Fußball

40 Jahre Macher beim FC Bayern Das zweite Gesicht des Uli Hoeneß

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Bloß ein eiskalter Rechner? Uli Hoeneß offenbart immer wieder auch eine sehr menschliche Seite.

(Foto: imago sportfotodienst)

Am 1. Mai 1979 beginnt die Ära des Managers Uli Hoeneß beim FC Bayern. Damals schon wird der gerade mal 27-Jährige kritisch beäugt. Er gilt als eiskalter, egoistischer Rechner. Doch eine bemerkenswerte Geschichte offenbart das andere Gesicht dieses Jahrhundertmanagers.

Der damals bekannte Sportreporter und Autor Hans Blickensdörfer hat im Jahr 1979, kurz bevor Uli Hoeneß sein Amt als Manager beim FC Bayern antrat, eine Geschichte über den heutigen großen Macher des Fußball-Bundesligisten erzählt. Es ist eine Geschichte, die fast niemand kennt, die aber so viel aussagt über den gebürtigen Ulmer wie kaum eine andere. Damals stand Hoeneß massiv in der Kritik, weil er seinen Bruder Dieter zu einem Wechsel vom VfB Stuttgart zu den Bayern überredet haben soll - angeblich, weil der Präsident der Münchener, Wilhelm Neudecker, dies als "Willkommensgeschenk" von Uli Hoeneß gefordert hatte. Blickensdörfer fragte sich damals: "Denkt dieser Uli Hoeneß wirklich nur an sich und seinen Eigennutz? Ist er nichts anderes als ein eiskalter, egoistischer Rechner?"

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Wäre Uli Hoeneß nicht gewesen, hätte Hans Blickensdörfer womöglich seinen Daumen verloren.

(Foto: imago sportfotodienst)

Hans Blickensdörfer sah sich dazu berufen, für eben diesen Uli Hoeneß eine "Lanze zu brechen", und das zweite Gesicht des künftigen Nachwuchsmanagers zu offenbaren. Der Sportreporter erzählte dafür eine Geschichte, die bereits vier Jahre zurücklag. Im Frühjahr 1975 war Blickensdörfer zusammen mit der Mannschaft des FC Bayern zu einer Europapokalpartie in die Sowjetunion gereist. Doch vor Ort hatte sich der Autor in Eriwan eine Entzündung unter dem rechten Daumennagel zugezogen. Er maß dieser Verletzung keine allzu große Bedeutung bei, bis er nach dem Spiel am Abreisetag die ersten roten Streifen am Unterarm bemerkte - ein Zeichen für eine fortschreitende Blutvergiftung.

Der Teamarzt spielt lieber Karten

Weil der gesamte Tross damals mit einem Sammelvisum in die Sowjetunion gereist war, entschied sich Blickensdörfer gegen einen Krankenhausbesuch und flog stattdessen mit der Mannschaft zurück nach Deutschland. Doch auf dem Flug verschlimmerte sich sein Zustand zusehends. Der Masseur des FC Bayern versorgte die Wunde notdürftig und verwies den Sportjournalisten an den Arzt der Münchener. Da Doktor Spannbauer allerdings in "einem wichtigen Kartenspiel war und viele große blaue Scheine im Topf lagen", gab dieser ihm nur den Ratschlag, nach der Ankunft in seiner Heimatstadt Stuttgart zum Arzt zu gehen.

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Mittlerweile hatte Blickensdörfer jedoch Fieber bekommen und die Streifen waren bis in den Oberarm übergegangen. Die Spieler, die an seinen Platz kamen, zeigten sich sehr besorgt. Doch was sollten sie schon unternehmen, wenn selbst ihr Arzt nicht helfen konnte oder wollte? Und in diesem Augenblick größter Verzweiflung schaute sich auch Uli Hoeneß die Sache an. Anders als die anderen redete der damals 23-Jährige jedoch nicht nur, sondern er handelte. Hoeneß hatte Sorge, dass der Sportreporter seinen Daumen verlieren würde, wenn er bis Stuttgart wartete. Und so ging der Weltmeister von 1974 ins Cockpit und erreichte, dass sein Chirurg in München, der gerade seine Praxis schließen wollte, so lange auf Blickensdörfer warten würde, bis er dort bei ihm eintraf - selbstverständlich in Begleitung von Hoeneß und seiner Ehefrau Susi. Die war es auch, die schließlich den Journalisten und ihren Mann im Eiltempo vom Flughafen zur Praxis kutschierte.

"Auf Lebenszeit eine Carte blanche der Hilfe"

Kurzum: Die Sache ging für Hans Blickensdörfer noch einmal gut und ohne die befürchtete Amputation, die in letzter Sekunde durch das schnelle und selbstlose Handeln von Uli Hoeneß verhindert werden konnte, aus. Und es ehrte den Sportreporter, dass er diese persönliche, aber dennoch sehr populäre Geschichte erst in einem Moment erzählte, als es seinem "Retter" schlecht ging, und er in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch negativ gesehen wurde. Heute, vierzig Jahre später, passt diese kleine Anekdote ganz gut in das Bild, das wir von Uli Hoeneß über all die Jahre gewonnen haben. Es ist das zweite Gesicht des ambitionierten Managers, der die Interessen seines Vereins seit dem 1. Mai 1979 so wirkungsvoll zu vertreten weiß. Ein Gesicht, das möglicherweise oftmals unterschätzt wurde, wenn es darum ging, die unendliche Erfolgsgeschichte des Uli Hoeneß zu ergründen und zu erklären.

Das n-tv Hoeneß-Quiz
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Der gebürtige Ulmer hat einmal gesagt: "Wer beim FC Bayern war und sich seriös verhalten hat, hat auf Lebenszeit eine Carte blanche der Hilfe." Dass dies keine leeren Worte sind, bewies Hoeneß unter anderem im Frühjahr 1988 bei dem ehemaligen Spieler der Münchner, Lars Lunde. Der Däne war bei Rot über einen Bahnübergang gerast und von einem Zug erfasst worden. Hoeneß und seine Frau Susi nahmen Lunde, als er sich nach einem zehntägigen Koma erst einmal wieder erholen musste, bei sich zu Hause auf und kümmerten sich um den Dänen nach seinem schweren Unfall. Lunde war zu diesem Zeitpunkt vom FC Bayern ausgeliehen und spielte beim FC Aarau. Von Hoeneß selbst hätte die Öffentlichkeit nie etwas über diese Sache erfahren. Nur ein Bruchteil seiner Hilfsaktionen wie im Falle von Jürgen Wegmann (aus Arbeitslosigkeit und Pleite gerettet), Sammy Kuffour (Hoeneß organisierte ein Privatflugzeug, damit Kuffour nach dem tragischen Ertrinkungs-Tod seiner Tochter sofort nach Ghana fliegen konnte) oder Gerd Müller (Entziehungskur gesponsert) sind bekannt. Wer jedoch Teil der Bayern-Familien ist, weiß seit 1979, auf wen er sich immer verlassen kann. Man sollte diese menschliche Seite bei der Bewertung der Arbeit von Uli Hoeneß nie unterschätzen.

Quelle: n-tv.de

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