Fußball

Fußball-Zeitreise, 2. 3. 1991 Kein Mensch, kein Tier, die Nummer vier

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Prost: Helmut Schulte.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der ehemalige Trainer und Sportdirektor Helmut Schulte war schon immer ein eigenwilliger Kauz. Aber die Geschichte, die er sich am 2. März 1991 im Münchener Olympiastadion leistet, ist in dieser Form absolut einmalig in der Historie der Fußball-Bundesliga.

In der Kurve stehen und mit anderen Fans zusammen ein Bier trinken, ist die normalste Sache der Welt - wenn man nicht gerade Bundesligatrainer ist und erst wenige Tage zuvor bei einer der beiden Mannschaften, die unten auf dem Rasen stehen, entlassen wurde. Das, was sich am 2. März 1991 im Münchener Olympiastadion zutrug, hat es in dieser Form tatsächlich nur ein einziges Mal in der langen Geschichte der Fußball-Bundesliga gegeben.

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Aufstiegsfeier mit St. Pauli: Schulte im Mai 1988.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Helmut Schulte war seit dem Weggang seines Chefs Willi Reimann zum Stadtrivalen Hamburger SV im November 1987 Trainer des FC St. Pauli gewesen und hatte mit seiner Mannschaft sogar den Sprung in die Bundesliga geschafft. Doch weil es dort nicht so richtig rund lief, hatte man Schulte nach einer langen Winterpause Ende Februar kurz vor dem Spiel beim FC Bayern entlassen. Und so stand das Team Anfang März bereits unter der Leitung des neuen Trainers Horst Wohlers unten auf dem Rasen.

Helmut Schulte - der einmal über seine Position als Spieler gesagt hat: "Ich war Vorstopper, das sagt alles: Kein Mensch, kein Tier, die Nummer vier" - wollte aber nicht auf die Partie in München verzichten. Und so dachte er sich wohl: Wenn ich schon nicht als Trainer dabei bin, dann doch wenigstens als Anhänger. Und so reiste der Sauerländer auf eigene Faust nach München und tauchte dort mit Schal und Bierbecher in der Kurve des Olympiastadions auf. Den 1:0-Überraschungssieg seines ehemaligen Arbeitgebers feierte Schulte in den Armen der anderen Fans des FC St. Pauli. Nur der neue Trainer Horst Wohlers war angesichts dieser mehr als außergewöhnlichen Aktion seines Kollegen nicht wirklich gut auf ihn zu sprechen.

Audienz beim Sonnenkönig

Zwei Jahre später jedoch traf der Jungtrainer Schulte auf einen noch verrückteren Menschen im Fußballgeschäft, den legendären "Sonnenkönig" Günter Eichberg. Der damalige Schalke-Präsident hatte zu ersten Vertragsgesprächen, die in einem noblen Hamburger Hotel stattfanden, mit Schulte seinen Freund Heribert Bruchhagen mitgebracht. Das Pikante daran: Bruchhagen war zu dieser Zeit noch Manager beim Hamburger SV. Als es später konkreter mit den Verhandlungen wurde, reiste Schulte zu Eichberg nach Düsseldorf. In dessen Büro fragte man den Trainer höflich nach seinem Getränkewunsch.

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Da Schulte bei seinem potenziellen neuen Arbeitgeber natürlich nicht gleich einen schlechten Eindruck hinterlassen wollte, bat er um ein Glas Wasser. Doch das sorgte überraschend für schwerwiegende Probleme. Beim Wörtchen "Wasser" war die Sekretärin fast hinten rüber gekippt. Es dauerte geschlagene zehn Minuten, bis die Vorzimmerdame verlegen lächelnd zurückkam. In der Hand hielt sie eine Flasche Sprudel, die von einer dicken Staubschicht überzogen war. Da konnte sich Schulte trotz der anstehenden Verhandlungen einen kleinen Seitenhieb nicht mehr verkneifen und fragte süffisant: "Ihr trinkt hier aber auch nicht viel Wasser, oder?!"

Und dann wurde es ernst. Der Sonnenkönig bat zur Audienz. Gewohnt gut gebräunt griff er lächelnd in eine Schublade seines Schreibtisches und holte einen Stapel Blätter hervor. Es handelte sich um eine Kopie des Vertrags mit dem Noch-Trainer des S04, dem Grand Seigneur unter den deutschen Fußball-Lehrern, Udo Lattek. Die Kopie sollte als Vorlage für den auszuhandelnden Vertrag mit Schulte dienen. Und so begutachtete Eichberg jeden einzelnen Zettel für einen kurzen Moment, legte komplette Seiten weg und strich auf anderen den Namen Udo Lattek durch und ergänzte darauf stattdessen den Schriftzug Helmut Schulte. Nach einiger Zeit war der Schalke-Präsident zufrieden mit seinem Werk. Er übergab dem zukünftigen Trainer den Stapel Blätter und bat ihn um eine Unterschrift.

"Sag mal, Charly, spinnst du?

Schulte war begeistert, wie flott das alles ging. Die Methoden beim S04 schienen ein wenig unorthodox, fand er, aber wenn sich nun noch das Deckblatt des Vertrags mit den Angaben zu seiner Person finden lassen würde, dann könnte sein königsblaues Zeitalter starten. Das ließ sich der Sonnenkönig nicht zweimal sagen und machte sich sogleich auf die Suche nach dem verlorenen Dokument. Hektisch durchwühlte Eichberg seinen Schreibtisch, verschwand unter selbigem und wurde schließlich fündig. Glücklich lächelnd strich der Schalke-Präsident mit der flachen Hand die Seite wieder glatt. Das Deckblatt hatte sich doch tatsächlich zusammengeknüllt in den Papierkorb verirrt.

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Das passte: Schulte und Charly Neumann auf Schalke.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Vertragsunterschrift des neuen Trainers musste natürlich gefeiert werden. Die Sekretärin brachte eine Flasche Champagner und Gläser zum Anstoßen. Doch gerade als man den Deal begießen wollte, klingelte es an der Tür. Draußen stand der immer noch amtierende Schalke-Trainer Lattek und wusste von nichts. Eichberg und sein Schatzmeister Rüdiger Höffken hatte es dummerweise versäumt, den Erfolgscoach über seine Entlassung zu unterrichten.

Keiner der beiden hatte es übers Herz gebracht, es Lattek zu sagen. Die beiden stritten sich vor dem peinlich berührten Schulte, wer nun rausgehen und dem Noch-Trainer die schlechte Nachricht verkünden müsse. Noch am Abend desselben Tages wurde Helmut Schulte der Presse und den Fans präsentiert. Wahrhaft eine Hauruck-Aktion. Alle reagierten vollkommen überrascht. Wie überrascht die Schalker Gemeinde tatsächlich war, konnte man auch gut an der Reaktion ihres Oberfans Charly Neumann ablesen. Das lebende Maskottchen rannte vor Schulte davon, als er diesen auf dem Parkplatz vor der Geschäftsstelle entdeckte. Erst einige Minuten später begrüßte er den neuen Trainer mit einer gewohnt herzlichen Umarmung und drückte ihm einen riesigen Wimpel in Königsblau vor die Brust. Schulte schrie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er den Wimpel um und sah, dass hinten vier rostige Nägel im Holz steckten. Die hatten sich tief in sein Brustfleisch gebohrt. Der neue Trainer auf Schalke tippte sich an die Stirn.

"Sag mal, Charly, spinnst du? Wo hast du denn das Ding her?" Neumann grinste. "Helmut, entschuldige. Das musste doch gerade alles schnell gehen. Da hab ich den Wimpel von der Wand im Vereinsheim gerissen. Ein Schalker kennt keinen Schmerz, was?!" Und tatsächlich passte Helmut Schulte auf eine sehr spezielle Art und Weise ganz ausgezeichnet in diesen verrückten, königsblauen Haufen.

Quelle: n-tv.de

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