Fußball

Der Bundesliga-Check: Augsburg Der Mann mit den Grätschen ist da

82484714.jpg

Dirk Schuster war Trainer des Jahres 2015. Was wird er in Augsburg verändern?

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine neue Ära beginnt in Augsburg - mit einem Trainer, der seine Underdog-Methoden in ein funktionierendes Team einbauen will. Lügen ist erlaubt, Schreien auch, grätschen sowieso. Nur das Huh! nicht.

Fünf Jahre sind mittlerweile schon vergangen, seit der FC Augsburg in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen ist. In der ersten Saison unter Jos Luhukay und danach unter Markus Weinzierl entwickelte sich der Klub aus der Fuggerstadt vom Underdog zu einem stabilen Mittelfeldteam - mit einem Ausreißer auf Platz fünf 2014/2015, der ihnen in der vergangenen Saison einen schönen Ausflug nach Liverpool bescherte - unter dem Hashtag #keinesau, einer ironischen Antwort auf den Spottgesang "In Europa kennt Euch keine Sau". Das haben Weinzierl und sein Team geändert, und weil man gehen soll, wenn’s am Schönsten ist, verließ der Trainer den FCA Richtung Schalke. Die neue Ära startet unter Dirk Schuster, immerhin Trainer des Jahres 2015. Die Frage lautet: Wie viel Darmstadt importiert er nach Augsburg?  

Was gibt’s Neues?

82625746.jpg

Dirk Schuster lässt die Mannschaft an den ersten Tagen hart trainieren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als neugierig bis gedämpft bezeichneten Beobachter die Stimmung an den ersten Trainingstagen unter Dirk Schuster. Der 48-Jährige ließ hart trainieren, aber nach und nach akzeptierten die Spieler die neue Gangart. In den Testspielen hielten die Augsburger körperlich voll dagegen, genau so wie es Schuster gern hat. In Darmstadt waren seine Ansagen stets unmissverständlich: "Wir bleiben eklig", sagte er vor Beginn der Rückrunde. "Wir müssen in die Zweikämpfe gehen wie Straßenköter." In Augsburg betont er immer wieder, der Kader gebe ganz andere spielerische Möglichkeiten her - trotzdem will er einige Darmstädter Tugenden auch seiner neuen Truppe einbimsen. Nachhilfe brauchen die Augsburger offensichtlich in Sachen Lautstärke, dem Coach waren seine Mannen im ersten Trainingslager zu ruhig. "Unser Ziel ist es, auf dem Platz lautstärker zu sein", sagte Schuster. "Man muss Kommandos geben, wie zu laufen ist, wie man die Räume besser zustellen kann oder den Mitspieler pushen. Das soll alles bedeutend besser werden als zu Beginn der Vorbereitung." Kleiner Tipp am Rande: Metal-Legende Phil Anselmo von Pantera wäre ein guter Co-Trainer für diese Zwecke.

Auf wen kommt es an?

Auch wenn mit Dirk Schuster eine neue Ära anbricht – der Kader bleibt im Wesentlichen fast unverändert. Mit Ragnar Klavan musste Manager Stefan Reuter den wichtigsten Innenverteidiger nach Liverpool ziehen lassen, sein Nebenmann Hong Jeong-Ho wechselte nach China. Aber fünf bzw. sechs Millionen Euro Ablöse versüßten den Abschied, und mit Goijko Kacar hat der FCA einen Ersatz verpflichtet, der sehr gutes Bundesliga-Niveau in Berlin und Hamburg zwar noch nie konstant, aber immer wieder erreicht hat. Das neueste Gerücht: Wenn Reuter noch Platz schafft (Alexander Esswein und Raul Bobadilla wären Wechselkandidaten), könnte Geld da sein für den Olympia-Kanonier Serge Gnabry.

67332802.jpg

Wünscht sich kein Augsburger "Huh": Der isländische Stürmer Alfred Finnbogason.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Säulen im Team aber bleiben Torwart Marwin Hitz, Außenverteidiger Paul Verhaegh, Daniel Baier und Dominik Kohr. Verinnerlichen sie die neuen Ideen von Dirk Schuster und tragen sie mit, kann das Team schnell funktionieren. Stürmer Nummer eins bleibt übrigens wie in der Rückrunde Alfred Finnbogason, den Reuter für 4 Millionen Euro fest aus San Sebastian verpflichtete. Der Isländer landete mit einer gehörigen Portion Euphorie aus dem EM-Märchen wieder in Deutschland, sprach aber sofort ein Machtwort: Er will den wilden "Huh"-Schlachtruf seines Teams hier nicht hören. "Der Gesang war Kult, etwas Einmaliges. Ich werde das immer mit der EM in Frankreich verbinden. Insofern würde es nicht passen, wenn das Bundesligastadien oder bei uns in Augsburg von den Fans gesungen wird." Schöne Grüße auch an die Equipe Tricolore.

Was fehlt?

Dirk Schuster fehlt offenbar eine gar nicht so unwichtige Eigenschaft im Profifußball: Er kann nicht überzeugend lügen. Im Trainingslager wurde der 48-Jährige auf ein Interview von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert angesprochen. Der Liga-Boss hatte die Teams davor gewarnt, Spiele gegen die Bayern mit einer B-Elf anzugehen und von vornherein abzuschenken. Das sei "Betrug am Fan". Dirk Schuster reagierte wie ein auf frischer Tat ertapptes Kind, das die Hände noch an der Keksdose und die Mundwinkel voller Krümel hat: Was, ich? Ich hab nix gemacht! "Ich weiß nicht, wie jemand darauf kommt, dass man Spiele herschenkt", sagte Schuster allen Ernstes. "Das ist mir fremd, die Aussage ist komisch."

Ungefähr so komisch wie die letzten zehn Minuten im Spiel seiner Darmstädter gegen Leverkusen im Februar. Vier Stammspieler handelten sich kurz vor Schluss eine Karte und damit eine Sperre für das kommende Spiel in München ein – um im wichtigen Abstiegsduell gegen Bremen wieder mitmischen zu dürfen. Die B-Elf verlor in München, die Bestbesetzung holte einen Punkt bei Werder. Die Bremer Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic machten es übrigens später ganz ähnlich, gaben die Trickserei aber zu und mussten eine Geldstrafe zahlen. Also doch ein clever Zug von Dirk Schuster: Schlecht lügen ist in diesem Fall immer noch besser als die Wahrheit sagen.

Wie lautet das Saisonziel?

Was sollen die Augsburger auch sagen? Dirk Schuster hat den Klassenerhalt zum "primären Ziel" erklärt. "Alles andere wäre sehr vermessen und auch ein bisschen unrealistisch." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die n-tv.de-Prognose

Gut möglich, dass der FCA personell noch ein, zwei Mal auf dem Transfermarkt zuschlägt – gerade ein weiterer erfahrener Innenverteidiger wäre den Augsburgern wahrscheinlich eine ordentliche Summe wert. Auch wenn sich nichts mehr tut, trifft der Trainer des Jahres 2015 auf eine stabile Mannschaft, die er noch von seinem Weg überzeugen muss. Das sollte gelingen, weiter als bis ins Niemandsland der Tabelle wird es aber nicht gehen. 

Quelle: ntv.de