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Handballer enttäuschen bei WM Was aus krachendem Scheitern folgen muss

Die deutschen Handballer erleben eine enttäuschende Weltmeisterschaft. Von der Weltspitze ist man zumindest im Endergebnis historisch weit entfernt. Die Ziele aber bleiben ultimativ hoch. Das ist anstrengend, aber alternativlos.

Nein, am Ende bleibt aus deutscher Sicht erstmal wenig Positives von der Handball-WM in Ägypten. Außer vielleicht die Aussicht, dass es besser werden wird. Oder kann. Auf alle Fälle: Sollte. Die Titelkämpfe gehen in den kommenden Tagen ohne Beteiligung des DHB-Teams in ihre titel- und medaillenbringende Phase. Um Edelmetall kämpfen die, die das seit Jahren tun. Franzosen, Dänen, Spanier, Norweger. Die Weltspitze eben. Deutschland gehört, das muss man so sehen, in der Form des Jahres 2021 nicht dazu. Das letzte Erfolgserlebnis bei einem großen Turnier datiert von Olympia 2016, damals gab es im Nachgang des völlig überraschenden EM-Titels Bronze. Nach diesen Titelkämpfen steht Platz zwölf für die Auswahl von Alfred Gislason, die schlechteste WM-Platzierung in der langen Geschichte des Deutschen Handball-Bundes.

Es gibt Gründe für das krachende Scheitern der WM-Mission: Mit der Absage von Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler brach Gislason der vielleicht beste Innenblock der Welt weg. Im Rückraum fehlt es in Deutschland seit Jahren an absoluter Weltklasse. Fabian Wiede, der mutmaßlich spielstärkste Halbrechte der Nation, kämpft immer wieder mit gesundheitlichen Problemen und verpasste in Ägypten nach der EM 2020 das zweite Großturnier in Serie. Gestresst vom eigenen Anspruch und zu wenig unterstützt von der eilends und ohne große Einspielmöglichkeit formierten neuen Abwehr erlebte auch Andreas Wolff ein Turnier zum Vergessen: Mit einer Fangquote von 28 Prozent liegt der Weltklasse-Mann nur auf Rang 31 unter den Torhütern des Turniers.

"Da passt doch das eine nicht zum anderen"

Als der ebenso streitbare wie umstrittene Bob Hanning 2013 antrat, um dem seinerzeit eher träge aufgestellten Verband neue Strukturen zu verpassen, tat er das mit dem Mantra "Olympia-Gold 2020 ist das Ziel". Und Hanning bleibt dabei: "Wir holen Gold", wiederholte der 52-Jährige jüngst, ungeachtet der unbefriedigenden WM. Mit seiner Vision hat er längst auch DHB-Präsident Andreas Michelmann angesteckt. "Das ist ja ein Ziel, das wir uns schon 2013 gesteckt haben", sagte der 61-Jährige. "Bei der Ausgeglichenheit der Weltspitze und den Reserven, die wir noch haben an Spielern, halte ich das für ein realistisches Ziel." Christian Schwarzer, Weltmeister von 2007, ärgert das. "Jetzt spricht man schon wieder von Gold", sagte Schwarzer bei Sport1. "Warum müssen denn da immer die Verantwortlichen vorpreschen und irgendwelche Ziele vorgeben? Da passt doch das eine nicht zum anderen."

Nun ist Hanning kein Träumer, schon gar kein Spinner. Der Macher der Füchse Berlin ist ein Handball-Fachmann. Ein besessener dazu. Er setzt Themen, nicht nur mit seinen schrillen Outfits. Der hochattraktive Sport hat es im Schatten des übermächtigen, omnipräsenten Fußballs in Deutschland schwer, nur bei den großen Turniere gibt es nennenswert TV-Zeit. Das Interesse des Publikums aber lässt sich eben nur mit der Aussicht auf Titel, auf Spektakel und Heldengeschichten wecken.

Das wissen sie beim DHB natürlich. Bleiben Erfolg und Geschichten aus, gibt es Probleme. Für die Aussicht auf Platz neun schaltet kein Gelegenheits-Handball-Fan den Fernseher ein. Geht es um nichts, fallen die Quoten ins Bodenlose. Von den guten Zahlen bei der Heim-WM 2019 und bei der EM vor einem Jahr waren die Werte bei den Live-Übertragungen von ARD und ZDF 2021 weit entfernt. Zum Abschluss schauten nur noch durchschnittlich 3,15 Millionen Zuschauer zu, Minuswert waren die 2,99 Millionen beim ebenfalls weitestgehend bedeutungslosen Brasilien-Spiel.

Zum Vergleich: Der Durchschnitt bei den EM-Spielen im Vorjahr lag bei mehr als 5,2 Millionen, und bei der Heim-WM vor zwei Jahren schauten bei jeder TV-Übertragung mindestens sechs Millionen Menschen der DHB-Auswahl zu. Die umstrittene, unter gesundheitlichen Aspekten aber wohl glimpflich abgelaufene WM wurde auch unter ständigem Hinweis auf die existenzielle Bedeutung des Turniers für den Sport durchgepeitscht. Das alle Winter wiederkehrende breite Interesse muss bedient werden.

"Wir müssen jetzt liefern. Auch vor dem Hintergrund des Jahrzehnts des Handballs, das wir als Verband ausgerufen haben mit den EMs und WMs, die wir geholt haben", forderte Hanning im Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit Blick auf Olympia in Tokio. Deutschland richtet 2024 die EM und 2027 die WM aus. Und Michelmann sekundierte: "Wir brauchen jetzt Olympia, um die Kurve wieder nach oben zu kriegen." Nach der polternd, eher krachend verlaufenen Trennung von Christian Prokop, dem man nach einer soliden, aber mit Platz fünf ungenügenden EM 2020 nahezu in Bestbesetzung eine erfolgreiche Olympia-Kampagne nicht zutraute, sollte der erfahrene Gislason die Kurve nach oben lenken. Das gelang vorerst nicht.

Der fehlende Innenblock erklärt nicht alles

Mit Prokop, auf maßgebliches Betreiben von Hanning installiert, hatte Handball-Deutschland immer gefremdelt. Hemdsärmelige Vorgänger wie Heiner Brand oder der Menschenfänger Dagur Sigurdsson, der sein Team 2016 als eingeschworene "Bad Boys" zum Sensationserfolg geführt hatte, sind im kollektiven Gedächtnis zu prägnant. Der ehemalige Leipziger Bundesligatrainer wirkte stets zu kontrolliert, zu analytisch. Und schien seiner Mannschaft gerade für die engen Situation, die zwischen einem Platz in der Weltklasse und einer Enttäuschung entscheiden, zu wenig mitgeben zu können. Auch um das nicht mehr erleben zu müssen, hatte man Gislason installiert.

Doch auch in Ägypten warf die deutsche Mannschaft vielversprechende Situationen einfach weg, gegen die Spanier hatte die deutsche Mannschaft die Chance, auf einen Vier-Tore-Vorsprung zu stellen. Zehn Handball-Minuten aus der Hölle später lag man mit vier Toren zurück, drei eigene Tore in den letzten 16 Minuten des "Do-or-die"-Spiels (Paul Drux) waren zu wenig. "Einfach zu viel Risiko. Das haben wir uns selbst kaputt gemacht", schimpfte Gislason. In entscheidenden Phasen fehlten oft Klarheit, Cleverness und der unbedingte Siegeswillen. Wieder einmal.

"Wussten, welche Probleme auf uns zukommen"

"Gute Moral" habe man gezeigt, sagte Paul Drux nach dem abschließenden Polen-Spiel am Montagabend, "aber am Ende hätten wir cleverer sein und das Ding zumachen müssen." Man hätte "abgezockter sein müssen", assistierte Johannes Golla, den besonders der letzte deutsche Angriff ärgerte: Der endete in Überzahl nicht mit einem Torwurf, sondern mit einem Pfiff wegen Zeitspiels - und beinahe mit dem entscheidenden Gegentreffer. Eine Parade ausgerechnet von Wolff rettete schließlich das Remis (23:23). An diesem ärgerlichen Ende hätte auch die Anwesenheit eines funktionierenden Innenblocks nichts geändert.

"Natürlich wäre das schön, wenn es anders wäre. Aber ich kann der Mannschaft keinen großen Vorwurf machen. Wir wussten alle, welche Probleme auf uns zukommen würden", sagte Gislason nach dem schwachen Turnierabschluss gegen von der Weltspitze inzwischen weit entfernte Polen. "Die Probleme sind vor allem in der Abwehr immer geblieben. Heute kamen im Angriff welche dazu. Natürlich sind wir mit dem Platz nicht zufrieden."

Jetzt muss trotzdem ein Olympisches Turnier her, das die Nation elektrisiert. Medaillen elektrisieren, ein angesichts der im Handball breiten - und dieser Tage enteilten - Weltspitze überaus veritabler Platz im Viertelfinale bedeutet schon lange ein Scheitern. Und dann gibt es da noch ein ganz anderes Problem: Die Mannschaft muss sich erstmal für die Olympischen Spiele qualifizieren. Beim Qualifikationsturnier im März in Berlin warten mit Slowenien und Schweden zwei konkurrenzfähige Teams. "Ich weiß ja, wie es Bob meint. Bob hat immer große Ziele, die haben wir alle. Aber wir tun alle gut daran, wenn wir jetzt erst mal den Fokus auf die Quali legen, das ist unser nächstes Ziel", mahnte der in Ägypten mal wieder unglücklich in seiner Rolle wirkende Kapitän Uwe Gensheimer. Gislason wünschte sich schon eine Verlegung des Bundesliga-Spieltags vor dem Turnier. "Ich habe insgesamt nur vier Trainingstage, bevor die Spiele losgehen. Ich hoffe natürlich, dass ein paar Tage dazukommen könnten. Normalerweise müsste man vorher den Bundesliga-Spieltag verlegen", sagte Gislason. "Das ist ja nicht gerade unwichtig, diese Woche in Berlin."

Unterstützung gibt es von Hanning, der die Gold-Mission vor acht Jahren gestartet hatte: "Den Wunsch von Alfred kann ich zu 100 Prozent nachvollziehen, und den ernsthaft anzugehen, halte ich für richtig". Man werde sich mit Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann und Liga-Präsident Uwe Schwenker deswegen zusammensetzen.

"Das ist kein Hosenscheißer-Handball"

Den Erwartungen, mit dem Ziel Viertelfinale von der DHB-Spitze für die Ägypten-Mission vergleichsweise moderat formuliert, läuft man nun erstmal weiter hinterher. Und das droht zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung die kleinen Fortschritte zu überdecken. "Zum einen ist deutlich mehr Struktur in der Mannschaft. Und zum anderen hat das Team jene Mentalität, erst einmal nicht verlieren zu wollen, längst abgelegt. In der Vergangenheit hat die DHB-Auswahl oft sehr ängstlich agiert, in der ersten Sieben aber, die sich bei dieser WM klar herauskristallisiert hat, übernahm jeder Verantwortung", lobte der ehemalige Weltklasse-Linksaußen Stefan Kretzschmar die Mannschaft und den neuen Trainer im Interview mit ntv.de. "Da ist mittlerweile eine große Sicherheit zu sehen. Das ist kein Hosenscheißer-Handball."

Die vielen Ausfälle durften "bei der WM kein Thema sein, in der Analyse aber schon. Natürlich wird diese Mannschaft deutlich stärker, wenn in der Abwehr wieder der Kieler Mittelblock mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek steht", ist sich Kretzschmar sicher. "Aber Johannes Golla hat das in der Defensive und am Kreis in Ägypten so hervorragend gemacht. Er gehört zu den absoluten Gewinnern dieser WM. Der ist vorerst aus dem Team nicht mehr wegzudenken. Wiencek wird es künftig schwer haben. Und wenn man sieht, mit welchem Teamgeist und mit welcher Stimmung und Motivation die Auswahl aufgetreten ist, hat das trotz allem richtig Eindruck gemacht."

Eine Entwicklung findet statt, aber das anspruchsvolle Quali-Turnier im März wird zur nächsten, der größten Prüfung für das Team. Dann steht auch der Teamgeist auf der Probe: Der unglücklicke Torwart Wolff hatte im Vorfeld das etablierte Kieler Trio Wiencek-Weinhold-Pekeler hart für deren Absagen kritisiert, der Verband musste eilends kritische Interviewmomente von Kapitän Gensheimer als unzulässige Missinterpretation wieder einfangen.

Und über allem steht noch nicht mal die Frage, ob es fürs Viertelfinale reicht. "In der Tat ist es so, dass davon eine Menge abhängt. Ich habe immer gesagt, wir wollen dann so weit sein, dass die Generation auch liefert. Und dann müssen wir auch liefern", sagte Hanning. "Dann wird sich zeigen, ob wir mit der Generation, so wie ich es immer für möglich gehalten habe, auch wirklich zur Weltspitze gehören."

Quelle: ntv.de