlissen hat. "Gefordert ist offenbar, dass man Meister wird und dabei wie ein Seelöwe den Ball auf der Nase balanciert", schrieb das Blatt zu den schwer erfüllbaren Abramowitsch-Wünschen.

Der seriösere "Daily Telegraph", der sich auch einen Seitenhieb auf Ballack ("der erste Import aus dem BMW-Land mit nur einem Gang") nicht verkniff, erkannte Chelseas Probleme eher bei den Profis und forderte angesichts des recht alten Teams einen generellen Neuanfang: "Ebenso dringend wie einen neuen Trainer braucht Chelsea einen neuen Ansatz in allen Teilen des Clubs, von der Kabine bis zum Vorstandszimmer."

Quelle: n-tv.de, Von Henning Hoff und Thomas Prüfer, dpa

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