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Expertenstreit im Fall Pechstein Mediziner kritisiert Kollegen

Mitte März hat sich die wegen Blutdopings gesperrte Eisschnellläuferin Claudia Pechstein nach einer Pressekonferenz mehrerer Wissenschaftler endgültig entlastet gesehen, wieder einmal. Nun äußert ein anderer Mediziner Kritik an seinen Kollegen. Bewiesen hätten die, anders als von ihnen behauptet, gar nichts.

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Der vermeintliche Blutdopingfall Claudia Pechstein beschäftigt weiterhin die Experten.

(Foto: AP)

Der Expertenstreit im vermeintlichen Blutdopingfall Pechstein geht weiter: Der Universitäts-Hämatologe Arnold Ganser von der Medizinischen Hochschule Hannover hat die Verteidigungsstrategie der gesperrten Eisschnellläuferin scharf angegriffen. Ganser hält die Behauptungen seines Professoren-Kollegen Gerhard Ehninger, die erhöhten Retikulozytenwerte der Berlinerin beruhten auf einer vererbten Blutanomalie, für wenig überzeugend.

"Seine Aussage ist nicht wissenschaftlich abgesichert", sagte Ganser in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), hatte der fünfmaligen Olympiasiegerin Claudia Pechstein eine milde Form der Kugelzellen-Anämie (Sphärozytose) bestätigt und ihre zweijährige Sperre aus medizinischer Sicht für haltlos erklärt.

Direkter Nachweis fehlt

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Gerhard Ehninger bei seiner Beweisführung in Berlin. Der Blutexperte sieht es als erwiesen an, dass Claudia Pechstein an einer Kugelzell-Anomalie handelt.

(Foto: REUTERS)

Ehninger könne "keinen direkten Nachweis für eine Sphärozytose bieten", so Ganser. Er  bemängelte zudem, dass der wissenschaftliche Beweis in Form einer Genanalyse und biochemischer Daten fehle. Der Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation stellte weiter fest, eine indirekte Beweisführung reiche nicht "für eine Feststellung von solcher Tragweite".

Eine defekte Membranstruktur, wie sie bei dieser Diagnose vorliegen müsste, sei bei Pechstein bisher nicht nachgewiesen worden. "Ich weiß, dass die entsprechende Untersuchung in England gemacht worden ist. Dabei ist keine Störung festgestellt worden", sagte Ganser. Ehninger hatte im Rahmen der Pressekonferenz in Berlin allerdings hervorgehoben, dass bei etwa 20 Prozent der Patienten, bei denen in England kein Membrandefekt festgestellt werden konnte, dennoch eine Sphärozytose vorliege.

Beweise nicht "hieb- und stichfest"

Die Beweise für eine solche Diagnose müssten laut Ganser "hieb- und stichfest" sein. Das sind sie in seinen Augen aber nicht: "Stattdessen ist ein persönlich gefärbtes Urteil gefällt worden, das mit Wissenschaft wenig zu tun hat." Ehninger habe versucht "die Gesellschaft für seine Belange zu instrumentalisieren".

Ehninger wiederum hatte dem Internationalen Sportgerichtshof CAS, der Pechsteins zweijährige Dopingsperre durch die Internationale Eisschnelllauf-Union (ISU) bestätigt hatte, auf der Pressekonferenz Mitte März ein Willkür-Urteil unterstellt. Die ISU hatte Pechstein aufgrund der bisweilen stark erhöhten Retikulozytenwerte für zwei Jahre wegen Blutdopings gesperrt. Ehninger monierte unter anderem, vor dem CAS seien Gutachten in ihr Gegenteil verkehrt oder verfälscht dargestellt worden. Er selbst hatte noch im vergangenen Sommer bei Pechstein ein Doping mit EPO vermutet. Auf der Pressekonferenz bekräftigte er jedoch: "Ich vollziehe keine Rolle rückwärts. Wir wissen jetzt aber, was die Ursachen der erhöhten Retikulozyten sind, die Zweifel sind ausgeräumt."

Diagnose mit neuer Methode

Untersuchungen in der Berliner Charite mit einem neuen Verfahren hätten ergeben, dass auch Pechsteins Vater unter Sphärozytose leidet. Damit sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Athletin die Anomalie von ihm geerbt hat, erklärte Oberarzt Andreas Weimann. Er hatte die Untersuchungen mit einer erst im Sommer 2009 vorgestellten Methode durchgeführt.

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Ehninger war einer von vier Wissenschaftlern, die in Berlin den medizinischen Beweis für Claudia Pechsteins Unschuld erbracht haben.

(Foto: dpa)

Auf Grundlage der in Berlin vorgestellten Diagnose der Wissenschaftler Gerhard Ehninger, Wolfgang Jelkmann, Winfried Gassmann und Andreas Weimann hat Pechstein beim Schweizer Bundesgericht eine Revision des CAS-Verfahrens beantragt. Dem Gericht liegt auch ein Eilantrag Pechsteins vor, mit dem die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin eine Aussetzung ihrer Sperre für Trainings- und Wettkampfmaßnahmen des Verbandes erreichen will. Eine Entscheidung des Gerichts wird in Kürze erwartet und könnte auch einen Hinweis auf ein Ergebnis im Hauptverfahren geben.

Quelle: n-tv.de, dpa/sid

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