Sport
Samstag, 24. März 2018

Redelings über die Saison 98/99: Als Rehhagel hinterlistig täuschen ließ

Von Ben Redelings

Der FC Bayern strotzt vor Selbstbewusstsein: "Wenn bei uns das A- gegen das B-Team spielt, ist das Fußball von Weltniveau." Zu Recht. 15 Punkte Vorsprung sind überdeutlich. Dennoch bleiben die Zuschauer aus. Und Uli Hoeneß weiß, warum.

Eine feurige Idee haben die Verantwortlichen des SV Werder zum 100-jährigen Bestehen ihres Klubs. Vor der Partie gegen den VfL Bochum (1:1) dürfen Fans 100 bengalische Feuer entzünden. Doch das Spektakel geht nach hinten los. Bereits nach wenigen Sekunden kann im Stadion niemand mehr irgendetwas sehen, so verraucht ist der Innenraum. Und der Rauch will sich auch nach dem Abbrennen der Bengalos einfach nicht mehr aus dem weiten Rund des Weserstadions verflüchtigen. Bochums Manager Klaus Hilpert ist von der Aktion so begeistert, dass er hustend seine Bremer Kollegen fragt: "Mensch, sagt mal, wo kann man denn diese tollen Dinger kaufen? Das wollen wir jetzt auch jede Woche im Ruhrstadion machen!" Mit achtminütiger Verspätung wird die Begegnung schließlich doch noch angepfiffen.

"Sollen wir denn schlechter spielen, damit die anderen nachkommen?", fragt Uli Hoeneß.
"Sollen wir denn schlechter spielen, damit die anderen nachkommen?", fragt Uli Hoeneß.

Es ist die Saison des FC Bayern München. Mit 15 Punkten Vorsprung vor Bayer Leverkusen wird der Klub Meister. Kaiserslauterns Trainer Otto Rehhagel zeigt sich ernüchtert: "Bayern ist der Mercedes in der Bundesliga. Alle anderen fahren im Golf hinterher." Naturgemäß ist die eigene Souveränität dem Bayern-Manager Uli Hoeneß nicht unangenehm. Mit stolzgeschwellter Brust sagt er: "Wenn bei uns das A- gegen das B-Team spielt, ist das Fußball von Weltniveau." Und ketzerisch fragt er: "Sollen wir denn schlechter spielen, damit die anderen nachkommen?"

Nach der Rettung in letzter Minute in der Vorsaison gehen dieses Jahr die Lichter in Mönchengladbach nun doch endgültig aus. Am Ende zelebrieren die Gladbach-Anhänger den Abstieg ihres Klubs mit einem Schuss Galgenhumor. Auf die Melodie des alten Schlagers "Mendocino" dichten sie den neuen Klassiker "Unterhaching" mit der Liedzeile: "An jeder Tür klopfe ich an, doch keiner kennt den Weg nach Unterhaching." Doppelt blöd für die Fans der Borussia: Ausgerechnet die Spielvereinigung steigt in dieser Saison auf und spielt – anders als die Gladbacher – in der kommenden Runde in der ersten Liga.

Weg mit den Sonntagsspielen!

Vom eigenen Fehler genervt: Otto Rehhagel.
Vom eigenen Fehler genervt: Otto Rehhagel.

Bayern-Manager Uli Hoeneß ist sauer. Wenn es nach ihm ginge, würden die Sonntagsspiele ersatzlos gestrichen und stattdessen Montagsbegegnungen ausgetragen. Seine Begründung: Sonntags können nicht alle Bayern-Anhänger aus dem Umfeld anreisen. Hoeneß: "Sonntags könnte bei uns Real Madrid spielen, auch dann wäre das Stadion nicht ausverkauft." Zum Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen (2:0) kommen tatsächlich nur 36.000 Besucher. Aktueller Schnitt der Bayern: 57.889 Zuschauer pro Heimspiel.

Als Hany Ramzy "verletzt" vom Platz trabt, kann er sein Lächeln nicht mehr unterdrücken. Beim Spiel seiner Lauterer gegen den VfL Bochum steht es kurz vor der Halbzeit 0:0, als Trainer Otto Rehhagel einen folgenschweren Fehler begeht, den er selbst so beschreibt: "Durch die tragische Verletzung von Michael Schjönberg war die Mannschaft geschockt. Selbst ich als alter Hase, so dass ich mit Ojigwe einen vierten nicht-europäischen Ausländer einwechselte. Die Niederlage geht allein auf meine Kappe. Ich habe mich bei der Mannschaft entschuldigt. Aber: Es ist unentschuldbar!"

Doch weitaus schlimmer als der blöde Fehler ist das hinterlistige Täuschungsmanöver, das sich Rehhagel in den Minuten nach der Einwechselung Ojigwes überlegt. Er gibt Ramzy die Anweisung, so zu tun, als sei er verletzt und müsse ausgetauscht werden. Das macht der Ägypter schließlich mit einem solch überragenden schauspielerischen Talent, dass niemand im weiten Rund etwas bemerkt. Nur die Kameras fangen das verräterische Grinsen von Ramzy genau ein.

Doch offensichtlich sind die Lauterer naiv genug, zu glauben, sie würden mit diesem billigen Trick durchkommen. Anders sind die Kommentare der Offiziellen nicht zu begreifen. Als Dr. Hubert Keßler, Präsident des 1. FC Kaiserslautern, auf den Fehler angesprochen wird, sagt er in der Halbzeitpause sichtlich nervös: "Nein, nein, das ist die Regelung, also die ist neu, also die ist uns nicht bekannt." Und der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Robert Wieschemann meint gar: "Für uns sind Nicht-Europäer genauso Menschen wie Europäer. Also, da sollte man sich mal drauf besinnen." Das abenteuerliche Getue wird von "Sat1" in der Abendsendung genüsslich ausgeschlachtet. Das Spiel endet übrigens 2:3. Aber das interessiert an diesem verlogenen Nachmittag eh nur noch die Bochumer.

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Quelle: n-tv.de