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Fußball-Zeitreise, 24.8.1963 Erfolgsmodell Bundesliga startet spektakulär

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Am allerersten Spieltag der Fußball-Bundesliga trennten sich Eintracht Braunschweig und 1860 München 1:1. Hier hat Eintracht-Torwart Hans Jäcker (ohne Handschuhe!) das Nachsehen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor 56 Jahren hätte niemand gedacht, dass es in der Bundesliga einmal einen Spieler geben würde, der täglich über 35.000 Euro verdient. Doch eigentlich war das Geld eines der Motive für ihre Gründung. Der Fußball zog bereits damals die Massen an - und die Stadionrandalierer.

Es ist Samstag, der 24. August 1963, als um 17 Uhr in acht Stadien der Republik der Anpfiff zur Fußball-Bundesliga ertönt. 290.000 Zuschauer haben sich an diesem Tag zu Fuß, mit der Deutschen Bundesbahn (60 Prozent Sonderrabatt für Fußballfans) und dem Auto einmal quer durchs ganze Land auf den Weg gemacht, um die Premiere live vor Ort mitzuerleben. Und es dauert weniger als eine Minute, da ist bereits die erste große Legende dieser jungen Bundesliga geboren. Wer es damals nicht rechtzeitig auf seinen Platz im Bremer Weserstadion schaffte, der verpasste das 1:0 für die Borussia aus Dortmund gegen den heimischen SV Werder. Friedhelm "Timo" Konietzka hieß der Schütze des ersten Bundesligatreffers.

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Friedhelm "Timo" Konietzka erzielte den ersten Bundesligatreffer überhaupt.

(Foto: imago/Horstmüller)

Doch diese Szene ist noch aus einem anderen Grund unvergesslich und wird auf ewig ein Trauma für die deutsche Sporthistorie bleiben. Es existieren keine Filmaufnahmen und kein einziges Foto von diesem bedeutsamen Moment. Ein riesiger Fauxpas! Dabei hatte am Morgen "Die Welt" noch voller Stolz berichtet: "Die Steinzeit des deutschen Fußballs ist beendet!"

"Die Knechtschaft des Geldes"

Tatsächlich beendete der Start der Bundesliga den scheinheiligen Amateurstatus. Endlich durften die Akteure ganz offiziell mehr als das Vertragsspielergehalt von 400 Mark im Monat bei ihren Klubs verdienen. In der Vergangenheit hatte man diese Grenze mit viel Fantasie und ein wenig krimineller Energie stets umgangen. Nun brach eine komplett neue Zeit, eine neue Ära an. Doch nicht jeder wollte damals mit dabei sein. Der HSV-Recke Jürgen Werner lehnte das Lizenzspielertum strikt ab und beendete mit 28 Jahren lieber seine Karriere. Seine Begründung klingt im Rückblick sehr weitsichtig: "Da Unterschiede bei den Gehältern gemacht werden, ist jeder des anderen Nebenbuhler, nicht Kamerad. Die Knechtschaft des Geldes lehne ich ab!"

Diejenigen Spieler, die dann am 24. August 1963 beim Start der Erfolgsgeschichte in den 16 Vereinen dabei waren, sahen es eher wie Willi Schulz, Kicker beim FC Schalke 04 und Kneipier in Wattenscheid: pragmatisch und dennoch voller Zuversicht! Willi Schulz damals: "Man muss ja erst abwarten, ob die Bundesliga anläuft und wie sie anläuft und ob man dadurch gesichert ist als Fußballer. Und dann gleichzeitig, wenn ich meinen Beruf dabei ausführe, werde ich zusehen, wenn meine Lizenzspielerzeit abgelaufen ist, so in circa zehn Jahren hoffe ich, wenn man nicht verletzt wird, dass ich dann gleichzeitig wieder meinen Beruf habe und dadurch dann weiterhin im Leben gesichert sein werde."

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Willi Schulz grätscht beim Revierderby 1965 dem Dortmunder Lothar Emmerich in die Aktion.

(Foto: imago/Horstmüller)

Das klappte bei Schulz übrigens auch damals schon ganz wunderbar. Jedoch leider nicht immer im Rahmen der Gesetze. Und das führte unter anderem dazu, dass im April 1964 sein Arbeitgeber Schalke 04 vor dem Essener Landgericht stand. Der Vorwurf: Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung und Betrug. Der Schalker Vorstand soll weniger Karten abgerechnet haben, als er tatsächlich verkaufte. Das mehr eingenommene Geld wanderte in eine "Schwarze Kasse", aus der Spielern Prämien und Handgeld gezahlt wurde. Egon Horst bekam beispielsweise 30.000 DM, Koslowski 15.000 und eben Willi Schulz 25.000. Doch das Geld wurde nicht nur durch illegalen Ticketverkauf, sondern auch durch einen anderen Trick erwirtschaftet. Die Honorare für die Platzordner wurden pro forma verdoppelt, aber nie in dieser Höhe tatsächlich ausgezahlt. Gedeckt hatte diese Praxis der Platzordner-Obmann Willi Kuzorra (sein berühmter Bruder hieß Ernst mit Vornamen). Er unterschrieb die Abrechnungen blanko, und der 2. Kassierer ließ das Geld in die "Schwarze Kasse" wandern. Dummerweise für die Königsblauen kam der Schwindel heraus.

"Feuerwerkskörper-Werfer werden wir verfolgen"

Die Männer in Schwarz hingegen liefen lohntechnisch den neuen Zeit hinterher. Sie verblieben quasi im Amateurstatus. Schiedsrichter erhielten 1963 als Aufwandsentschädigung für die Leitung eines Spiels pro Tag 20 DM, ab 100 km eine Bahnfahrt in der 1. Klasse und eine Übernachtung zu Lasten des DFB. Für die erforderlichen zwei bis drei Trainingstage pro Woche gab es nochmals 8 DM für jede Einheit. Im Vergleich zu heute und in Relation zu den Einkommen der Stadionbesucher gestalteten sich die Eintrittspreise zum Bundesligastart moderat. In Saarbrücken musste man beispielweise 3,50 DM für einen Stehplatz, 6 DM für die Vortribüne und 10 DM für die Tribüne bezahlen. Beim 1. FC Köln kostete der Stehplatz Kurve 3 DM, Stehplatz Mitte 4 DM, Sitzplatz Innenraum 7 DM, Tribünenplatz (nicht überdacht) 14 DM.

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Die Bundesliga schreibt seit genau 56 Jahren herrliche Geschichten - Ben Redelings hat sie notiert.

(Foto: Die Werkstatt)

Ein Problem gab es aber auch schon damals: Stadiongäste, die sich nicht zu benehmen wussten. Und deshalb hoffte in Dortmund der Vorsitzende Dr. Werner Wilms, dass sich recht bald etwas entscheidend verbessern würde. Seine erdachte Methodik zur Bekämpfung der Spielverderber (Denunziation) würde ihm heutzutage allerdings einen gepfefferten Shitstorm in den sozialen Medien bescheren: "Wir haben leider festgestellt, dass es Zuschauer gibt, die wir nicht gern sehen. Jene Bierflaschen- und Feuerwerkskörper-Werfer werden wir verfolgen. Jeder Zuschauer, der einen Rüpel, der den Ruf des Vereins schädigt, dem Ordnungspersonal übergibt, erhält von uns eine Prämie von 50 Mark. Wir werden gegen die Störenfriede wegen Hausfriedensbruch, notfalls sogar wegen Körperverletzung vorgehen."

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Quelle: n-tv.de

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