Fußball

Keine Fakten, nur neue Tests Fußball bleibt tortechnikfrei

Im März 2010 haben sich die Regelhüter des Fußballs strikt gegen die Einführung der Torlinien-Technologie ausgesprochen, nach jahrelangen Tests und Analysen. Es folgte das "Phantomtor zu Bloemfontein" bei der Fußball-WM, es folgten hitzige Debatten. Nun soll erneut getestet werden.

Auch wenn es andernorts anders steht: Die Fußball-Regelwächter haben keine Kehrtwende vollzogen. Die erst im März dieses Jahres verschlossene Tür für die Torlinien-Technik wurde in Wales mitnichten wieder geöffnet. Zwar können sich nach dem Willen des International Football Association Board (Ifab) bis Ende November wieder Anbieter von Technologien beim Weltverband Fifa bewerben, deren Produkte binnen einer Sekunde absolute Klarheit über umstrittene Tore schaffen.

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Fatale Fehlentscheidungen wie im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England könnten mit Torlinien-Technologie verhindert werden. Die Fußball-Regelhüter zieren sich dennoch.

(Foto: dpa)

Eine zeitnahe Entscheidung über die Einführung der Torlinien-Technologie wird es aber nicht geben. Nach ihrer Sitzung in Wales ließen die Regelhüter verlauten, dass das Thema frühestens auf der nächsten Ifab-Jahreshauptversammlung vom 4. bis 6. März 2011 erneut erörtert werden soll. Nur auf der Jahrestagung können Regeländerungen beschlossen werden. Dass es dazu kommt, muss bezweifelt werden. Die angekündigten neuen Tests sind nur der Minimalkonsens, mit dem Fifa und Ifab auf die massive Kritik im WM-Sommer reagieren können, ohne Fakten schaffen zu müssen. Zeitspiel nennt man das im Fußball.

Angst vorm Dammbruch gebannt

Nach Ende der Bewerbungsphase sollen ab Dezember zunächst die Tests mit ausgewählten Anbietern beginnen. In welchem Umfang und auf welcher Ebene des internationalen Fußballs, darüber gab das Ifab keine Auskunft. Transparenz ist in der "Kommission der alten Herren", wie Bayern-Trainer Louis van Gaal die Regelhüter nennt, ein Fremdwort. Immerhin wurden die Anforderungen an die Technik konkretisiert. Neben der Selbstverständlichkeit einer präzisen Arbeitsweise fordern die Regelhüter, dass sich die Technik ausschließlich auf die Torlinie zu konzentrieren und nur darüber entscheiden darf, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht. Die Entscheidung über die Situation müsse innerhalb einer Sekunde gefällt werden und dürfe ausschließlich an die Schiedsrichter übertragen werden.

Zumindest entkräftet das Ifab mit der Einschränkung auf die Tortechnologie ein zentrales Argument gegen die Einführung von technischen Hilfen im Fußball: Den noch im März befürchteten Dammbruch, wenn Technik im Fußball erst einmal erlaubt sei. Damals hatte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke übrigens erklärt: "Wir haben alle Studien und Untersuchungen ausführlich analysiert, es ist eine Diskussion, die innerhalb der Fifa und der Mitgliedsverbände des Ifab bereits seit längerem geführt wird (...) Wir sind alle der Meinung, dass die Technologie aus dem Spiel herausgehalten werden muss. Das Einzigartige sind die Menschen."

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Fifa-Präsident Joseph Blatter drückt nicht nur bei menschlichen Fehlern und Verfehlungen auf dem Platz gern beide Augen zu.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Menschlichkeit des Milliardenspiels Fußball führt auch Fifa-Präsident Joseph Blatter gern an, wenn er seine Technikfeindlichkeit zu rechtfertigen sucht. Der Schweizer ist ein ausgewiesener Gegner von technischen Hilfsmitteln im Fußball, sagt das seit dem skandalösen Phantomtor von Bloemfontein und den insgesamt schwachen Schiedsrichterleistungen bei der Fußball-WM in Südafrika aber lieber nicht mehr offen. Stattdessen schiebt er vermeintliche Mängel bei den Technologien vor. "Ich habe immer gesagt, wenn wir ein exaktes und einfaches System haben, dann führen wir es ein. Aber bislang waren die vorgestellten Systeme weder exakt noch einfach", ist so ein typischer Blatter-Satz.

Gezielte Falschinformationen

Dem Ifab vorgestellt wurden zuletzt der Chip im Ball, den der DFB-Schiedsrichterchef Herbert Fandel gern eingeführt sehen würde, und das so genannte "Hawk Eye". Beide Lösungen fanden keine Mehrheit. Mit Blick auf das "Hawk Eye" begründete Blatter die Entscheidung später mit den fünf Sekunden Verzögerung bis zur Entscheidungsfindung und damit der Notwendigkeit einer Spielunterberechung beim Einsatz dieser Technik.

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Das "Hawk Eye" von Paul Hawkins ist im Tennis etabliert. Im Fußball ist es verpönt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ein Totschlagargument, schließlich ist der Spielfluss der Fifa genauso heilig ist wie die Menschlichkeit fataler Fehler, auf dem Rasen und abseits davon. Eine gezielte Fehlinformation wider besseres Wissen, findet Paul Hawkins. Der Erfinder des "Hawk Eye" spricht von lediglich 0,5 Sekunden, um die Information "Tor/kein Tor" an den Schiedsrichter zu übermitteln. Und er sagt, Blatter wisse das auch ganz genau. Das "Phantom-Tor" der Engländer, behauptet Hawkins weiter, wäre mit seiner Technik zweifelsfrei als regulärer Treffer erkannt worden. Das mag Marketing für sein Unternehmen sein. Unstrittig ist aber: Im Tennis und im Cricket ist das "Hawk Eye" schon seit Jahren erfolgreich im Einsatz. Allerdings entscheidet dort auch nicht das Ifab über Regeländerungen.

Quelle: n-tv.de

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