Fußball-EM

Das DFB-Spiel im Schnellcheck Zerfetzt wie ein Schweizer Trikot

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Auf dem Rasen zerfetzte das DFB-Team die nordirische Abwehrkette, auf der Trainerbank die Nerven von Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Beim DFB haben sie es ja gewusst: Bleibt locker, Freunde, wir werden uns steigern. Mit der Ruhe eines "Yogi" Löw haben sie das in den vergangenen Tagen eifrig betont - mit Erfolg. Wir fühlen uns an die legendären Schweizer Trikots erinnert.

Das ist im Parc des Princes passiert:

Thomas Müller hat sich eine Chance erarbeitet. Kleiner Spaß – auch wenn's stimmt. Mehrere sogar. Passiert ist nämlich etwas ganz anderes, etwas viel Wichtigeres: Die deutsche Offensive ist erstmals bei der Europameisterschaft ernsthaft vorstellig geworden. Was natürlich auch mit Thomas Müller zu tun hat. Der hat zwar immer noch nicht getroffen, aber endlich wieder jene Räume gefunden, die er für sein Spiel braucht. Dass seine Mitspieler ihn dann auch noch in diesen Räumen entdeckt und angespielt haben, erlöste das Spiel von jener seltsamen Lethargie, die noch gegen die Ukraine und gegen Polen zu beobachten war. Und weil Müller den Ball aus seinen Räumen in die weiterleitete, die sich seine Kollegen ausgesucht hatten, fiel zumindest ein Tor. Das erzielte Mario Gomez in der 29. Minute. Ein maximal schmeichelhaftes Ergebnis für die Nordiren. Denn die kombinationslüsterne Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw vergab im ausverkauften Prinzenpark eine irrwitzig große Zahl an hochkarätigsten Gelegenheiten, zerfetzte die im nordirischen Strafraum einbetonierte Abwehrkette dabei mitunter so regelmäßig wie die Franzosen die Trikots der Schweizer Nati-Spieler.

Einen ausführlichen Spielbericht lesen Sie hier.

Der Triumph des Spieltags:

Deutschland hat seine Vorrundengruppe gewonnen! Der schmale Erfolg gegen Nordirland reichte zu Platz eins, weil die Polen im Parallelspiel ebenfalls nur 1:0 gegen die Ukraine gewannen. Das bedeutet: Am Sonntag spielt das DFB-Team um 18 Uhr in Lille. Der Gegner steht noch nicht fest. Sicher ist: Er wird zur Kategorie schlagbar gehören.

Die Highlights im Spielfilm:

7. Minute: Wir zücken die Klatschpappen und applaudieren Thomas Müller. Der hat nicht nur die erste Chance im Spiel, nein, er hat seine erste im ganzen Turnier. Alleine taucht er vor Keeper James McGovern auf, schließt dann allerdings ein wenig hektisch ab. Aber, Nachsicht bitte, war ja seine erste Chance.

11. Minute: Langer Hafer, so hat man das früher genannt, von Jéróme Boateng, Mesut Özil pflückt ihn sich elegant aus der Luft, semmelt dann ebenfalls freistehend ziemlich unelegant über den Ball. Bitte auch hier um Nachsicht, Özil hatte die Müller-Chance zuvor schön vorbereitet.

12. Minute: Ganz schön wilde Auftaktphase. Wieder Deutschland, diesmal versucht's Mario Götze, aber auch er ist aktuell noch zu nervös und schießt vorerst nur den Keeper an.

23. Minute: Ach du meine Güte, der Müller. So hatten wir gestern noch geschrieben und wir wiederholen uns gerne: Ach du meine Güte, der Müller, jetzt hat er seine Chancen, aber vergibt sie. Diesmal prallt der Ball von der breiten (körperlich) Brust Mario Gomez' in Müllers Raum. Aus zehn Metern halbrechter Position zieht er den Ball knapp am langen Pfosten vorbei.

27. Minute: Raten Sie mal wer die nächste deutsche Chance hat? Richtig, Thomas Müller. Und wer hat sie vorbereitet? Auch richtig, der Kimmich. Flanke von rechts, Müller hält seinen Kopf knapp über der Grasnarbe in die Hereingabe und lenkt sie an den Pfosten. So langsam ...

29. Minute, TOR FÜR DEUTSCHLAND, 1:0, GOMEZ: Es hat sich ja so ein klitzekleines bisschen angedeutet. Deutschland geht in Führung. Und raten Sie mal, wer getroffen hat? Nein, Müller war's nicht. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Er hat aber abgelegt, auf Gomez. Und der Torero wuselt den Ball im Fünfmeterraum über die Linie. Nicht ganz unbeteiligt an der Entstehung waren übrigens die spielfreudigen Herren Özil und Kimmich.

34. Minute: Müller wie Ronaldo. Er versucht's, versucht's und versucht's. Diesmal wird er von Götze in der Mitte freigespielt und setzt den Ball vom Elfmeterpunkt an die Latte. Ob seine Trikotnummer (13) was damit zu tun hat?

41. Minute: Angesichts des zunehmenden Chancenwuchers kürzen wir ab jetzt etwas ab. Özil spielt Gomez frei, der aber ebenso unelegant über den Ball eiert wie sein Vorlegengaber in Minute elf.

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  52. Minute: Langer Ball von, wem sonst, Kimmich. Der Ball landet bei Götze – und 2:0? Nein, McGovern pariert wie einst Handball-Titan Andreas Wolff.

53. Minute: Langsam wird's mühsam, wieder Götze, flache Hereingabe, vorbei. Junge, junge ... Aber: Die nordirischen Fans feiern, richtig so, steht ja auch nur 0:1, alles noch drin (oder so).

59. Minute: Möchten Sie es überhaupt noch lesen? Nun, der Chronistenpflicht wegen: Sami Khedira schießt, aber vergibt. Der Abpraller landet bei Gomez, der lässt ebenfalls aus.

76. Minute: Wir müssen kurz ernst werden, denn Boateng wird ausgewechselt. Er hat Probleme an der Wade und wird auf der Bank behandelt. Für den Abwehrtitan kommt übrigens Benedikt Höwedes.

82. Minute: Glückwunsch zu Ihrem Durchhaltevermögen. Folgendes haben wir nun zu berichten. Flanke Kimmich (wie immer), Kopfball Gomez (heute eher selten), Teufelskerlparade von McGovern (haben wir schon häufiger gesehen). Wissen Sie noch wie's steht? 1:0, verrückt, oder?

Teams & Tore

Deutschland: Neuer – Kimmich, Boateng (76. Höwedes), Hummels, Hector – Khedira (69. Schweinsteiger), Kroos – Müller, Özil, Götze (55. Schürrle) – Gomez ; Trainer: Löw
Nordirland: McGovern – A. Hughes, McAuley, Cathcart, J. Evans – Norwood, C. Evans (84. McGinn), St. Davis, J. Ward (70. Magennis) – Dallas, Washington (59. K. Lafferty); Trainer: O'Neill
Tore: 1:0 Gomez (29.)
Zuschauer: 40.000 Parc des Princes
Schiedsrichter: Turpin (Frankreich)

Was war gut?

Tempo, Kombinationen, Spielfreude – die Nationalmannschaft hat uns Journalisten endlich wieder Ausdrücke in den Block gezwungen, die in den vergangenen Tagen auf der Liste der bedrohten Wörter standen. Nun wollen wir nicht direkt in die totale Euphorie verfallen, schließlich war der Gegner ziemlich überfordert und fußballerisch deutlich limitierter als zuletzt die Polen. Der Sieg fällt daher ohne Zweifel in die Kategorie Pflichterfolg, aber dennoch war die Leistung der DFB-Elf sehr sehenswert. Besonders erfreulich: Thomas Müller kann sich doch noch Chancen erarbeiten, Mesut Özil deutlich auffälliger spielen als in seinen ersten 180 EM-Minuten und Mario Götze fühlt sich – endlich aus dem Sturmzentrum verbannt – von den Teamkollegen endlich wieder ins Spiel integriert. Das Allerwichtigste aber: Joshua Kimmich hat gespielt (mehr dazu, siehe unten). Und wenn Sie das Spiel nicht gesehen haben und wissen wollen, wie überlegen die Löw-Elf wirklich war, dieser Tweet sagt alles:

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Was war nicht gut?

Die klägliche Chancenverwertung. Jetzt können Sie natürlich unken, was wollen die eigentlich? Erst kritisieren sie, das die Offensive so gar nichts auf die Kette bekommt und jetzt moppern sie darüber, dass sie nicht hoch genug gewinnen. Recht haben Sie. Aber was soll's denn? Verschweigen können wir es ja nicht. Allein in der ersten Halbzeit hatte die Mannschaft von Bundestrainer Löw, allen voran Thomas Müller, acht hochkarätige Chancen, genutzt haben sie nur eine. Also, bei aller Freude über den wiederentdeckten Offensivwirbel, mahnen wir zu deutlich mehr Abschlusspräzision in den nächsten Spielen. Denn nicht immer wird die Mannschaft einen solchen Wucher an Gelegenheit zum erfolgreichen Abschluss angeboten bekommen.

Erkenntnis des Tages:

Die deutsche Nationalmannschaft ist noch nicht im Turnier angekommen. Das hätte hier durchaus stehen können. Da das aber nicht stimmt, steht es hier auch nicht. Der Weltmeister spielte bis auf den Abschluss ja richtig gut. Aber das haben Sie mittlerweile ja wahrscheinlich auch verstanden. Also lassen wir das und widmen uns Cathy Hummels. Die hat uns heute nämlich ein Geheimnis verraten. Und zwar, dass sie gar kein Problem damit hat, Spielerfrau zu sein (was auch komisch wäre, denn sie ist ja Spielerfrau). In einem Interview mit der Agentur "spot on" sagte die 28-Jährige folgenden wichtigen Satz: "Es ist einfach ein Begriff für die Frau eines Fußballspielers und deswegen ist das für mich okay. Es ist immer am wichtigsten, dass man selbst mit dem zufrieden ist, was man tut." Und was tut Frau Hummels? Nun, heute gab sie zum Beispiel Schminktipps für den richtigen Look zum Spiel – nur damit Sie's wissen.

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Joshua Kimmich machte vor nichts und niemandem halt.

(Foto: REUTERS)

Erste (große) Überraschung des Tages:

Joshua Kimmich. Der spielte nämlich von Beginn an. Und zwar hinten rechts. Im Revier von Benedikt Höwedes. Die Idee des Bundestrainers: Der Bayern-Allrounder fremdelt mit der Zone jenseits des eigenen Strafraums deutlich weniger als der Schalker. Sprich: Es könnte sein, dass Kimmich also ein kleines bisschen mehr Druck erzeugt, als Höwedes. So des Bundestrainers Gedankenspiel. Und ein kleines bisschen mehr Druck, war ein kleines bisschen untertrieben. An fast jeder gefährlichen Situation war der 21-Jährige beteiligt. Bearbeitete unaufhörlich die Außenbahn und auch die Eckfahne, startete in freie Räume, flankte, dribbelte und wühlte sich auch mal bis zur Torlinie durch. Ganz starker Auftritt. Und defensiv? War er nicht gefordert. Daher: keine Angaben möglich.

Zweite (weniger große) Überraschung:

Die Besetzung der linken deutschen Offensivseite. Da spielte zuletzt ja Julian Draxler. Der war stets bemüht. Aber Sie wissen was das heißt – folglich: Pause gegen Nordirland. Auf den Flügel rückte Mario Götze. Der fand sich in den ersten beiden Spielen noch im Sturmzentrum, war da aber nicht immer am Spiel beteiligt. Doch weil er herausragende Qualitäten hat, die der Bundestrainer schätzt, nämlich das Passspiel, und ihn Mats Hummels daran erinnerte, dass er doch dribbeln kann und deswegen auch mal in Eins-gegen-eins-Duelle gehen könnte, durfte er sich auf anderer Position versuchen. Durchaus mit Erfolg. Wenn auch trotz vieler Chancen ohne Tor. Die Versetzung des Bayern-Spielers bedeutete aber auch: In der Mitte gab's eine weitere Umstellung, dort agierte der kantige Mario Gomez. Der hatte zuvor nur 20 Minuten bei der EM mitwirken dürfen und nutzte das zu nur vier Ballkontakten. Gegen die Jungs von der Insel lief's viel besser. Belohnung das Tor zum 1:0 – und auch sonst viele gute Szenen.

So war's im Stadion:

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Und es berichtete n-tv.de Spielbeobachter Stefan Giannakoulis: Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Die nordirischen Fans waren an diesem lauen und ausnahmsweise weitgehend trockenen Sommerabend im Pariser Prinzenpark tatsächlich fast die ganze Zeit "on fire". Das korrespondierte zwar überhaupt nicht mit dem Geschehen auf dem Rasen, auf dem die DFB-Elf dominierte wie kaum ein anderes Team zuvor bei dieser EM - aber sehen und hören Sie selbst:

So war der Schiedsrichter:

Und es sprachen die n-tv.de Schiedsrichter-Experten "Collinas Erben": Die unangenehmste Situation für das Gespann um Clément Turpin ereignete sich unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff, als einem der Assistenten der Ball nach einem Zweikampf an der Seitenlinie zwischen Jonas Hector und Jamie Ward aus kurzer Distanz versehentlich auf den Solarplexus geschossen wurde. Der tapfere Mann ging daraufhin zu Boden, erholte sich aber in der Pause wieder. Ansonsten hatten die Unparteiischen aus Frankreich keinerlei Probleme mit der fairen Partie, in der es zu Recht keine einzige Gelbe Karte gab. Anders als in seinem ersten Spiel bei dieser EM zwischen Österreich und Ungarn, als Turpin manch klares Foul durchgehen ließ und dadurch eine veritable Knüppelei heraufbeschwor, passte die Linie des Referees diesmal exakt zum Spielcharakter. Besonders auffällig waren Turpins große Laufbereitschaft und sein sehr gutes Positionsspiel, wodurch er seine Entscheidungen stets aus angemessener Nähe und idealem Blickwinkel treffen konnte. Sehr aufmerksam und mit gutem Auge sowohl für versteckte Fouls als auch für Vorteilssituationen. Die Assistenten waren wachsam und auf Zack, insbesondere bei Abseitsentscheidungen. Beide Teams akzeptierten den jüngsten Unparteiischen in diesem Turnier voll und ganz. Eine fehlerfreie Leistung.

Quelle: n-tv.de

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