Sport
Immer gut gelaunt: Bayern-Keeper Sepp Maier.
Immer gut gelaunt: Bayern-Keeper Sepp Maier.
Samstag, 30. September 2017

Redelings über die Saison 73/74: Die bayerische Alkohol-Verdunstungsstunde

Von Ben Redelings

Sepp Maier begeistert mit einer irren Einlage, Bayerns Manager Schwan schlägt auf fremden Plätzen Purzelbäume und am Ende gehen die Münchener betrunken in Gladbach unter. Doch der größte Aufreger ist eine unglaubliche Schiri-Beleidigung!

Den dritten Titel in der Fußball-Bundesliga hintereinander und den Gewinn des Europapokals der Landesmeister feiern sie beim FC Bayern ausgiebig. In der Nacht des Triumphs hat Sepp Maier bereits gescherzt: "Wenn ich morgen in Gladbach im Tor stehe und drei Bälle sausen auf mich zu, nehme ich immer den in der Mitte!" Und so verschmerzen die Münchner das 0:5 bei der Mönchengladbach Borussia mit einem müden Lächeln. Trainer Udo Lattek: "Dieses Spiel war für uns eine Alkohol-Verdunstungsstunde!"

Und auch Manager Robert Schwan strecken seine Gefühle auf den grünen Rasen nieder. Um 1.000 Mark hat er mit seiner Mannschaft gewettet, dass er vor dem Spiel einen Purzelbaum schlagen würde. Zur Belustigung aller tut er es - und kassiert das Geld. Vermutlich, um es augenblicklich in ein paar weitere Fläschchen edlen Champagners zu investieren.

Zu Recht, denn der Titelgewinn in der Saison 1973/1974 ist alles andere als leicht geholt. Die Bayern mussten richtig hart dafür arbeiten und manchen Rückschlag verkraften. Am 20. Oktober 1973 zum Beispiel, beim legendären Spiel auf dem Kaiserslauterer Betzenberg. Die Bayern führen an diesem Tag bereits 4:1, doch am Ende heißt es 7:4 für den 1. FCK. Die "Roten Teufel" spielen sich in einen Rausch, allen voran Seppl Pirrung, der drei Tore schießt. Lauterns Coach Erich Ribbeck ist ganz aus dem Häuschen: "Das ist der größte Tag in meiner Trainerlaufbahn."

"Zerfall dieser Mannschaft war eine Tragödie"

Und Klaus Toppmöller, der drei Vorlagen gibt und ein Tor selbst erzielt, sagte etwas überheblich: "Der Zerfall dieser einst so großen Mannschaft binnen Minuten war schon kein Drama mehr, sondern eine Tragödie. Es wurde nach einer Stunde deutlich: Den Bayern fehlt die Kondition!" Torwart Sepp Maier versucht die Situation mal wieder humorvoll zu umspielen: "Ein paar Bretter müssten wir zum nächsten Auswärtsspiel mitnehmen und damit vor dem Anpfiff unser Tor vernageln. Nur oben die Winkel, das würde schon nützen."

Seppl Pirrung machte sich am 20. Oktober zum Sepp-Maier-Schreck.
Seppl Pirrung machte sich am 20. Oktober zum Sepp-Maier-Schreck.(Foto: imago/Horstmüller)

Abends sagt Maier die TV-Sendung "Spectaculum 1973" in München ab. Er hat sein eigenes Spektakel schon einige Stunden zuvor auf dem Platz erlebt. Der Mann des Tages, Seppl Pirrung, kriegt auch am späten Abend beim Bier immer noch nicht genug von diesem Spiel: "Wenn es zehn Minuten länger gegangen wäre, dann hätten wir denen zehn Stück reingemacht. Der Beckenbauer wusste gar nicht mehr, wo die Mittellinie ist." Langsam kommen die Zuschauer wieder zurück in die Stadien, und sie bekommen neben spektakulären Partien auch kleine Zirkusnummern geboten. Beim Spiel des FC Bayern gegen den 1. FC Köln am 16. Spieltag (1:2) zelebrieren Hannes Löhr und Bayern-Keeper Maier einen Showact, den sie schon lange einmal ausprobiert haben wollten. Abgemacht ist: "Ich werde dir einmal während des Spiels den Ball hinwerfen und dann spielst du ihn mir zurück!" So Maier zu Löhr. Wohlgemerkt: Der Münchner Torwart will vor seinem eigenen Kasten das Spielgerät zum Kölner Stürmer schmeißen - in der Hoffnung, dass dieser die Situation nicht ausnutzt und das Leder direkt zu ihm zurückpasst.

Spiel nicht mit dem Maier!

Doch genau das tut Löhr nicht - wenigstens nicht sofort. Sechs Meter vor dem Kasten will der Kölner erst noch Maier umkurven, bevor er ihm den Ball zurückspielt. Doch da wird die Lage selbst dem ansonsten immer so lustigen Bayern-Torwart etwas zu unübersichtlich. Wütend schnappt er seinem Freund das Leder vom Fuß und ballert die Kugel weit in die Kölner Hälfte. Die Zuschauer sind dennoch sehr angetan von diesem inszenierten Spektakel.

Die tragisch-komischste Geschichte spielt sich am 34. Spieltag ab. Der Schalker Erwin Kremers muss nach einer ruppigen Partie auf dem Betzenberg nur noch die allerletzten Sekunden überstehen, dann ist die Saison 1973/1974 endgültig zu Ende und der Europameister von 1972 würde mit der deutschen Nationalelf die Vorbereitung auf die WM im eigenen Land beginnen. Doch beim Stand von 4:0 für Kaiserslautern kann sich Kremers in der 90. Minute nicht mehr beherrschen. Mit hochrotem Kopf brüllt er den Schiedsrichter Max Klauser an: "Halt das Maul, du blöde Sau!"

Dieser dreht ein wenig an einem imaginären Hörgerät, klopft sich auf die Ohren und fragt in aller Ruhe bei dem immer noch fuchsteufelswilden Schalker nach, ob er denn da gerade richtig gehört habe. Die goldene Brücke ist gebaut. Doch anstatt langsam wieder runterzukommen und einmal kräftig durchzuatmen, setzt Kremers noch einen oben drauf: "Und jetzt noch einmal für Doofe, du blöde Sau!" Der Schalker wird daraufhin aus dem Nationalmannschaftskader für die WM 1974 geworfen und bestreitet in der Folge nie wieder ein Länderspiel für Deutschland.

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen