Fußball-EM

Zlatans Nase, die Iren und ein Fest Die Fußball-Europameisterschaft lebt doch

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Sind nicht nur trink-, sondern auch sangesfreudig: die Fans der irischen Nationalmannschaft.

(Foto: imago/Schüler)

Sie kommen, um zu feiern: ihre Teams, den Fußball und auch sich selbst. Im Stade de France treffen sich Iren und Schweden zu einer fröhlichen EM-Party. Das ist eine gute Nachricht. Und dann schießt auch noch der Mann mit dem klingendsten Namen des Turniers ein Tor.

Sie könnten einem mit ihrer notorisch guten Laune auch auf die Nerven gehen. Tun sie aber nicht. Wer mit dieser Fußball-Europameisterschaft hadert, diesem Hochsicherheitsturnier im Schatten des Terror, wer entsetzt ist über die prügelnden Hooligans in Marseille, Nizza und Lille, wer sich fragte, ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn ergibt - der sollte einfach mal in Paris in die Metro steigen und 14 Stationen mit irischen und schwedischen Fans raus zum Stade de France nach Saint Denis fahren.

Die Probleme sind danach nicht weg, aber die Lust auf die EM in Frankreich ist wieder da. An diesem frühen Montagabend haben 73.419 Menschen beim 1:1 im Auftaktspiel der Gruppe E den Fußball, ihre Mannschaften und auch sich selbst gefeiert. Das ist eine gute Nachricht.

An jedem Halt sangen die Iren in der U-Bahn: "Make room for the boys in green." Und immer stiegen welche zu von den Jungs in Grün, bis wirklich kein Platz mehr war. Sie missachten hartnäckig das im richtigen Leben zwingend zu befolgende Gebot, keine Witze über Nasen zu machen und sangen: "His nose is offside, his nose is offside, Ibrahimovic, his nose is offside." Die Schweden in ihren leuchtend gelben Trikots lächelten, wenn auch gequält. Aber so schlecht war der Scherz über ihren Superstar Zlatan Ibrahimovic nun auch wieder nicht. Und die im Waggon, die augenscheinlich nichts mit dieser Fanfolklore zu tun hatten, sondern einfach nur auf dem Weg vom Büro nach Hause waren, schauten erst pikiert. Doch dann lächelten auch sie, nachsichtig, fast wie Eltern, die sich über ihren Sohn freuen, der im Grunde ein lieber Junge ist, aber halt diese Flausen im Kopf hat, der Bengel.

Fünf Gesellen mit grün-weiß-orangefarbenen Zylindern

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Stilvoll wie eh und je: irische Fans beim Spiel gegen Schweden.

(Foto: imago/ActionPictures)

Auch untereinander vertrugen sich die Fans. Und wenn es die Iren zu arg mit ihren Späßen trieben, lenkten sie flugs wieder ein. So wie die fünf Gesellen mit den grün-weiß-orangefarbenen Zylindern auf ihren Köpfen vor dem Stadion, die einem einsamen und verunsichert blickenden Schweden versicherten: "Henrik Larsson ist the best man. Forever!" Dazu muss man wissen, dass dieser Larsson früher für die schwedische Nationalmannschaft gespielt hat - und von 1997 bis 2004 für Celtic Glasgow. In diesen sieben Jahren schoss er 174 Tore für den Klub aus der größten schottischen Stadt. Was das mit Irland zu tun hat? Celtic ist der Verein der katholischen Emigranten, die Spieler tragen das irische Kleeblatt auf dem grün-weißen Trikot. Und der Schwede Larsson ist für immer der beste Mann - das verbindet.

Für das Unentschieden auf dem Rasen gilt das auch, allerdings in negativer Hinsicht. Wer in dieser Gruppe E ernsthaft auf das Achtelfinale hofft, der hätte besser gewinnen sollen. Zumal im zweiten Spiel des Tages die Italiener etwas überraschend mit 2:0 (1:0) gegen die allenthalben als Mitfavoriten auf den Titel gehandelten Belgier gewannen. Gegen beide Teams treten Schweden und Iren logischerweise noch an. Gemessen an dem, was sie zum Auftakt fußballerisch boten, könnte das verdammt eng werden. Was die Stimmung betrifft, liegen beide Lager aber ganz weit vorne.

Fields of Athenry - Hymne des würdevollen Scheiterns

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Die schwedischen Fans hatten auch einiges zu bieten.

(Foto: REUTERS)

Bisher galt bei großen Turnieren: Wenn alle anderen so gewinnen könnten wie die Iren verlieren, wäre wahrscheinlich nicht nur diese Europameisterschaft schöner. So ist das rührende Fields of Athenry das irische EM-Lied schlechthin, eine Hymne des würdevollen Scheiterns, mit der sich die Fans beim Turnier 2012 beim 0:4 gegen Spanien im letzten Gruppenspiel in Danzig den Ruf erwarben, die besten der Welt zu sein.

Sie haben es im Stade de France, allerdings mit Unterstützung aus den Lautsprechern, wieder gesungen, immerhin einen Punkt ergattert - und doch den Sieg verschenkt. Der Mann mit dem klingendsten Namen des Turniers hatte Irland drei Minuten nach der Pause in Führung gebracht. Nach sehr feiner Vorarbeit des rechten Außenverteidigers Seamus Coleman vom FC Everton, war es, jetzt kommt's, Wes Hoolahan, der den Ball per Dropkick ins Tor beförderte - ein wunderbares Tor des Angreifers vom englischen Premier-League-Absteiger Norwich City. Das Publikum reagierte erfreut: "Come on you boys in green!" Und, auch ganz großes Kino: "I just can't get enough", der ewig grüne Gassenhauer von Depeche Mode.

Doch 23 Minuten später war es vorbei mit der saftig grünen Glückseligkeit. Besagter Ibrahimovic mit besungener nicht ganz so kleiner Nase flankte im Strafraum so energisch den Ball vors Tor, dass dem armen irischen Ciaran Clarc im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als ihn hineinzuköpfen - auf der falschen Seite. Immerhin können die Iren für sich verbuchen, die ganz große Show des Zlatan Ibrahimovic verhindert zu haben. Der 34 Jahre alte Kapitän der Schweden mühte sich zwar redlich, war praktisch überall und klärte auch schon mal im eigenen Strafraum. Aber am Ende hat das nicht gereicht. Kein Grund für die Fans, die das ganze Stadion in fast gleich großen Teilen in Grün und Gelb schmückten, sich nicht ebenso ausführlich wie herzlich von den Spielern zu verabschieden. Es war vielleicht nicht der ganz große Fußballabend, aber es war ein Fest, das gezeigt hat, dass es auch anders geht. Die Europameisterschaft lebt doch - zumindest an diesem Abend in Saint Denis.

Quelle: n-tv.de

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