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Daten-Chaos bei der ISU Pechstein im Aufwind

Neues im Fall der für zwei Jahre gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein: Angeblich sind neue Messwerte von Blutproben aufgetaucht, die Pechstein entlasten könnten.

DEU_Pechstein_Doping_Eisschnelllauf_Affaere_FRA134.jpg1737331242816227401.jpgDabei liegt der Fehler, so heißt es, beim Eislauf-Weltverband ISU. Der hatte Pechstein am 1. Juli 2009 nach einer Anhörung gesperrt. Jetzt sind neue Messwerte aufgetaucht, die die Läuferin schon in der Anhörung durch die ISU-Disziplinarkommission in Bern eventuell entlastet hätten, von der Anklage möglicherweise aber unter Verschluss gehalten wurden. Dabei handelt es sich um Retikulozyten-Werte von ein und derselben Blutentnahme am 15. April 2009, die in zwei verschiedenen Laboratorien ermittelt wurden und völlig unterschiedliche Ergebnisse aufweisen.

Pechstein, die wegen auffälliger Retikulozyten-Werte (Vorgänger der roten Blutkörperchen), aber ohne positiven Befund, gesperrt worden war, liegt zudem ein analytisches Gutachten vor, in dem Experten Mess-Schwankungen bei Retikulozyten-Werten als in der Praxis völlig normal darstellen. Die ISU-Ankläger dagegen hatten im Laufe des Verfahrens fehlerhafte Messungen kategorisch ausgeschlossen und so letztlich die Sperre der 37 Jahre alten Berlinerin erwirkt.

Weitere Formfehler

Die Verteidigung Pechsteins wird in der Berufungsverhandlung im Herbst vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS darüber hinaus noch weitere Formfehler des Weltverbandes ins Feld führen können. So sind der wegen auffälliger Blutwerte gesperrten fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin in der Anklage mehrere falsche Bluttest-Ergebnisse zugeordnet worden.

Von den 20 Trainingskontrollen Pechsteins, die als Beweismittel vor dem ISU-Schiedsgericht am 29./30. Juni dienten, war fast die Hälfte der Barcodes nicht identisch mit denen der Athletin. Mit Barcodes werden durch die Kontrolleure die Namen der getesteten Sportler verschlüsselt, jede Testampulle erhält einen Strichcode, der auch parallel an den Athleten vergeben wird. Betroffen von den Verwechslungen sind auch Daten, die erhöhte Retikulozyten-Werte ausweisen und im Verfahren der Angeklagten angelastet wurden. Mit diesen vertauschten Codes könnte die Doping-Affäre um Pechstein nun sogar zu einem Datenskandal des Weltverbandes ISU werden.

Pressekonferenz am Donnerstag

Pechstein wollte sich am Mittwoch zu den neuen Entwicklungen nicht äußern und verwies auf ihre Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin. In den zurückliegenden drei Wochen hatte sich die Berlinerin nach ihrer Medien-Offensive Anfang Juli mit öffentlichen Statements zurückgehalten. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können mittlerweile nachweisen, wie dilettantisch die ISU-Ankläger agiert haben", erklärte hingegen ihr Manager Ralf Grengel auf Anfrage.

Zunächst hatte die "Sport Bild" berichtet, dass sich die ISU auch bei der Protokollierung von Pechsteins Messwerten bei der Mehrkampf-WM vom 4. bis 6. Februar 2009 unerklärliche Formfehler geleistet hatte. Bei drei Tests waren Differenzen bei Retikulozyten- Werten aufgetaucht zwischen dem Original-Messprotokoll des Labors, das die Proben durchführte, und den Werten, die in der offiziellen ISU-Tabelle festgehalten wurden. In Milwaukee, wo Pechstein den WM- Titel erkämpfte, ist nach der Probe vom 4. Februar 2000 ein Wert von 2,3 Prozent notiert, im Labor-Protokoll steht jedoch der Wert 2,5. Auch bei den Testergebnissen vom 5. und 6. Februar gibt es Abweichungen. Das Labor bestätigte jeweils 1,6, in der ISU-Tabelle stehen 1,7 und 1,75 Prozent. "Übertragungsfehler kann man nie ausschließen. Es kommt aber auf die Relevanz für den Fall an. Man sollte sich nicht auf Formalien kaprizieren", erklärte dazu der Österreicher Egbert Schmid, Mitglied der ISU-Disziplinarkommission.

"Wenn der ISU-Spitze die neue Daten- und Faktenlage bekanntwird, kann ich mir nicht vorstellen, dass Kuipers noch zu halten ist", spekulierte Grengel in "Sport Bild". Der Niederländer Harm Kuipers ist Mitglied der Medizinischen Kommission der ISU und hatte Pechstein die Proben bei der Mehrkampf-WM Anfang Februar 2009 in Hamar abgenommen.

Quelle: ntv.de, Frank Thomas, dpa