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Leichtathletik-Weltverband bestreitet Vertuschung Streit um Doping-Studie eskaliert

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Der Leichtathletik-Weltverband bescheinigt sich selbst einen vorbildlichen Kampf gegen Doping. Der Doping-Experte Perikles Simon hat Zweifel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hält der Leichtathletik-Weltverband eine Doping-Studie zurück, weil die Ergebnisse nicht genehm sind? Ja, sagt Perikles Simon. Nein, sagt die IAAF. Sie wirft dem an der Studie beteiligten Mediziner "enttäuschendes Verhalten" vor. Und die Studie? Bleibt geheim.

Der Vorwurf wiegt schwer: Angeblich, so sagte es der deutsche Sportmediziner Perikles Simon am Wochenende, hält der vom Doping-Sprintskandal gebeutelte Leichtathletik-Weltverband IAAF eine Doping-Studie zur WM 2011 zurück. Grund sind offenbar die Ergebnisse der Studie, deutete Simon an. Die äußerst harsche Reaktion der IAAF lässt vermuten, dass der Vorwurf einen wunden Punkt getroffen hat.

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Auch bei Usain Bolt hat Sportmediziner Simon Zweifel an der Sauberkeit.

(Foto: REUTERS)

Gegenüber n-tv.de weist IAAF-Sprecher Nick Davies die Aussagen und Andeutungen von Simon nun "als enttäuschendes Verhalten" zurück, das die Leichtathletik und die Arbeit des Weltverbandes herabwürdige: "Seine Rolle als Forscher gibt Simon nicht das Recht, im Fernsehen Behauptungen aufzustellen, die sich nicht beweisen lassen." Zuvor hatte Davies dem Doping-Experten gegenüber der Deutschen Presse-Agentur persönliche Geltungssucht vorgeworfen: "Es bringt die Leichtathletik in Misskredit und gibt nur Dr. Simon seine 15 Minuten Ruhm vor einer Fernsehkamera."

Der Mediziner hatte am Samstag im ZDF-Sportstudio nicht nur die Unbescholtenheit von Sprint-Superstar Usain Bolt ("einfach nicht plausibel") in Frage gestellt und sich dabei auf den Quantensprung bei den 100-Meter-Zeiten seit 2008 bezogen. Er hatte auch über eine noch nicht publizierte Doping-Studie gesprochen. Dabei handle es sich um eine Erhebung, die er zusammen "mit international renommierten Experten auch bei der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu" durchgeführt habe.

Daten unter Verschluss gehalten?

Harting will härtere Dopingstrafen

Diskus-Olympiasieger Robert Harting hat sich für härtere Strafen für Dopingsünder ausgesprochen. Er halte das bisherige Sport-Verbot von zwei Jahren für nicht wirksam genug, erklärte der 28-Jährige in "Sport-Bild". "Es muss eine Sperre von mindestens fünf Jahren geben", sagte er. "Nur das ist wirksam. Fünf Jahre überbrückt man nicht mit dem Geld, das man in einem Jahr durch Doping verdient hat. Zudem verändert sich der Körper sehr stark. (...)  Das wäre wirklich eine Abschreckung."

Thema der Studie: "Die Dunkelziffer beim Doping." Ergebnisse: geheim. Details wollte Simon nicht nennen, die Daten und Methode sollten vorher "noch von anderen Wissenschaftlern auf ihre Korrektheit überprüft werden". Genau das sei aber bislang an der IAAF gescheitert, sagte Simon: "Man kann sagen: Diese Daten werden jetzt unter Verschluss gehalten."

Gegenüber der Welt-Antidoping-Agentur Wada, mit der die IAAF laut Davies die Studien-Ergebnisse austauscht, habe der Leichtathletik-Weltverband die Daten "als noch nicht begutachtet bezeichnet". Den Forschern sei durch eine Vertraulichkeitsvereinbarung untersagt, über die Studie zu sprechen. Diese Vereinbarung hatte Simon unter Berufung auf die Freiheit der Forschung in Deutschland bei seinem Interview bewusst gebrochen. Er habe die Vereinbarung schließlich im treuen Glauben unterschrieben hatte, "dass wir die Daten publizieren dürfen".

Aktuelles Doping - oder künftiges?

Dazu wird es laut IAAF nicht kommen. Der Leichtathletik-Weltverband bestreitet nicht, mit dem Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz zusammengearbeitet zu haben. Er widerspricht Simon aber in einem entscheidenden Punkt: dem Ziel der Studie. Während Simon die Untersuchung von verstecktem Doping auch bei der WM in Daegu als Forschungsziel bezeichnet, sagt die IAAF: Es sei lediglich um neue Doping-Methoden gegangen, die Athleten künftig nutzen könnten - nicht darum, ob sie bereits in Daegu genutzt wurden.

Daraus wiederum leitet der Leichtathletik-Weltverband zwingend die Notwendigkeit zur Geheimhaltung der Studie ab. "Die IAAF versucht gezielt Informationen zu sammeln über geheime Methoden, die einige Athleten zum Betrügen des Systems benutzen könnten", argumentierte Davies auf Anfrage gegenüber n-tv.de: "Deshalb versteht es sich von selbst, dass diese Informationen nur von der IAAF genutzt werden und geheim sind." Eine Veröffentlichung der Erkenntnisse sei kontraproduktiv:  "Dann alarmieren wir die Betrüger. Wir wollen die Betrüger aber erwischen und nicht davor warnen, was wir machen."

"Unglaubliches" TV-Interview

Der dpa sagte Davies weiter, es sei unglaublich, "dass Dr. Simon offenbar glaubt, dass die IAAF an die Öffentlichkeit bringen sollte, was ihre Anti-Doping-Experten über neue Designer-Drogen und Doping-Methoden herausgefunden haben, die einige Athleten in der Zukunft vielleicht nutzen könnten."

Auch Simons Aussagen über Sprint-Superstar Usain Bolt wies Davies zurück. Gerade der Leichtathletik-Weltverband führe schon seit Ende der 1980er Jahre einen konsequenten Kampf gegen Doping. Mit einer Ernsthaftigkeit, die der IAAF-Sprecher dem anerkannten Dopingforscher Simon abspricht. Dessen TV-Auftritt, urteilte Davies, sei lediglich "eine Ansammlung persönlicher Meinungen und schon mehrfach verbreiteter Gerüchte, die als seriöse Forschung getarnt wurden".

Quelle: n-tv.de, mit dpa