55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 99/00 Assauer: Die saufen kein Bier mehr!

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Rudi Assauer trauert den wilden Zeiten hinterher.

Es ist die Spielzeit, in dem Bayer "Vizekusen" geboren wird. Ausgerechnet in Unterhaching wird die Meisterschaft verschenkt. Früher hätte man sich tüchtig einen gegeben – doch die Zeiten ändern sich. Obschon: Udo Lattek ist wieder da!

Zwei alte Schlachtrösser der Bundesliga, Reiner Calmund und Rudi Assauer, singen gemeinsam das alte Lied: "Früher war zwar nicht alles besser, aber schöner." Der Bayer-Manager: "Die Spieler sind heute zum Teil kleine Bratwürste. Schlafmützen, die pennen, und kommen nicht aus den Füßen. Heute schleicht sich keiner aus dem Trainingslager, früher mussten wir die Jungs mit dem Lasso einfangen. Heute holen sich die Spieler brav den Schlüssel an der Rezeption, nehmen ihr Handy, ihren Kopfhörer – dann geht es ding, ding, dumm. Den ganzen Tag: Essen, Massage, ding, ding, dumm. Früher haben die Frauen angerufen, dass die Männer nicht ausbüxen. Heute rufen die Jungs an, ob ihre Frauen noch zu Hause sind." Assauer stimmt ins Klagelied mit ein: "Beim Mannschaftsabend darf Bier getrunken werden, aber 80 Prozent bestellen Wasser. Was hätten wir uns früher einen gezogen."

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Ein enttäuschter Calmund ignoriert die Meisterschale.

Bayer Leverkusen ist reif für den Titel. Am Ende wird es wieder einmal ein hitziges Duell mit den Bayern. Die Giftpfeile zwischen den beiden Vereinen fliegen hin und her, bis sich kurz vor Saisonschluss Hoeneß und Calmund auf einen Waffenstillstand einigen. Bei Leverkusens Co-Trainer Roland Koch gehen die Attacken aus München allerdings eh ins eine Ohr rein und aus dem anderen sofort wieder hinaus: "Wir lesen die Sprüche, aber sie prallen an der Haut ab. Es gibt über die Jahre einfach Abnutzungserscheinungen. Das ist wie mit dem Jäger und dem Hasen. Wenn der Jäger zehn Mal nur blind in den Wald schießt, läuft der Hase beim elften Mal auch nicht mehr weg. Der weiß dann: Da passiert sowieso nichts. Wir schauen nur bis zum Rhein, was dahinter passiert, interessiert uns nicht."

"Vizekusen" ist geboren

Als Bayer nach dem 25. Spieltag und dem 9:1 beim SSV Ulm 1846 auf dem zweiten Tabellenplatz steht, sagt Reiner Calmund: "Ich unterschreibe sofort einen Vertrag, der uns garantiert, dass wir in den nächsten fünf Jahren immer Zweiter werden." Ein Vorschlag, den er am 34. Spieltag möglicherweise noch einmal überdacht hat. An diesem Tag spielt Bayer bei der Spielvereinigung Unterhaching, nur wenige Kilometer von den Bayern entfernt, die zu Hause gegen Werder Bremen antreten. Den Leverkusenern reicht ein Punkt bei dem Verein, über den vor der Saison der eigene Präsident Engelbert Kupka noch so weitsichtig gesagt hat: "Natürlich sind wir in der kommenden Saison die Underdogs. Aber die können auch beißen – und zwar in die Wadln, weil wir höher nicht kommen." Nun können sie an diesem letzten Spieltag der Runde Geschichte schreiben. Und es gelingt. Am Ende siegt Unterhaching 2:0, Bayern gewinnt locker-leicht mit 3:0 und ist Deutscher Meister. Nach drei zweiten Plätzen in den letzten vier Jahren wird der Titel "Vizekusen" geboren und zum neuen Stigma des ehemaligen "Pillenklubs".

Lattek kommt als letzte Lösung

Borussia Dortmund schafft es 19-mal hintereinander nicht zu gewinnen. Der BVB spielt eine ganz miese Saison. Mit einem Banner im Westfalenstadion zeigen die Zuschauer auf amüsante Art und Weise ihren Unmut: "SV Rödinghausen. Kreisliga C. Sollen wir uns warmlaufen?" Als letzte Lösung verpflichtet die Borussia den alten Startrainer Udo Lattek. Noch eine Woche vor seiner Einstellung als BVB-Coach hatte Lattek in einer Kolumne geschrieben: "Ob jetzt ein neuer Trainerwechsel etwas hilft? Eigentlich bin ich dagegen. Und es ist auch eine Frage der Alternativen. Wer ist auf dem Markt?"

Dann macht es Lattek selbst. Zusammen mit Matthias Sammer soll er in den letzten fünf Spielen helfen, die Borussia vor dem Abstieg zu bewahren. Es ist genau der Lattek, der im September 1991 auf die Frage, wer der beste Trainer sei, bescheiden antwortete: "Der Lattek, als er noch Trainer war." Nun kehrt er im Jahr 2000 zu einer seiner früheren Stationen im Revier zurück. Borussia Dortmund steht kurz vor dem Ende der Saison direkt am Abgrund, als Präsident Gerd Niebaum die irre Idee hat, Udo Lattek noch einmal auf den Posten des Cheftrainers zu befördern.

Doch bevor er Dortmund retten kann, muss man sich erst einmal in Geldsachen einig werden. Stolz erzählt Lattek später, es wäre schlussendlich nicht die kolportierte eine Million gewesen, die Dortmund für diese fünf Spiele zahlte, sondern deren zwei. Und zusätzlich soll es einen neuen Mercedes 500 gegeben haben, da Lattek gesehen hatte, dass Gerd Niebaum solch ein ebenso schönes wie seltenes Auto bereits fuhr. "Du Hund", habe der Präsident bei dieser Forderung gerufen, aber schließlich doch eingeschlagen. Lattek hat mal wieder das Optimale herausgeholt. Frei nach seiner Maxime: "Ich habe das Geld immer genommen. Ich wollte schließlich niemandem wehtun."

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Quelle: n-tv.de