Sport
Andrew Meredith hat bei Spielen von St. Pauli seinen Platz auf der Tribüne. Auf zwei Bildschirmen schneidet er relevante Szenen zusammen.
Andrew Meredith hat bei Spielen von St. Pauli seinen Platz auf der Tribüne. Auf zwei Bildschirmen schneidet er relevante Szenen zusammen.(Foto: FC St. Pauli)
Mittwoch, 29. März 2017

Fußball setzt auf Videoanalysten: Das dritte und vierte Auge des Trainers

Von Oliver Jensen, Hamburg

So intensiv wie Andrew Meredith beobachtet wohl kaum jemand die Leistungen des FC St. Pauli. Er zerlegt die Spiele und ihre Szenen im Live-Modus. Der Videoanalyst ist wichtigster Zuarbeiter des Trainers - nicht nur bei den Hamburgern.

Er sitzt auf der Tribüne, hat zwei Displays vor sich und erstellt einen Filmclip nach dem anderen. Andrew Meredith ist der Spielanalyst vom Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli. Wenn die Spieler auf dem Rasen erbittert um den Ball kämpfen, schneidet er die wichtigsten Szenen zusammen. "Ich sortiere die Clips immer nach Spielsituationen, zum Beispiel Spielaufbau, Standards oder Torschüsse", verrät der 44-Jährige. Die Software macht es ihm einfach: Links auf dem Bildschirm sieht er die Fernsehübertragung, rechts befinden sich die Ordner für die jeweiligen Spielsituationen. Ob nun ein Innenverteidiger schlecht positioniert ist, ein Mittelfeldspieler einen Fehlpass spielt oder ein Stürmer ins Abseits läuft – jede wichtige Szene landet im Archiv von Meredith.

Der Australier Andrew Meredith kam vom Hockey zum Fußball.
Der Australier Andrew Meredith kam vom Hockey zum Fußball.(Foto: Oliver Jensen)

Sobald der Halbzeitpfiff erfolgt, muss der Videoanalyst schnell sein. Zügig rennt er hinunter in die Katakomben und bespricht sich mit Cheftrainer Ewald Lienen. "Ich zeige ihm fünf oder sechs Szenen, die ich wichtig fand. Oft möchte auch Ewald noch einmal bestimmte Szenen sehen", sagt er. Weil die Fernsehbilder einen anderen Blick auf das Geschehen bieten als von der Seitenlinie aus, kann Lienen neue Erkenntnisse daraus ziehen. Manchmal werden die Spieler mit einbezogen. "Wir machen in der Halbzeit natürlich keine Videositzung. Die Spieler sollen sich schließlich erholen. Aber manchmal ist es wichtig, einem Spieler eine bestimmte Spielsituation auf dem Laptop zu zeigen", sagt Lienen.

Vom Hockey zum Fußball

Andrew Meredith ist über Umwege im Fußball gelandet. Der Australier war ein begnadeter Hockeyspieler, später auch ein erfolgreicher Trainer. Der frühere Bundestrainer Bernhard Peters holte ihn zum Deutschen Hockey-Bund. Von 2004 bis 2012 war Meredith Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, gewann in dieser Zeit zwei olympische Goldmedaillen. Bereits damals war er Experte für die australische Videosoftware Sportscode. "Heute arbeiten alle Top-Vereine wie Manchester United und der FC Chelsea oder auch nahezu alle Bundesligisten damit. Selbst in der Basketball-Liga NBA wird sie benutzt", verrät er. Ursprünglich sollte Meredith nur einige Mitarbeiter des FC St. Pauli im Umgang mit der Software unterrichten. Im Jahre 2013 wurde daraus ein festes Arbeitsverhältnis.

Für Ewald Lienen sind Spielanalysten aus dem Fußball nicht mehr wegzudenken. "Es ist heutzutage gang und gäbe, dass die eigenen Spiele und die Spiele des Gegners bis in das kleinste Detail durchleuchtet und aufbereitet werden", sagt der 63-Jährige und bringt ein paar Beispiele: "Was können wir besser machen? Was hat gut funktioniert? Wie läuft der Gegner? Was sind ihre Stärken, und welche Schwächen können wir nutzen?" Der Spielanalyst nimmt ihm nicht die komplette Arbeit ab. Der Trainer analysiert ebenfalls viele Spiele der eigenen und der gegnerischen Mannschaft. Doch Meredith ist Spezialist darin, Spielszenen kurz und knackig als Video aufzubereiten. "Früher habe ich das noch selber bis zum Abwinken gemacht", sagt Lienen, der in seinem Keller noch "gefühlte 800.000 DVD's und VHS-Videokassetten" liegen hat.

Nach dem Spiel wird die Nacht durchgemacht

Lienen ist glücklich, Meredith an seiner Seite zu haben. Besonders die Nachbereitung eines Ligaspiels ist zeitaufwändig. "Oft arbeite ich nach einem Spiel die ganze Nacht durch", verrät Meredith. Das komplette Spiel wird noch einmal in die Einzelteile zerlegt. Wo wurden die Anweisungen des Trainers nicht ausreichend umgesetzt? Wann hat das Pressing gut funktioniert, wann nicht? Wieder und wieder schaut sich der Spielanalyst die Partie an. "Im Stadion verpasst man häufig einzelne Details", weiß Meredith. Das Videomaterial wird am Tage nach dem Spiel für die Videositzung der Mannschaft genutzt. Doch damit nicht genug: Meredith erstellt sogar für jeden einzelnen Spieler ein Video, auf dem all dessen Szenen der Partie zusammengeschnitten sind. Die Spieler können sich dann online einloggen und sich den Clip, der je nach Spielanteil rund 20 Minuten gehen kann, anschauen.

Nicht nur die Spiele werden analysiert, sondern teilweise auch das Training. "Seit der Rückrunde filmen wir unsere taktischen Trainingseinheiten", verrät Lienen. Meredith mutiert dann zum Kameramann und nimmt die Einheit von einer erhöhten Position auf. "So kommen einige Details zum Vorschein, an denen wir individuell oder mit der ganzen Mannschaft arbeiten können", führt Lienen fort. Parallel dazu kümmert sich Meredith um die Gegner-Analyse. Immer zwei Wochen vor einer Partie beginnt die Vorbereitung. Normalerweise bezieht Meredith die letzten sechs Partien des Gegners mit ein. Die Mannschaft wird nicht nur per Video, sondern manchmal auch live im Stadion beobachtet.

Kurzfristige Trainerwechsel sind der Horror des Analysten

Meredith sitzt dann wieder stundenlang am Laptop, um die aussagekräftigen Szenen des Gegners zusammenzuschneiden. "In meinem Video muss beispielsweise zu erkennen sein, wo die Schwächen des Gegners sind", erklärt der Spielanalyst. Rückt die Verteidigung bei Ballbesitz zum Beispiel weit nach vorne auf, sodass Kontermöglichkeiten entstehen, sucht Meredith passende Szenen für die Mannschaftssitzung heraus. Letztendlich schneidet er vier Videos von rund 12 bis 15 Minuten zusammen. Ein Tape richtet sich an die Offensivspieler, ein weiteres an die Defensivspieler. Hinzu kommen ein Video für die Torhüter und ein weiterer Film zum Thema Standards. "Der Horror ist, wenn es eine Woche vor dem Spiel beim Gegner einen Trainerwechsel gibt. Dann hat man alles vorbereitet und muss noch einmal ganz von vorne anfangen", verrät Meredith. Spätestens zwei Tage vor dem Spiel muss alles fertig sein. Dann nämlich findet die Videositzung statt, wo Trainer Ewald Lienen seiner Mannschaft den Gegner erklärt.

Ob der Gegner wirklich so auftritt wie erwartet, zeigt sich dann am Wochenende im Stadion. Meredith sitzt dann wieder auf der Tribüne, hat zwei Displays vor sich und erstellt einen Filmclip nach dem anderen ...

Quelle: n-tv.de