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Sport
(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 06. Januar 2011

Fußball-Wettskandal als Milieustudie: Jeden Tag ein neuer Abgrund

Der Prozess um den aktuellen Fußball-Wettskandal gewährt weiter erschreckende Einblicke in die Betrugspraktiken. Mit jedem Verhandlungstag wird klarer, wie vielschichtig und mit welch enormen Summen manipuliert wurde. Allein Ante Sapina hat pro Monat eine Million Euro gesetzt, im In- und Ausland.

Geständige Zocker, spielsüchtige Profis, pikante Details - der Wettskandal wird für den Fußball endgültig zum Dauerthema. Ein Ende der Schlagzeilen über mafiöse Strukturen und die Diskussion über grundlegende Systemprobleme ist nicht in Sicht, was dem Fußball angesichts der gern kleingeredeten Dimensionen des Problems eigentlich nur recht sein kann. Der Prozess vor dem Bochumer Landgericht, bei dem sich vier mutmaßliche Betrüger verantworten müssen, dürfte nur der Auftakt zu einem juristischen Marathon sein. Schließlich tun sich in den rund 14.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten der Staatsanwalt noch mehr Abgründe auf.

Alle Träumereien, das Thema hätte sich mit den Urteilen im Schiedsrichter-Skandal um Robert Hoyzer 2005 erledigt, erwiesen sich als Wunschdenken. Die abschreckende Wirkung der in Berlin ausgesprochenen Haftstrafen hielt sich in äußerst engen Grenzen. Zu glauben, die Betrüger und damit Betrügereien auf dem Rasen wegzusperren, war und ist naiv. Nur wenige Monate nachdem der damals mitverurteilte Ante Sapina das Gefängnis verlassen hatte, setzte er wieder auf angeblich manipulierte Fußballspiele. Mit seiner gestern begonnenen Aussage vor dem Bochumer Landgericht gewährt der "Zockerkönig" tiefe Einblicke in das Milieu, das sich als unendlicher Sumpf erweist.

Spieler als willige Mittäter

So war die Rollenverteilung bei den vielen Manipulationsversuchen weniger eindeutig als gemeinhin vermutet. Mancherorts sollen nicht nur die Wettpaten als Hauptdarsteller aufgetreten sein. In ihrem Werben um willfährige Profis, die zu einer Spielmanipulation animiert werden sollten, hatten sie offenbar allzu oft leichtes Spiel. So belastete Ante Sapina den ehemaligen Osnabrücker Profi Thomas Cichon schwer: "Er war für mich der Häuptling." Deshalb sei nur auf Spiele gesetzt worden, bei denen Cichon auf jeden Fall auf dem Platz gestanden habe. Der Profi selbst, den Sapina auch persönlich getroffen haben will und der demnach weitere Profis anwerben sollte, bestreitet die Vorwürfe.

Kernperson, aber noch nicht angeklagt: Ante Sapina gilt auch im neuen Skandal als einer der Drahtzieher.
Kernperson, aber noch nicht angeklagt: Ante Sapina gilt auch im neuen Skandal als einer der Drahtzieher.(Foto: dpa)

Mit seiner Zockerleidenschaft scheint Cichon kein Einzelfall gewesen zu sein. "Es gibt viele Fußballer, die ihre komplette Freizeit im Wettbüro verbringen", hatte der Mitangeklagte Marijo C. vor dem Bochumer Gericht ausgesagt. Das jüngste Geständnis des früheren St.-Pauli-Stürmers René Schnitzler, seit seinem 18. Lebensjahr spielsüchtig zu sein und 100.000 Euro vom ominösen Wettpaten "Paul" erhalten zu haben, passt ebenfalls in das Bild. In einem Fall soll sogar ein Junioren-Spieler von Arminia Bielefeld von sich aus die Zocker zu einem Spieleinsatz bei asiatischen Buchmachern animiert haben.

Eine Million Umsatz im Monat

Auch im Schiedsrichter-Bereich bereitete die Akquise von Helfern mitunter wenig Mühe. Laut Sapina soll ein Referee die Manipulation des WM-Qualifikationsspiels zwischen Liechtenstein und Finnland (1:1) am 9. September 2009 versprochen haben. Wie bei dem konspirativen Treffen auf einem Hotel-Parkplatz in Sarajevo vereinbart, seien beide Tore in der zweiten Hälfte gefallen.

Dieser Fall dokumentiert, wie weit der Einfluss der Wettmafia mittlerweile zu reichen scheint. Schließlich ging es nicht nur um Geld, sondern auch um ein Karriereversprechen. Ein ebenfalls involvierter Schiedsrichterobmann der Uefa sollte nach Aussage von Sapina für eine Höhergruppierung des korrupten Unparteiischen in der Rangliste des Verbandes sorgen.

Sapina will mit seinen Fußball-Wetten nach eigenen Angaben Millionen umgesetzt und dabei regelmäßig auf manipulierte Spiele gesetzt haben. "Der Umsatz lag bei einer Million Euro im Monat", sagte der 34-Jährige: "Ich habe am Tag bestimmt 20 bis 30 Wetten gespielt, ein manipuliertes Spiel war ein-, zweimal die Woche dabei." Bei einzelnen Spielen habe er bis zu 400.000 Euro gewettet.

Auch vor internationalen Ligaspielen machte Sapina nicht halt. Aus einer in Bochum verlesenen Vernehmung geht hervor, dass Sapina am 30. Oktober 2009 nach Norwegen reiste, um sich mit dem Co-Trainer und Spielern von Sandefjord Fotbal zu treffen. Als Schmiergeld hatte er nach eigenen Angaben 60.000 bis 70.000 Euro dabei. Sandefjord hat am 1. November gegen Stabeak IF gespielt und die Partie mit 1:3 verloren. Zu der beabsichtigten Manipulation sei es jedoch nicht gekommen

Mammutprozess erwartet

Vieles von dem, was Ende November 2009 mit einer Verhaftungswelle durch die Sonderkommission "Flankengott" begann, liegt noch immer im Dunkeln. Doch vor dem Gericht in Bochum, wo sich vier Angeklagte für die Manipulationen von 32 Spielen im In- und Ausland verantworten müssen, kommen mehr und mehr bedenkliche Vorgänge ans Licht. Fünf Verhandlungstage waren ursprünglich angesetzt, am Donnerstag ging es bereits in die zwölfte Runde.

Aus fünf Verhandlungstagen sind schon zwölf geworden, und der Prozess läuft noch.
Aus fünf Verhandlungstagen sind schon zwölf geworden, und der Prozess läuft noch.(Foto: dapd)

Mit der für die kommenden Wochen erwarteten Urteilsverkündung ist das Thema Wettskandal noch lange nicht abgeschlossen. So gab Staatsanwalt Andreas Bachmann am Rand des Verfahrens bekannt, dass in Kürze mit einer Anklage gegen Sapina zu rechnen sei. Dem vermeintlichen Wiederholungstäter wird vorgeworfen, an der Manipulation von weitaus mehr Spielen beteiligt gewesen zu sein als die vier derzeit Angeklagten.

Damit droht ein weiterer Prozess, der umfangreicher und brisanter als der aktuelle werden dürfte. "Wenn man bedenkt, dass gegen 300 Leute ermittelt wird und momentan nur vier Leute vor Gericht stehen, wird klar, wie viel Arbeit noch vor uns liegt", sagte Bachmann.

Quelle: n-tv.de