12 Minuten, Angriff auf MourinhoRassismus: Bayern-Trainer Kompany hält flammenden Appell
Diese Worte sitzen: Mit einer beeindruckenden emotionalen Rede prangert Vincent Kompany den Umgang mit Rassismus in der Gesellschaft an. Der Bayern-Trainer bezieht Stellung zu Vinicius Junior, schlägt Alarm - und schießt gegen seinen Kollegen José Mourinho.
An diese Rede und dieses Signal dürfte man sich in der Fußball-Bundesliga und darüber hinaus noch lange erinnern: "Rot gegen Rassismus" steht im Hintergrund zwischen den Sponsoren-Kacheln, während Vincent Kompany für elf Minuten und 50 Sekunden das Wort ergreift. Der Trainer des FC Bayern München positioniert sich mit beeindruckenden, deutlichen und emotionalen Worten im jüngsten Rassismus-Skandal um Vinicius Junior von Real Madrid - und attackiert auch Star-Trainer José Mourinho.
Zu Beginn seiner Rede auf der Pressekonferenz vor dem Bundesligaspiel des Rekordmeisters gegen Eintracht Frankfurt am Samstag wechselt Kompany ins Englische, damit er in seinen Antworten "deutlicher" sein kann. "Es ist ein schwieriges Thema", sagt er und wünscht sich vor allem einen anderen Umgang mit Rassismus in der Gesellschaft.
"Wenn es wahr ist, dass der Spieler von Benfica das gesagt hat, würde ich mir wünschen, dass es einen Raum für eine Entschuldigung gibt. Niemand auf der Welt ist perfekt. Aber wir berauben uns dieser Option. Es gibt immer nur Schwarz und Weiß, Links und Rechts", so der Bayern-Trainer.
"Krasser Fehler" von Mourinho
Vinicius Junior hatte nach seinem Tor im Playoff-Hinspiel von Real in der Champions League bei Benfica (1:0) exzentrisch gejubelt. Der argentinische Benfica-Profi Gianluca Prestianni soll ihn daraufhin als "Affe" bezeichnet haben, wie der Real-Star erklärte. Der Brasilianer signalisierte Schiedsrichter François Letexier den Vorfall, dieser unterbrach das Spiel. Prestianni bestreitet die Vorwürfe. Er hatte sich in der Aktion mit Vinicius Junior das Trikot vor den Mund gehalten.
Kompany, der das Spiel live im TV verfolgte, stellt sich auf die Seite des brasilianischen Angreifers: "Vini Juniors Reaktion kann nicht vorgetäuscht sein. Es ist eine emotionale Reaktion." Der Madrilene hätte auch keinen Vorteil daraus gezogen, sich so etwas auszudenken.
Dann kritisiert Kompany seinen Kollegen José Mourinho - der Trainer von Benfica Lissabon hatte nach der Partie Vini Junior mit den Worten "Warum jubelst du so?" ins Visier genommen - mit selten deutlichen Worten. "Da ist der Chef einer Organisation, José Mourinho, der den Charakter von Vinicius Junior angreift, indem er dessen Art von Jubel ins Spiel bringt, um das, was Vinicius tut [sich über Rassismus zu beschweren], zu diskreditieren", sagt der Bayern-Coach. "In Bezug auf Führungsqualitäten ist das ein krasser Fehler, den wir nicht akzeptieren sollten." Man sollte nicht den Charakter einer Person angreifen, "die etwas erlebt, das für sie sehr schmerzhaft sein muss", sagt Kompany.
Kompany wird persönlich
Anschließend hebt der Bayern-Trainer verschiedene Jubelszenen von Mourinho hervor, die in der Vergangenheit immer wieder kritisiert wurden. Er glaube aber, dass sein Kollege "ein guter Mensch ist", was er auch von Spielern gehört habe, die unter ihm spielten. "Ich weiß, dass er in dieser Situation für sein Team kämpft, aber er hat einen Fehler gemacht, und hoffentlich wird so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommen", urteilt Kompany.
Obendrein, so der Bayern-Coach, erwähne Mourinho noch Benfica-Legende Eusebio und "sagt, dass Benfica nicht rassistisch sein kann", weil der beste Spieler in der Geschichte von Benfica Schwarz war. "Wissen Sie, was Schwarze Spieler in den 1960er Jahren durchmachen mussten? Zum Beispiel bei Auswärtsspielen in ganz Europa?", wirft er in den Raum voller Journalisten und erzählt von seinem Vater, der ebenfalls ein Schwarzer Mann aus den 1960er Jahren war. "Die einzige Möglichkeit, die sie damals hatten, war still zu sein und nichts zu sagen."
Immerhin, so der Bayern-Trainer, sei Vini Junior in der Lage gewesen, sich zu beschweren. "Es gibt viele Schwarze Spieler, die immer noch keine Stimme haben, in Bulgarien, in Ungarn, in Serbien", klagt Kompany an. "Wenn ihnen etwas zustößt, haben sie keine Chance, irgendeine Art von Unterstützung zu bekommen."
Bewegender Appell zum Schluss
Kompany kenne viele Spieler, die rassistische Beleidigungen erleiden mussten und die Ikonen Samuel Eto'o, Mario Balotelli und Patrick Vieira. Dann erzählt er von eigenen Erfahrungen: "Es ist mir passiert, als ich 19 war und auswärts bei Betis Sevilla spielte. Da waren Fans, die Ku-Klux-Klan-Lieder sangen und an den Zäunen Affenlaute von sich gaben."
Soll etwa sein Jubel nach seinem Treffer damals der Grund für diesen Rassismus gewesen sein, fragt Kompany. "Es war auch einer der schönsten Momente meiner Karriere, weil die anderen Sevilla-Fans im Stadion anfingen, die Ultras auszubuhen". Aber auch als in seiner Zeit als Trainer wurde er rassistisch angefeindet und beim Club Brügge "als brauner Affe" verunglimpft. Danach habe es "keine Konsequenzen, nichts" gegeben, kritisiert der Bayern-Trainer. "Und ich habe eine Stimme. Wie ist es wohl für Menschen, die keine Stimme haben?"
Nach fast zwölf Minuten kommt Vincent Kompany zum Schluss mit einem bewegenden Appell. Wenn man mit Rassismus aufwachse, schlage sich das "irgendwann in einem Mangel an Chancen" nieder, sagt er. "Hoffentlich können wir von nun an vorankommen und wachsen und hoffentlich können wir uns auf die Dinge konzentrieren, die uns verbinden, anstatt auf die Dinge, die uns ständig trennen."
