Fußball

Remis bei RB - aber warum? Das große Fragezeichen beim FC Bayern

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Joshua Kimmich und seine Bayern-Kollegen hadern mit dem Ergebnis bei RB Leipzig.

(Foto: imago images / Matthias Rietschel)

Was für eine starke Leistung des FC Bayern: Erdrückend dominant tritt der Meister in der ersten Halbzeit des Topspiels bei RB Leipzig auf - und auch auf die Druckphase der Gastgeber findet das Kovac-Team eine gute Antwort. Anders als auf die Frage, warum es nicht zum Sieg reicht.

Die Gesänge der Anhänger beider Teams verstummten in den Kneipen Leipzigs. Und das bereits weit vor Anpfiff des Topspiels der Fußball-Bundesliga zwischen den ortsansässigen Rasenballsportlern und dem FC Bayern. Eine erneute Dortmunder Niederlage wäre der überragende Prolog zum abendlichen Kampf um die Tabellenspitze im Zentralstadion gewesen. Darauf hatten sich die Fans beider Seiten geeinigt. Doch der Rivale tat ihnen diesen Gefallen nicht. Der BVB besiegte am Samstagnachmittag Bayer Leverkusen mit 4:0 und übernahm kurzzeitig die Tabellenspitze. Dass sie diese aber nur wenige Stunden später wieder verlieren würden, war auch klar. Nur an wen, diese Frage galt es noch zu klären. Der Meister aus München brauchte zwingend einen Sieg für Platz eins, Leipzig würde bereits mit einem Remis auf den Topplatz zurückkehren. Bei einem Erfolg würden sie München gar auf fünf Punkte enteilen! Nach vier Spieltagen!

Eine Woche lang war über dieses große Duell geschrieben worden. Die Geschichte von Timo Werner und Robert Lewandowski, den beiden Top-Torjägern der Liga, war im Vorfeld eines der großen Themen. Der Bayern-Star und sein möglicher Nachfolger. Der nun aber doch in Leipzig verlängerte, auch weil München ihn offenbar nicht wollte. Verantwortlich dafür: Hasan Salihamidzic. Das berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Von ihr wurde der Sportdirektor mit seltenem Lob bedacht. Sie porträtierte den Bosnier als einen klugen, umsichtigen Kaderplaner. Als einen, der Unruhe beiseite wischt, der auf eine plötzliche entstehende "Marktdynamik" lauert. Verletzt sich Leroy Sané, warten mit Ivan Perisic und Philippe Coutinho bereits zwei Hochkaräter in den Startlöchern. Leipzigs Timo Werner habe er dankend abgelehnt.

RB Leipzig - Bayern München 1:1 (1:1)

Tore: 0:1 Lewandowski (3.), 1:1 Forsberg (45.+3, Foulelfmeter)
Leipzig:
Gulacsi - Klostermann (46. Demme), Mukiele, Konate, Orban, Halstenberg - Sabitzer, Laimer, Forsberg (69. Nkunku) - Poulsen (81. Cunha), Timo Werner. - Trainer: Nagelsmann.
München: Neuer - Pavard, Süle, Jerome Boateng, Hernandez - Kimmich, Thiago (88. Coutinho)- Gnabry (62. Davies), Thomas Müller (63. Tolisso), Coman - Lewandowski. - Trainer: Kovac.
Schiedsrichter: Stegemann (Niederkassel)
Zuschauer: 42.146 (ausverkauft)

Im ausverkauften, aber dennoch wenig stimmungsvollen Zentralstadion durfte Salihamidzic nun erstmals auch auswärts und gegen einen Topgegner seinen ersten echten Kader präsentieren. Gleich gegen den Übertrainer Julian Nagelsmann, früher mal Topkandidat bei den Bayern und in der Woche vor dem Spiel mit jedem Bericht ein bisschen besser geworden. Der echte Bayern-Coach Niko Kovac hatte derweil mal wieder ganz andere Probleme. Schonzeit vorbei, brüllte der Boulevard. "Zur Kreuzigung? Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe. Jeder nur ein Kreuz!" Seit seinem Amtsantritt 2018 wird in regelmäßigen Abständen über seine Entlassung diskutiert. Auf Dauer werden ihn womöglich nicht einmal Titel retten können. Aber was ist schon von Bestand? Titel sind es. Und davon hat Kovac in der vergangenen Spielzeit gleich zwei geholt. Die Meisterschaft und den Pokal.

"Das war so nicht prophezeit worden"

Und somit voller Fokus auf dieses unterhaltsame Spiel, das auf Seiten der Bayern trotzdem Fragezeichen zurückließ. Ihnen war nämlich nicht ganz klar, wie sie dieses Spiel nicht hatten gewinnen können. "Es darf niemals mit 1:1 in die Pause gehen", sagte Thomas Müller weit nach Abpfiff der Partie. "Wir haben das hier bei RB so dominant gestaltet. Fast ohne Torschuss des Gegners. Das war von sogenannten Experten nicht so prophezeit worden." Der Ex-Nationalspieler hatte recht. Vor dem Spiel hatte sich die Fußballwelt auf einen Sieg der Leipziger gefreut. Bayern-Krisen sind gut fürs Geschäft.

Nagelsmann war vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw mit einem defensiven 3-3-3-1 ins Spiel gegangen. Eine überraschende Idee. Eine, die ihn eine Halbzeit lang verfolgen sollte. Kontrahent Kovac, ohne die Neuzugänge Coutinho und Perisic gestartet, hatte Joshua Kimmich neben Thiago erneut in die Zentrale gezogen. Damit war der Grundstein für die Bayern-Dominanz in den ersten 45 Minuten gelegt.

Es dauerte dann auch keine drei Minuten bis zum ersten Treffer. Sehr weit außen, nahe der Mittellinie, eroberte Müller einen Ball von Lukas Klostermann. Er sah den startenden Robert Lewandowski, passte, und der Pole ließ es sich nicht nehmen, den Ball lässig zu versenken. Saisontor Nummer sieben im vierten Saisonspiel. Orchestriert von Kimmich und Thiago schoben sich die Bayern danach weit in die Leipziger Hälfte und verhinderten so jedes Pressing der Heimmannschaft. Bei den wenigen eigenen Ballverlusten hetzten Serge Gnabry und Kollegen ihrerseits auf ihre Gegenspieler und ließen ihn keine Luft zum Atmen.

Stegemann sorgt für zwei Aufreger

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Na gut, dann eben doch kein Elfmeter.

(Foto: imago images / Contrast)

RB Leipzig fand dagegen überhaupt nicht statt. Die Münchner aber gelangten trotz ihrer erdrückenden Dominanz nur selten in die gefährlichen Zonen vor dem Tor. Eine Kimmich-Flanke auf Lewandowski nach einem viel zu kurz geratenen Befreiungsschlag von Torwart Peter Gulasci in der 15. Minute blieb die beste Chance nach dem Führungstreffer. Aber dem Polen gelang es nicht, den Ball zu drücken. Vor überraschend wenig Probleme gestellt, spielten die Bayern die ersten 45 Minuten beeindruckend herunter. Nur zweimal gab's Aufregung: Als jeweils Schiedsrichter Sascha Stegemann in den Mittelpunkt rückte. Einmal bewertete er Lewandowskis Ellbogeneinsatz nicht als Tätlichkeit, einmal nahm er mit Hilfe des VAR einen Elfmeter für die Bayern zurück. Marcel Sabitzer war im Strafraum gegen Weltmeister Lucas Hernandez gerannt oder der Franzose gegen den Österreicher. Egal. So oder so, ein Elfmeter war das nicht.

Als in den Kabinen bereits die Elektrolyt-Getränke hergerichtet wurden, spielte Thiago einen Pass vor dem eigenen Strafraum, der in jeder Kreisligapartie zu einer sofortigen Auswechslung geführt hätte. Hier führte er wenig später zu einem Elfmeter. Werner jedenfalls schnappte sich den Pass, er ging ein paar Schritte, er passte quer am Strafraum entlang, dort liefen Hernandez und Yussuf Poulsen zum Ball. Beide fielen und Stegemann entschied auf Strafstoß. Emil Forsberg verwandelte. Im Stadion kam ein wenig Stimmung auf. "Es fühlt sich nicht so gut an. Wir wollten die Tabellenführung erobern. Aber wir haben den Leipzigern dann das 1:1 geschenkt, überreicht mit Schleife drum. Das müssen wir uns vorwerfen", schimpfte Müller.

In der Halbzeitpause empfahl der mittlerweile in Leipzig lebende TV-Experte Waldemar Hartmann unter donnerndem Applaus der Fans dem Leipziger Coach den Einsatz eines Energiegetränks, aber Nagelsmann entschied sich für eine andere Variante. Lukas Klostermann, der nach dem Fehler zum 0:1 nicht mehr auf die Beine gekommen war, blieb in der Kabine. Für ihn kam Diego Demme. Er ging ins zentrale Mittelfeld, Nordi Mukiele übernahm in der Viererkette die rechte Position. Nagelsmann wollte das Spiel tiefer in die Münchner Hälfte schieben. Das gelang ihm.

Erst Davies beendet die Unruhe

Denn in den nächsten 20 Minuten rannte der aufgestachelte Franzose Mukiele die Linie rauf und selten runter. Nagelsmann hatte genau hingeschaut. Bereits in der ersten Halbzeit hatte sich die linke Seite mit Innenverteidiger Jerome Boateng - er ersetzte kurzfristig den verletzten David Alaba - mit 80-Millionen-Euro-Mann Hernandez und dem offensiven Gnabry als Schwachstelle ausgemacht. Mukiele und Sabitzer nutzten dies nun aus und stürmten immer wieder in den Strafraum. Doch Bayern-Keeper Manuel Neuer verweigerte den Leipzigern einen zweiten Torjubel.

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Alphonso Davies (l.) hemmte den Offensivdrang von Nordi Mukiele erfolgreich.

(Foto: imago images / eu-images)

Aber auch die Bayern reagierten: Mit den Einwechslungen von Alphonso Davies für Gnabry und Corentin Tolisso für Müller gelang es Kovac Mitte der zweiten Hälfte wieder Kontrolle über das Spiel zu erlangen. "Wir hatten ein bisschen Probleme mit Mukieles Vorstößen und das sollte Fonzy kontrollieren", erklärte Müller. So war es auch. Der junge Kanadier Davies machte die Seite dicht, Tolisso bewegte sich in den Achterräumen, wich immer wieder auf die rechte Seite aus und ermöglichte so Kingsley Coman das Spiel zu gestalten.

Es war nun ein rasanter Schlagabtausch. Gulasci und Neuer standen im Mittelpunkt. Sie rissen die Arme hoch, streckten ihre Handschuhe in den Abendhimmel, verhinderten weitere Tore. Irgendwann lief Leipzig leer, Bayern hatte beinahe alles unter Kontrolle. Aber einmal brach Werner noch durch. Neuer hielt mit dem Körper. Dann die letzte Aktion. Freistoß Kimmich. Der Ball segelt auf Süles Kopf. Wieder der Ungar. Lenkt ihn um den Pfosten.

"Vor dem Spiel wurde Leipzig höher gehandelt", sagte Müller. "Ich hatten den Eindruck, dass im Vorfeld für uns ein schwierigeres Spiel prophezeit wurde. Aber wir haben selten so dominant gegen Leipzig gespielt wie in den ersten 45 Minuten." Hinter Müller zeigte Gulasci auf seine Fingerspitzen, Niklas Süle lächelte. "Es wäre sicher kein glücklicher Sieg für die Bayern gewesen", sagte Julian Nagelsmann. Niko Kovac war ein wenig verstimmt. Er hätte gerne gewonnen. Um den Kroaten ging es auch noch einmal bei Müller. Hätte er in der zweiten Halbzeit früher reagieren müssen, wer hätte einen Impuls geben können? "Kein Feuer legen so spät am Abend", sagte Müller und erkundigte sich nach den Chefs der anwesenden Journalisten.

Quelle: n-tv.de

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