55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 70/71 Das Messer verfehlt Sepp Maier nur knapp

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: "Man hat mich umgerannt und geschlagen": Sepp Maier, empört.

(Foto: imago sportfotodienst)

Auf dem Bökelberg kracht ein Tor zusammen - es ist die Mutter aller Pfostenbrüche. In Essen fliegt ein Brotmesser auf Sepp Maier, fast kommt es zur Katastrophe. Und am Ende wird Schalke 04 in der Fußball-Bundesliga auch noch zum FC Meineid.

Am 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga fällt auf dem Bökelberg ein Tor. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, doch diesmal ist es das hölzerne Tor der Borussia. Als beim Spiel Mönchengladbach gegen den SV Werder Bremen Herbert Laumen Minuten vor Schluss beim Stand von 1:1 ins Tornetz stürzt, bricht ein Pfosten. Wegen "schuldhaften Herbeiführens eines Spielabbruchs", so das DFB-Urteil, wird die Partie mit 2:0 für Bremen gewertet. Konsterniert schreiben die Gladbacher Profis einen öffentlichen Brief und fragen sich: "Sind wir eigentlich Lizenzspieler oder Bauarbeiter? Wo steht denn geschrieben, dass wir Spieler verpflichtet sind, den Platzaufbau vorzunehmen, für den städtische Angestellte verantwortlich sind? Was haben wir Spieler denn für eine Schuld daran, wenn irgendwo im städtischen Sportgelände ein Stück Holz kaputtgeht und nicht mehr zu reparieren ist?" Pikantes Detail am Rande: Der Verursacher Laumen wechselt nach der Saison nach Bremen.

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Vor dem letzten Spieltag der Saison 1970/1971 stehen der FC Bayern und Titelverteidiger Borussia Mönchengladbach punktgleich vorne, doch Bayern hat die um ein Tor bessere Differenz vorzuweisen. Es kommt zum klassischen Showdown. Als sich die Bayern in Duisburg warmlaufen, trauen sie ihren Ohren nicht. Über die Lautsprecher ertönt eine Durchsage: "Meine Damen und Herren, liebe Sportplatzbesucher, wir bitten um Beifall und Anfeuerung für den MSV Duisburg, der bei einem Sieg für jeden Spieler eine Sonderprämie in Höhe von 2.000 Mark aus Mönchengladbach erhält." Entsetzen bei den Münchnern, euphorische Zuschauer auf den Rängen und motivierte MSV-Profis auf dem Platz. Als das 2:0 für den MSV fällt, muss Sepp Maier den Rasen verlassen. Fans hatten das Feld gestürmt - unter ihnen wohl auch einige Mönchengladbach-Anhänger - und Bayerns Torhüter offensichtlich verletzt. Maier: "Man hat mich umgerannt und geschlagen!" MSV-Betreuer Jasbert sieht allerdings etwas anderes: "Beckenbauer winkte ihm etwas zu, und er ließ sich fallen." Die Meisterschaft ist so oder so verloren, da Gladbach zeitgleich mit 4:1 in Frankfurt gewinnt.

"Geben Sie mir E 605, es ist doch alles aus!"

Auch im Tabellenkeller geht es zur Sache: In Oberhausen klopft das Abstiegsgespenst in Gestalt eines Journalisten an die Tür des Trainers der Rot-Weißen und fragt Adi Preißler, was er denn gerne trinken möge. Preißlers Wahl spricht Bände: "Geben Sie mir E 605, es ist doch alles aus!" Am Ende schafft man es aber doch noch. Vielleicht auch wegen zweier kleiner, aber feiner Neuerungen, die man nach der Winterpause einführte: Im Klubhaus durfte nicht mehr geraucht werden, und nach dem Training gab es statt Bohnenkaffee gesunden Kakao. Na, dann!

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300.000 Mark für drei Jahre: Willi Lippens.

(Foto: imago/WEREK)

Neben Kickers Offenbach steigt auch Rot-Weiss Essen ab. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, stand RWE doch nach der Hinrunde noch auf einem soliden achten Tabellenplatz. Doch dann beginnen die Vertragsverhandlungen mit dem Star Willi Lippens. Hertha will ihm 200.000 pro Jahr zahlen, Essen bietet 300.000 Mark für drei Jahre. Das sorgt für Zündstoff. Geschäftsstellenleiter Nikelski: "Die anderen Spieler mussten unters Sauerstoffzelt gelegt werden, als sie diese Zahlen hörten." Und Kollege Erich Beer: "Willi soll getrost mehr verdienen als wir. Aber er hätte die Summen für sich behalten und nicht hinausposaunen sollen. Das gab nur böses Blut." Und so kommt es, dass Rot-Weiss Essen nach Lippens’ Vertragsverlängerung keine der letzten 13 Partien gewinnt und in dieser Zeit nur drei Punkte holt. Der letzte Sieg des Absteigers: ein 3:1 am 21. Spieltag gegen Bayern München.

Und genau bei dieser Partie kommt es zum Eklat. Aus der berüchtigten Westkurve fliegt ein Messer in den Strafraum und verfehlt Sepp Maier nur knapp. Entsetzt präsentiert der Keeper das etwa 30 Zentimeter lange Brotmesser Schiedsrichter Jan Redelfs, der es sofort nach Spielschluss zum DFB nach Frankfurt schickt. Bereits in der Pause verkündet der Stadionsprecher stolz, der Messerwerfer sei mit Hilfe der Zuschauer gefasst worden. Es ist ein 17-jähriger Jüngling, der unter starkem Alkoholeinfluss steht und am ganzen Körper "wie Espenlaub zittert". Nervös erzählt er, dass er das Messer stets bei sich trage, es ihm hingefallen sei, ein anderer es aufgehoben und aufs Spielfeld geschleudert habe. Mit Tränen in den Augen fleht er die Polizei an, bloß den Eltern nichts zu sagen. Sein Vater schlage ihn tot, wenn er das erfahre, stammelt er. Doch den Gang konnte ihm keiner ersparen.

Und ganz am Schluss kommt dann der Skandal. Auf Schalke wird der FC Meineid geboren. Eine ganze Nation ist in Aufruhr. Dieter Gütt, ARD-Programmkoordinator, spricht in den "Tagesthemen" einen Kommentar, der eine hitzige Debatte auslöst: "Auch das Fernsehen wird sich überlegen müssen, ob es einen solchen kriminellen Unsinn, der sich Fußball nennt, noch weiterhin übertragen soll. Die Vereinsmeier und die Kicker, die Bestochenen und die Bestecher und schließlich ein williges Publikum, dass das, was mit schmutzigen Stiefeln noch für Sport hält, wäre dann unter sich. Schade für die Gutgläubigen."

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de

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