Fußball

Fußball-Zeitreise, 05.10.1984 Der größte Sololauf der Bundesliga-Historie

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Daniel Simmes (links) hatte einen ganz großen Moment im Westfalenstadion. Danach hatte Rolf Rüssmann viel zu schimpfen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Nach seinem fantastischen Treffer wollte ihn der FC Barcelona als Nachfolger für Superstar Diego Maradona verpflichten. Daniel Simmes’ Sololauf wurde zum "Tor des Jahres 1984" gewählt. Jahre später erfährt der Dortmunder, dass er froh sein muss, überhaupt noch am Leben zu sein.

Als Daniel Simmes an diesem Freitagabend um ca. 21.18 Uhr seinen filmreifen Sololauf über das komplette Spielfeld durch die zu Statisten degradierten Männer aus Leverkusen mit seinem ersten Bundesligator beendet hatte, war allen Beobachtern vor Ort eines sofort klar: Sie hatten das unverschämte Glück, bei der Geburtsstunde eines neuen Jahrhunderttalents aus dem Ruhrgebiet live dabei gewesen zu sein. DFB-Nachwuchstrainer Berti Vogts versuchte hinterher auch erst gar nicht die Erwartungen an den Jungen aus Dortmund-Dorstfeld herunterzureden: "Der Daniel ist ein außergewöhnliches Talent. Ein Typ wie einst der Helmut Rahn aus Essen."

Während sich die namhaften Bayer-Spieler wie Dieter Bast, Jürgen Gelsdorf, Thomas Hörster und Jürgen Röber nach dem Slalomlauf, bei dem sie die Stangen spielen durften, noch verwundert die Augen rieben, füllten bereits über 185.000 Menschen zu Hause ihre Postkarten aus, um sie nach Köln zum WDR zu schicken. Mit weitem Abstand gewann der damals gerade 18 Jahre junge Daniel Simmes die Wahl zum "Tor des Jahres" der ARD-Sportschau.

Nachfolger von Diego Maradona - fast

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Daniel Simmes war "ein Typ wie Helmut Rahn".

Die Türen standen dem "Daniel Düsentrieb" der Bundesliga weit auf. Sehr weit sogar. Niemand geringeres als der FC Barcelona interessierte sich für Simmes. Die Katalanen hatten gerade ihren Superstar Diego Armando Maradona an den SSC Neapel abgeben müssen. In Daniel Simmes glaubten sie den perfekten Nachfolger gefunden zu haben. Doch sie kassierten eine Absage. Kein Wunder, wie zwei Jahre später auch sein Freund Olaf Thon erfahren musste. Als dieser seinen Kumpel nach Schalke locken wollte, blieb Simmes als gebürtiger Dortmunder lieber dem BVB treu. Was dahinter steckte, war eine besondere Form der Heimatverbundenheit. Im Brustton der Überzeugung diktierte Simmes damals der Presse in die Notizbücher: "Ich wäre auch nach Gelsenkirchen gegangen, wenn das nicht so weit weg wäre."

Doch genauso schnell wie der Ruhm gekommen war, zerplatze die Blase der Euphorie auch wieder. Es schien, als ob der Saft der Vorschusslorbeeren seine Sinne benebelte. Sein Mannschaftskamerad Rolf Rüssmann schüttelte den Kopf, als er über Simmes sprach: "Der Junge ist zu faul, um sich beim Schuhebinden zu bücken." Viele glaubten in diesen Tagen, der frühe Ruhm wäre dem Nachwuchstalent zu Kopf gestiegen. Niemand wollte verstehen, wie Simmes in dem einen Moment Herausragendes leistete und im nächsten wie ein nasser, alter Sack übers Spielfeld kroch. Hansi Pflügler vom FC Bayern München meinte damals: "Wenn der Simmes seinen guten Tag hat, kann er ein Spiel alleine entscheiden. Wenn nicht, dann kannst du ihn vergessen."

Der Traum zerbrach nach und nach

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Beim Karlsruher SC versuchte Simmes einen Neustart - vergeblich.

(Foto: imago sportfotodienst)

Irgendwann war klar, dass es in Dortmund für ihn nicht mehr für weitergehen konnte. Er selbst haderte verzweifelt mit seinem Schicksal und wusste nicht recht, wie es wieder aufwärts gehen sollte. Als schließlich das Angebot des Karlsruher SC kam, schöpfte der Dortmunder Hoffnung: "Ich will es jetzt allen beweisen, dass ich mit meinen 22 Jahren eigentlich doch erst am Anfang meiner Laufbahn stehe und noch viel vor mir habe." Doch sein Traum vom Fußballer-Glück zerbrach jeden Tag ein Stück mehr. Es war nicht so, dass alles von einem Moment zum nächsten einfach vorbei war - ganz im Gegenteil. Es ging immer weiter - nur nicht mehr aufwärts, sondern stets abwärts.

Am Ende stand das ehemalige Jahrhunderttalent vor dem Scherbenhaufen seiner Karriere. Was einmal so vielversprechend und mit so viel Tempo begonnen hatte, war wie eine altersschwache Lokomotive irgendwann einfach auf offener Strecke ausgelaufen. Von dem Mann, der sich mit einem der spektakulärsten Sololäufe der Fußballgeschichte in die Herzen der Fans gespielt hatte, war nicht mehr viel übrig geblieben. Die Rakete war abgestürzt, bevor sie endgültig durchgestartet war.

Kein Tod im Stadion? Ein Wunder

Es ist einem belgischen Ärzteteam zu verdanken, dass Daniel Simmes im Jahr 2003, mit mittlerweile 37 Jahren, endlich verstand, dass er selbst keine Schuld am Verlauf seiner Karriere hatte. Dass er nicht etwa zu faul oder zu nachlässig gewesen war. Nein. Im Grunde war es sogar so, dass der gebürtige Dortmunder froh sein musste, überhaupt noch am Leben zu sein. All die Jahre hatte er nie verstanden, warum er sich stets so schlapp und kaputt gefühlt hatte: "Ich war immer so abgeschlafft. Vor jedem Spiel habe ich mich immer gefühlt, als hätte ich schon neunzig Minuten in den Beinen." Als ihn nun die belgischen Ärzte untersuchten, stellten sie einen dramatischen Befund fest: Daniel Simmes litt seit seiner Geburt an einem Herzfehler. Die Mediziner zeigten sich nach der Diagnose ehrlich erstaunt darüber, dass Simmes so lange auf so hohem Niveau unbeschadet Fußball gespielt hatte. Es grenzte fast an ein Wunder, dass das ehemalige Jahrhunderttalent nicht im Stadion verstorben sei.

Daniel Simmes zeigte sich nach seiner erfolgreichen Operation erleichtert, dennoch sagte er einmal im Rückblick auf all das, was für ihn möglich gewesen wäre: "Es tut verdammt weh." Sein "Traum-Solo" (Franz Beckenbauer) vom 5. Oktober 1984 werden jedoch nicht nur die Dortmunder Fußballfans nie vergessen.

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Quelle: n-tv.de

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