Sport
Montag, 03. Januar 2005

"Habe nichts gegen Behinderte": Spießrutenlauf für Triathleten

Nach einem kollektiven Aufschrei bis hin zu einer offiziellen Reaktion von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Bild-Zeitung ("Ein bösartiges Foul") ist Triathlet Normann Stadler nervlich am Ende und denkt sogar an Flucht. "Wenn das so weitergeht, bin ich weg aus Deutschland", sagte der Sieger des Iron-Man-Triathlon von Hawaii, der nach seinen Aussagen über Behindertensportler Wojtek Czyz herbe Kritik einstecken musste und mit der Suspendierung durch seinen Verein MTG Mannheim die ersten Konsequenzen zu spüren bekam.

Der Pforzheimer hatte in dem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Wertungsrichtlinien bei der Wahl zu Deutschlands Sportlern des Jahres kritisiert und dabei Turnhoffnung Fabian Hambüchen und den dreifachen Paralympics-Sieger Wojtek Czyz angegriffen: "Ich habe mir 17 Jahre den Hintern aufgerieben, und dann kommt wegen irgendeiner Story ein behinderter Sportler, der das seit zwei Jahren macht, da vorne rein, weil er in Athen den Bundeskanzler umarmt hat." Czyz hatte bei der Wahl den fünften, Stadler den neunten Platz belegt.

Auch gegen den siebtplatzierten Fabian Hambüchen hatte Stadler gewettert: "Hambüchen ist ein junger, netter Kerl, aber er war einmal Siebter bei Olympia. Er hat auch von diesem tragischen Unfall von Ronny Ziesmer profitiert, auch dadurch kam Kunstturnen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit." Dazu stehe er auch heute, sagte Stadler dem sid.

Am Tag nach der Veröffentlichung des Interviews war für Normann Stadler nichts mehr, wie es vorher war.

Die MTG Mannheim reagierte noch am Abend und suspendierte Stadler aus ihrem Triathlonteam. "Die Abqualifizierung der vor ihm platzierten Czyz und Hambüchen und insbesondere die Haltung gegenüber dem Behindertensport sind völlig unverständlich und indiskutabel. Auch die nach dem Interview getroffen Aussagen von Herrn Stadler halten wir für nicht ausreichend, um die verwerflichen Aussagen zu revidieren", hieß es in einer Presseerklärung der MTG.

Für Stadler hatte der Tag schon mit Schrecken begonnen. "Ich habe viele Mails mit schlimmen Aussagen bekommen. In einer stand: Du gehörst verbrannt", berichtet der 31-Jährige, der sich missverstanden fühlt: "Ich wurde in dem Interview mit dem Wahlergebnis überrascht und habe so was dann aus Versehen, vielleicht auch in Rage gesagt. Aber ich habe doch nichts gegen Behinderte. Wer mich kennt, weiß, dass ich unter meinen Freunden Behinderte habe", stellte Stadler klar: "Jeder Behinderte leistet mehr als ein gesunder Sportler, sie gehören alle da oben hin." Er wolle bei der Wahl deshalb eine separate Wertung.

Am Montag schlug der Versuch einer Kontaktaufnahme mit Wojtek Czyz fehl. "Ich habe versucht, ihn zu erreichen. Ich wollte mich entschuldigen. Ich habe mich aber im Internet in sein Gästebuch eingetragen", sagte Stadler, der sich auch beim Deutschen Behinderten-Sportverband (DBS) für seine Aussagen entschuldigen will. Beim Ironman in Frankfurt will er die Bonusgelder einem Fonds für Behinderte zukommen lassen.

Auch Präsident Klaus Müller-Ott von der Deutschen Triathlon-Union (DTU) distanzierte sich von den Aussagen Stadlers. "Stadlers Worte sind unbedacht und stehen im krassen Widerspruch zur verbindenden Wirkung der Sportart Triathlon. Die DTU hat von Anfang an Behindertensport gefördert. Die Leistung behinderter Sportler kann nicht hoch genug eingeschätzt werden", meinte Müller-Ott.

Beim DBS war die Empörung zunächst groß, aber schon am Montag versuchte Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb, die Wogen wieder zu glätten: "Das waren sicher unbedachte Äußerungen eines Athleten, der seine Leistung nicht entsprechend gewürdigt sah." Richtig einordnen wollte Hartleb die Leistung von Wojtek Czyz aber doch: "Czyz hat sich jahrelang auf Athen vorbereitet und war ja auch vor seiner Behinderung schon sportlich aktiv. Vom Krankenbett aufs Siegertreppchen - das geht auch im Behindertensport nicht."

Den Gedanken einer getrennten Wertung bei der Sportler-Gala hält Hartleb durchaus für überlegenswert: "Wenn es einer vermehrten Publizität des Behindertensports dient, warum nicht. Ich würde es aber nicht deshalb befürworten, damit Stadler Achter statt Neunter wird."

Dass auch in Sportlerkreisen über den Wahlausgang "viel diskutiert" wird, sagte Kanu-Olympiasieger Andreas Dittmer, der auf Rang sechs gelandet war, dem sid: "Warum ist jemand in den Top Ten, der in Athen Siebter wurde? Katrin Boron als viermalige Olympiasiegerin ist nicht genannt. Ist Judith Arndt wegen ihres Stinkefingers so weit vorn? Sicher gibt es noch 20 Leute, die es auch verdient hatten, genannt zu werden."

Dass Wojtek Czyz einen Platz vor ihm lag, ist für Dittmer kein Problem: "Hut ab vor der Leistung, die er gebracht hat." Ähnlich äußerte sich auch der ehemalige Box-Weltmeister Sven Ottke: "Ich habe kein Problem damit, Behinderte bringen doch ihre Leistung."

Quelle: n-tv.de