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Ein Tor schreibt Fußball-Geschichte Legendärer Sparwasser-Treffer wird 40

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Beim Spiel der BRD gegen die DDR sorgt Sparwasser 1974 für den Sieg der Ostdeutschen.

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Vor vierzig Jahren treffen in Hamburg die Fußballmannschaften von BRD und DDR aufeinander. Auf politischer Ebene wird die Partie zum Bruderkampf hochstilisiert, sportlich bleibt vor allem einer in Erinnerung: Jürgen Sparwasser. Das Tor nutzte auch dem Gegner.

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Eigentlich hatte Sparwasser drei Gegenspieler gegen sich stehen, dennoch schoss er das entscheidende Tor.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Jürgen Sparwasser 1:0, das reicht schon. Auch ohne Datumsangabe und Ort weiß jeder Fußball-Fan in Deutschland sofort, um was es geht. Noch Generationen später wachsen Kinder und Enkel mit dieser Geschichte auf. Beim einzigen deutsch-deutschen Kräftemessen während einer Welt- oder Europameisterschaft schlug die DDR am 22. Juni 1974 in Hamburg den späteren Titelträger Bundesrepublik durch den Treffer von Sparwasser. "Das ist deutsch-deutsche Fußballgeschichte und wird immer so bleiben", betont der Schütze.

40 Jahre ist das her. Neben dem 3:2-Siegtreffer von Helmut Rahn im WM-Finale 1954 und dem Wembleytor 1966 ist dieser Treffer den Deutschen am meisten in Erinnerung geblieben. Gleiches gilt für den Schützen. Er wird erkannt, angesprochen und immer zu runden Jahrestagen besonders gern zum Erzählen aufgefordert. "Nein, ich bin nicht genervt, wenn man mich auf das Tor  anspricht. Das ist doch ein Stück Zeitgeschichte", sagt der 66-Jährige.

Einziges Fußballduell von BRD und DDR

Das erste und auch letzte Duell zwischen der BRD und DDR wurde in Zeiten des Kalten Krieges von politischer Seite zum Bruderduell und Klassenkampf hochstilisiert - das Verhältnis  zwischen den Spielern war jedoch relativ entspannt. Beim  Trikottausch unterlief man sogar das Verbot, das die DDR-Oberen  vorher ausgesprochen hatten. "Paul Breitner fragte mich nach dem  Spiel in den Katakomben, ob wir tauschen können. Und wir haben es  getan", sagte Sparwasser, der bis heute einen guten Kontakt zu Breitner, Netzer und Maier hat. Am liebsten wäre er nach dem Spiel noch auf der Reeperbahn feiern gegangen, so wie zwei seiner Mitspieler, die sich aus dem Mannschaftshotel in Quickborn schlichen. "Ja das stimmt. Ich werde aber nicht verraten, wer das war", erzählt Sparwasser. Er selbst konnte nicht mit, denn man hätte ihn sofort erkannt.

Für Sparwasser war es damals ein normales Spiel. "Ich war halt der Entscheidende, der das Tor geschossen hat. Aber wir waren ein Team, das auf dem Rasen gestanden hat. So einfach ist das", sagt er. Die Mannschaften von BRD und DDR waren bereits für die Zwischenrunde qualifiziert. Es ging nur noch um den Gruppensieg. Für die Funktionäre stand um so mehr auf dem Spiel. In der DDR wollte man den Klassenfeind bezwingen, die Bundesrepublik den Amateuren von nebenan mal zeigen, wie Profis eigentlich Fußball spielen. Doch dann kam alles anders.

Sparwasser erlief in der 78. Minute einen Diagonalpass von Erich Hamann über 40 Meter. "Drei Gegenspieler standen um mich herum. Ich hatte eigentlich keine Chance", erinnert er sich. Dennoch nahm er den Ball gekonnt mit und lief auf Sepp Maier zu: Der geniale Moment der Verzögerung, Horst-Dieter Höttges grätscht ins Leere, Maier geht zu Boden und Sparwasser hebt den Ball in die Maschen. "Wenn auf meinem Grabstein eines Tages nur 'Hamburg 1974' stehen würde, wüsste wahrscheinlich trotzdem jeder, wer da liegt", sagt Sparwasser, der sich in Bad Vilbel bei Frankfurt am Main ein neues Zuhause geschaffen hat.

Weckruf für die Westdeutschen

Für Beckenbauer, Maier und Co. war die Niederlage der Beginn eines Erfolgsmärchens. Aus vielen Erzählungen ist bekannt, dass es danach in der Mannschaft ordentlich geknallt hat. "Das war ein Rumgegurke in den ersten drei Spielen. Das war schlimm. Nach dem DDR-Spiel haben wir uns zusammengerauft und dann ging die WM für uns erst richtig los", berichtete Maier erst vor wenigen Tagen.

Für die DDR war der Sieg fürs Prestige herausragend, sportlich gesehen aber eher von Nachteil. In der deutlich schwereren Zwischenrundengruppe mit Brasilien, den Niederlanden und Argentinien reichte es nur zum dritten Platz. Der spätere Finalist Holland sei "übermächtig" gewesen, erinnerte sich Sparwasser. "In dem Spiel habe ich nach zehn Minuten gesagt: Brecht ab, das hat keinen Sinn mehr." Gegen Weltmeister Brasilien gab es ein unglückliches 0:1, gegen Argentinien schaffte man immerhin noch ein 1:1 nach einem Treffer von Rekord-Auswahlspieler Joachim Streich (102 Spiele).

Die BRD gewann ihre Spiele gegen Jugoslawien, Schweden und Polen. Das Ende ist bekannt. Deutschland wurde Weltmeister, Sparwasser und Co. Sechster. Die DDR konnte sich danach nie wieder für eine EM oder WM qualifizieren. Auch kam es nie wieder zu einem offiziellen Länderspiel zwischen beiden deutschen Staaten. Kurios: Beide Teams wurden bei der Qualifikation zur Europameisterschaft 1992 in Schweden in eine Gruppe gelost. Der Mauerfall verhinderte dieses Duell.

Quelle: n-tv.de, ame/dpa/sid

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