Fußball

Nächste Pleite knapp abgewendet Bayerns Sorgen fangen nicht hinten an

275149675.jpg

Julian Nagelsmann und Hasan Salihamidzic mussten wieder beobachten, dass der FC Bayern im Moment anfällig ist.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Der FC Bayern München muss sich in der Champions League mit einem späten Ausgleich zum 1:1 gegen den FC Salzburg zufriedengeben. Abermals wackelt dabei die Defensive des Bundesliga-Rekordmeisters - deren Probleme beginnen allerdings in der Offensive.

Keine zwei Minuten war der FC Bayern im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Salzburg unterwegs, da bekam er fast schon die erste kalte Dusche. Eigentlich ging alles wie geplant los. Sie hatten den Ball, ließen ihn durch die eigenen Reihen laufen und versuchten so, sich ganz langsam an die eigenen Stärken heranzutasten. Dann spielte Benjamin Pavard einen Rückpass auf Niklas Süle. Das Signal für die Salzburger, aggressiv anzulaufen. Im Vollsprint setzte Karim Adeyemi den Innenverteidiger unter Druck. Der wiederum wollte sich auf einen weiteren Rückpass auf Sven Ulreich vorbereiten, stolperte bei der Körperdrehung aber über den Ball. Erstmals Feuer in der Partie und die 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauer machten erstmals richtig Lärm.

Eine Situation, die Julian Nagelsmann vermutlich gern vermieden hätte. "Das wird spannend, das haben wir lange nicht gehabt", sagte der Trainer vor der Partie über die drohende Kulisse. Aber nicht nur Süle holte die Fans und damit auch die hoch und aggressiv pressenden Salzburger ins Spiel.

Salzburg spielte Bayern-Abwehr schwindelig

Der FC Bayern wirkte insgesamt abermals nicht konzentriert, nicht griffig und nicht aggressiv genug. Süles Fehler schlossen sich viele weitere einfache Ballverluste an. Wie jener in der 21. Minute, als nach eigenem Einwurf der Ball offensiv leichtfertig vertändelt wurde. Salzburg schaltete schnell um, verlagerte mit wenigen Kontakten auf Adeyemi und der ging mit Tempo auf Lucas Hernandez zu. Seinen Pass auf Chukwubuike Adamu konnten die Bayern nicht verhindern und so stand es 1:0 für die Gastgeber. Ein Gegentreffer, wie ihn die Bayern zuletzt häufiger kassiert haben. Joshua Kimmich analysierte nach der Partie, dass man "in der Restverteidigung nicht so gut" ausgesehen habe im ersten Durchgang.

Nagelsmann entschied sich nach dem Debakel in Bochum dazu, wieder auf eine Dreierkette umzustellen. In der Konsequenz waren Hernandez, Süle und Pavard in Eins-gegen-eins-Duellen häufig auf sich allein gestellt - und damit spürbar überfordert. Sowohl die mangelhafte Abstimmung untereinander, als auch das Tempo, mit dem die Salzburger ihre Angriffe ausspielten, führten zu zahlreichen Szenen, in denen die Bayern ordentlich zitterten. Konjunktiv und Fußball sind oft kein gutes Paar, aber hätten die Österreicher ihre Konter etwas besser ausgespielt, hätten sich die Münchner über einen höheren Rückstand zur Pause nicht beschweren dürfen.

Nagelsmann: "Keinen Druck auf den Ball"

Gerade das Gegentor offenbarte aber auch, dass die Probleme des Bundesliga-Tabellenführers nicht allein in der Leistung der drei Innenverteidiger begründet liegen. Zwar ist es richtig, dass sie alle Fehler machen, die auf diesem Niveau nicht passieren dürfen, aber das machen auch Spieler, die weiter vorn positioniert sind. Man sei schon in Ballbesitz "in den Details zu ungenau" gewesen, analysierte Thomas Müller hinterher und traf damit den Kern der Defensivschwäche. Wenn die Restverteidigung häufig auf sich allein gestellt ist, ist es umso wichtiger, einerseits die eigenen Ballverluste zu minimieren oder in Räume zu verlagern, die nicht so schmerzhaft sind wie beispielsweise das Mittelfeldzentrum. Andererseits muss die Arbeit gegen den Ball vorn greifen.

Beim Gegentor habe man vorn "keinen Druck auf den Ball" bekommen, sagte Nagelsmann. Deshalb konnte Salzburg mit einem langen Ball das Pressing der Münchner aushebeln. Es war das simple Mittel der Wahl bei den Hausherren. Eines, das so erfolgreich ist, weil Bayern es zulässt.

Viele Zocker, wenig Präzision

An der Spannung, die Nagelsmann zuletzt vermisst hatte, lag es jedenfalls nicht. Bayern war von Beginn an gewillt, dagegenzuhalten. Einzig gelingen wollte es nicht. Mit Kingsley Coman, Serge Gnabry und Leroy Sané boten die Münchner abermals drei Zocker auf. Zocker deshalb, weil sie ihre Stärken im Dribbling haben. Sie provozieren Risikoaktionen, die den Gegner im besten Fall unter Druck setzen und Räume für die Mitspieler öffnen.

Im Moment aber geht ihnen die Präzision stark ab. Coman hatte 28 Ballverluste, Sané 17 und Gnabry 19. Insbesondere im ersten Durchgang gelang es den Bayern nicht, den wilden Schlagabtausch zu beruhigen. Immer wieder trieben die drei Ausnahmekönner an, immer wieder versuchten sie, Dynamik im Spiel nach vorn zu erzeugen. Dabei hätte es dem sechsmaligen Champions-League-Sieger vielleicht gutgetan, das Tempo erst mal rauszunehmen, um sich neu zu sortieren. Stattdessen aber gingen sie bei fast jeder Möglichkeit all-in - egal wie gut die Karten in ihrer Hand waren.

Denn bei vielen ihrer Ballverluste standen die Bayern nicht gut genug, um Salzburgs schnelles und direktes Spiel in die Spitze direkt zu unterbinden. Die Verteidiger mussten dann das ausbaden, was weiter vorn verbockt wurde. Zumal sie keine Außenspieler hatten, die defensiv mit absicherten. Selbst wenn der amtierende deutsche Meister mal die Zeit hatte, sich hinten zu sortieren, standen Coman und Gnabry als nominelle Flügelverteidiger mindestens zehn Meter höher als die drei Innenverteidiger. Salzburg nutzte das bei Kontern immer wieder aus, indem sich beispielsweise Adeyemi wie vor dem Führungstreffer nach außen bewegte.

Bayerns Kader fehlt die Form

Für Nagelsmann wird es in den kommenden Wochen darauf ankommen, die Balance wieder herzustellen. Allerdings hat auch der Trainer es nicht ganz so leicht. Vor dem Spiel musste er eine schwere Entscheidung treffen: Stellt er die Spieler auf, denen er aktuell die stärkste Form zutraut? Dann musste er zwangsläufig auf das defensiv anfällige 3-2-4-1 setzen, das er letztendlich wählte. Dayot Upamecano? Unter den vielen formschwachen Bayern-Verteidigern ist er wohl aktuell der größte Pechvogel. Omar Richards? Es dürfte gute Gründe haben, dass er in dieser Saison fast noch gar nicht zum Zug kam.

Es ist sicher nicht immer fair, Spieler an ihren Ablösesummen zu messen. Aber Fakt ist, dass die Münchner in den letzten Jahren in keinen Bereich so viel Geld investierten wie in die Defensive. Demgegenüber stehen die zahlreichen Probleme im Spielaufbau sowie die schlechte Abstimmung im Verteidigen von Kontersituationen. Den Bayern fehlen ein klarer Abwehrchef und eine gewisse Grundsicherheit in der Absicherung von Kontern. Dass die offensive Ausrichtung das eine oder andere Gegentor in Kauf nimmt, steht außer Frage. Im Moment aber sind es derer zu viele.

Hätte sich der Trainer gegen die vor allem auf den Flügelpositionen offene Formation entschieden, wäre es also eine Entscheidung für mehr Spieler auf dem Platz gewesen, die derzeit für Fehler anfällig sind. Ob das besser gelaufen wäre, ist fraglich. Insofern ist es wohl nachvollziehbar, dass sich der 34-Jährige für die Offensiv-Variante entschied. Soll diese allerdings klappen, muss im Spiel nach vorn mehr gelingen als in der ersten Halbzeit. Denn so berechtigt die Kritik an der Restverteidigung auch ist: Die Defensive fängt bei den Angreifern an. In den zweiten 45 Minuten lief es deshalb auch besser. Zunächst stürmten die Bayern noch etwas kopflos nach vorn, gegen Ende des Spiels entwickelten sie aber gegen müder werdende Salzburger mehr Präzision, Druck und bekamen dadurch auch Spielkontrolle.

Zwar hatten die Bayern in der Schlussphase Glück, dass Pavard kurz vor der Linie klärte, der späte Ausgleich aber war dennoch hochverdient. Trotz der Leistungssteigerung und des positiven letzten Eindrucks wird Nagelsmann jedoch nicht gänzlich ohne Sorgen den kurzen Weg zurück nach München angetreten haben. In der Defensive hakt es beim Rekordmeister nach wie vor. Sowohl in der Restverteidigung, wo es keinen einzigen Spieler gibt, der nicht in irgendeinem Bereich überfordert ist, als auch im Angriff, wo das Pressing und auch das Gegenpressing an Effektivität verloren haben. Den FC Bayern wird die Frage nach den Ursachen noch eine Weile begleiten.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen