Fußball

Fußball-Zeitreise, 16.02.1995 Ein Doping-Skandal verdirbt Wohlfarth den Appetit

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Seine Liebe zum Genuss wird für Roland Wohlfarth (l) letztlich zum Problem.

Am 16. Februar 1995 wird der erste Doper der Bundesliga zu einer Sperre von zwei Monaten verurteilt. Der ehemalige Bayern-Torjäger Roland Wohlfarth, gerade frisch zum VfL Bochum gewechselt, hat jedoch ein reines Gewissen - und ein ganz anderes Problem.

Roland Wohlfarth wusste nicht, wie ihm geschah. Er dachte: Die müssen mir was gespritzt haben. Gift. Die Franzosen vom AS Saint-Étienne. Gerade erst war er aus Frankreich zum VfL Bochum gewechselt und nun das. Er und Doping? Das konnte einfach nicht sein. Da musste ein Irrtum vorliegen. Aber welcher? Roland Wohlfarth war verzweifelt. Und sein neuer Verein begann Fragen zu stellen.

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Spätestens heute wissen sie beim FC Bayern, was sie damals an Wohlfahrth hatten.

(Foto: imago/photoarena/Eisenhuth)

Roland Wohlfarth ist immer noch einer der erfolgreichsten Torjäger, die der FC Bayern München je hatte. 119 Treffer hat er für den Klub erzielt, war zweimal Torschützenkönig der Fußball-Bundesliga und fünfmal Deutscher Meister. Wäre da nicht Robert Lewandowski, sein dritter Platz nach Gerd Müller und Karl-Heinz Rummenigge in der ewigen Rekordtorschützenliste hätte wohl noch etwas länger Bestand gehabt. Und dennoch war Wohlfarth bei den Bayern immer umstritten. Jede neue Spielzeit haben sie ihm einen Top-Transfer vor die Nase gesetzt und jedes Jahr aufs Neue behielt am Ende der Mann aus Bocholt die Oberhand.

"Killer mit dem Engelsgesicht"

Uli Hoeneß jedoch verzweifelte an Wohlfarths stiller und zurückhaltender Art. Er wollte immer, dass der vom MSV Duisburg nach München gewechselte Torjäger mehr aus sich rausgeht - doch das war nie Wohlfarths Sache. Sein Trainer Udo Lattek meinte einmal: "Ich nenne ihn oft den 'Killer mit dem Engelsgesicht', weil er mir im Strafraum noch zu brav und zu wenig clever ist. Man hört und sieht ihn fast nie, nur dann, wenn er Tore macht."

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Und obwohl er diesen Job verlässlich erledigte und reihenweise Treffer erzielte, reichte es aufgrund seiner leisen Art nur zu zwei Einsätzen in der Nationalmannschaft. Viele Fußballbeobachter glauben aber auch heute noch, dass der gebürtige Bocholter im Grunde sogar froh war, dass er nicht zu Höherem berufen wurde - schließlich hätte er dann unter der Woche seine Familie noch seltener gesehen und das wäre für Wohlfarth ein Horror gewesen. Zudem mochte er das Reisen nicht. Genau deshalb verstand er es auch umso weniger, als er hörte, dass Bayern-Fans für ein Europapokalspiel bei Trakia Plowdiw 700 Mark ausgegeben hatten. Mit heftigem Kopfschütteln und einer klaren Ansage reagierte Wohlfarth auf die Reisefreudigkeit der Anhänger: "Dafür habe ich wenig Verständnis. So viel Geld für ein so uninteressantes Spiel würde ich nie ausgeben."

Einmal versuchte Trainer Udo Lattek den zaghaften Torjäger mit einer Brachialmethode herauszufordern und fragte ihn: "Roland, was machst du, wenn einer in dein Haus kommt, dir das Bier wegtrinkt, die Wurst wegisst und dir die Frau wegnimmt?" Wohlfarth antwortete völlig korrekt: "Dem hau ich eine in die Schnauze, Trainer!" Lattek zeigte sich zufrieden: "Dann wehr dich gefälligst auch auf dem Fußballplatz!" Und tatsächlich begann sich der Stürmer kurzzeitig selbst zu motivieren. Er nahm den Konkurrenzkampf mit den frisch verpflichteten Neuzugängen McInally und Sternkopf an: "Ich rede mir laufend ein, dass die beiden sich warm laufen, dass der Trainer schon die Nummer 9 aus dem Kasten zieht, um mich auszuwechseln."

Immer wieder das Gewicht

Doch ein Problem holte Roland Wohlfarth immer wieder ein: Sein Gewicht - auch wenn er versuchte, sich die Sache selbst irgendwie schönzureden. "Obwohl bei mir sogar Mineralwasser Kalorien bekommt, bin ich überzeugt, dass Bayern nie einen findet, der mehr Tore schießt als ich." Das sahen die Offiziellen des FCB nach dem finalen Schock der Spielzeit 1992/93, als Werder Bremen die Münchener kurz vor Ende der Saison noch abfing, jedoch anders - und verabschiedeten ihren langjährigen Goalgetter nach Frankreich.

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Zum Karriereende ist Wohlfarth froh über ein Angebot des VfL Bochum. Der erlebt aber eine böse Überraschung.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dort hielt es Wohlfarth allerdings nicht lange aus. Und so zog es den Stürmer nach anderthalb Jahren in Saint-Étienne wieder zurück in die Heimat. Als Biertrinker hatte er genug vom Wein und war froh, als der VfL Bochum für den Abstiegskampf in der Bundesliga zum Jahreswechsel 1995 noch einen erfahrenen Torjäger suchte. Doch es gab ein Problem: Über Weihnachten hatte Roland Wohlfarth tüchtig zugelangt und sich einige Pfunde Winterspeck auf die Rippen gelegt. Die wollte er nun schnell wieder loswerden.

Und so ging der Bundesliga-Heimkehrer in seinem Wohnort Bocholt in eine Apotheke und kaufte sich den Appetitzügler "Recatol N". Was ihm der Apotheker leider nicht sagte: In der Medizin enthalten war auch die verbotene Substanz "Norephedrin". Und als sich Wohlfarth schließlich bei einem Hallenturnier einem Dopingtest unterziehen musste, flog die ganze Geschichte mit dem Appetitzügler auf.

Sein neuer Klub, der VfL Bochum, war alles andere als begeistert. Zwei Monate Sperre und 60.000 Mark Bußgeld waren schließlich die gerechte Strafe - im ersten Doping-Urteil der Fußball-Bundesliga vom 16. Februar 1995. Eine Strafe, die Roland Wohlfarth übrigens ohne großes Murren akzeptierte. Denn am Ende war auch der ehemalige Torschützenkönig froh, dass die Franzosen ihm zum Abschied nicht noch Gift gespritzt hatten - warum auch immer sie das hätten tun sollen.

Quelle: n-tv.de

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