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Sport
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Sonntag, 26. Dezember 2010

Werksteams nur Werbeträger?: Nein, die Leidenschaft zählt!

von Michael Kreußlein

Keine Angst, n-tv.de verkommt nicht zum Hofberichterstatter von Bayer Leverkusen. Aber es gibt Diskussionsbedarf zum Thema Tradition. Die haben Werksteams in den Augen der Kritiker nicht, weil sie bloße "Werbemaßnahmen" seien. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Er ist das liebste Kind der deutschen Fußballfans: Der Traditionsverein. Da sprechen selbst 18-Jährige mit leuchtenden Augen von Blut, Schweiß und Tränen in fernen Zeiten, in denen noch nicht einmal die eigenen Eltern geboren waren. Da streift man sich stolz ein Retro-Shirt über, das noch nicht mit irgendeinem Sponsorenlogo beschmutzt war. Und da pöbelt man vor allem gerne gegen die Anhänger jener schändlichen Plastikklubs wie Leverkusen und Wolfsburg – zu Hoffenheim kommen wir später.

Leverkusen und Wolfsburg: diese künstlich hochgezüchteten Pseudo-Traditionsvereine, diese Hochglanzklubs aus den grauen Retortenstädten. Eigentlich sind sie die von den Eltern gesponserte Auswärtsfahrt aus dem Vorort der Metropole XY gar nicht wert.

Was wäre mit Bayer 04 Köln?

Nur seelenlose Erfolgsfans? Anhänger des VfL Wolfsburg.
Nur seelenlose Erfolgsfans? Anhänger des VfL Wolfsburg.(Foto: picture alliance / dpa)

Aber jetzt mal ehrlich: Sieht man in der Volkswagen- oder Bayarena tatsächlich nichts anderes als seelenlose Erfolgsfans, die ihr Erscheinen im Stadion von Tabellenplatz und Temperatur abhängig machen? Davon gibt es sicher welche – mit denen müssen sich jedoch auch andere Vereine herumschlagen. Der harte Kern der Bayer- und VfL-Anhänger leidet genauso mit seinem Team wie der des 1. FC Köln, des BVB oder der Münchner Bayern. Schließlich wohnen in und um Leverkusen auch Menschen, die sich Urlaubstage nehmen, um ihre Mannschaft bei -15 Grad im norwegischen Trondheim anzufeuern. Als Bayer 04 vor zwei Jahren den DFB-Pokalsieg verpasste, kullerten sicher auch bei einigen Männern mal wieder die Tränen. Und ein Abstieg 2005 wäre für den harten Kern des VfL Wolfsburg einem Weltuntergang gleichgekommen.

Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke hat Recht, wenn er behauptet, Bayer und die Wölfe würden nicht genügend Fans anziehen. Für viele ist dies gar der Beweis überhaupt für Traditionslosigkeit. Richtige Fußballfans wollen nämlich keine Retortenklubs sehen! Allerdings zählt Leverkusen auch nur knapp über 160.000, Wolfsburg nur gut 120.000 Einwohner. Eine Stadt wie Köln beheimatet bei gut einer Million Bürgern nur einen hochklassigen Fußballverein. Würde dieser tatsächlich ein kleineres Publikum haben, wenn er seit 1904 Bayer Köln hieße? Zweifel sind angebracht. Und das Beispiel des Phillips Sportvereins aus Eindhoven – auch der einzige ernstzunehmende Klub der Stadt – zeigt, dass sich Werksteams durchaus eines hohen Zuschauerschnitts erfreuen können.

Überhaupt: Zuschauerzahlen wie Leverkusen oder Wolfsburg hat auch der VfL Bochum, wenn er denn in der Bundesliga spielt – und kaum einer würde es wagen, dem Arbeiterverein mangelnde Tradition vorzuwerfen. Bochum ist seltsamerweise mehr als doppelt so groß wie Leverkusen. Klar, ein Verein, der in der Bundesliga meist gegen den Abstieg spielt, lockt nun mal weniger Zuschauer an. Dies dürfte dann aber auch heißen, dass in Bochum keinesfalls ein höheres Traditionsbewusstsein herrscht als in den Städten der "Kunstprodukte".

Von Gründungsjahren und Leidenschaft

Macht man Tradition am Gründungsdatum fest, dann könnte Wolfsburg natürlich ins Schlingern geraten, wurde der Verein doch erst 1945 aus der Taufe gehoben. Damit ist er jedoch noch immer drei Jahre älter als der 1. FC Köln – unbestritten ein Verein mit Charakter und leidenschaftlichen Fans.

Das Kölner Anhängsel vom anderen Rheinufer sollte bei einem Bestehen seit 1904 eigentlich über jeden Zweifel erhaben sein. Da wurde Bayer als Betriebssportverein gegründet. Warum? Weil auch die "biederen" Herren Chemiker Spaß am Spiel hatten. Genau in diesem Aspekt glichen sie sowohl den Bergleuten im Ruhrpott als auch den Hafenarbeitern in Hamburg und Bremen. Nein, der Gründung von Bayer Leverkusen lagen keine finanziellen und werbetechnischen Hintergedanken zu Grunde. Es war die Leidenschaft für die wohl zweitschönste Nebensache der Welt.

Harte Lehrjahre

Selbstverständlich ist Leverkusen dem großen Erzrivalen aus Köln derzeit so weit voraus, weil das Bayer-Werk für das liebe Töchterchen immer wieder gerne die Spendierhosen anzieht. Aber so wirklich unnatürlich – heißt durch hohe Geldinvestitionen in die Mannschaft – nach oben gekommen ist man nun auch wieder nicht. Bevor die Bundesliga 1963 die Vorhänge öffnete, war die höchste deutsche Spielklasse in fünf Oberligen gegliedert. Und immerhin spielte Bayer 04 von 1951 bis 1956 sowie in der Saison 1962/1963 in der Oberliga West und konnte den FC in einer Saison sogar überflügeln. Übrigens ohne Großtransfers. Und die genauere Betrachtung des Kaders, der 1979 in die Bundesliga aufstieg, fördert zu Tage, dass viele Leistungsträger Ur-Leverkusener (die nie woanders gespielt hatten) waren, von anderen Zweitligisten (vor allem sei hier Schwarz-Weiß Essen genannt) gekommen waren oder vorher eher unregelmäßig in der damaligen Eliteklasse gespielt hatten. Gestandene Bundesligaspieler sucht man vergebens. Wer das nicht glauben will, dem sei die Seite www.fussballdaten.de ans Herz gelegt. Leverkusen erkaufte sich den Aufstieg keineswegs. Vielmehr nahm man auf dem Weg nach oben harte Lehrjahre in Kauf.

Auch Wolfsburg hing lange Jahre in der Regionalliga und der zweithöchsten Spielklasse fest, auch wenn man 1970 mal an der Tür zur Bundesliga geklopft hatte. Als der Verein in den 1990er Jahren nach langer Zeit der Drittklassigkeit wieder zum Bundesligaaspiranten heranreifte, war das zwar mit vielen Neuzugängen, aber auch nicht unbedingt mit einem Millionenkader verbunden.

Die Fans des FC Hansa Rostock begreifen ihren Klub als Traditionsverein - trotz des Eingriffs der DDR-Oberen.
Die Fans des FC Hansa Rostock begreifen ihren Klub als Traditionsverein - trotz des Eingriffs der DDR-Oberen.(Foto: picture alliance / dpa)

Da wirkt der "Erstligaaufstieg" zweier ostdeutscher Kultvereine schon skurriler und künstlicher. Wer einmal ein Heimspiel von Hansa Rostock im Stadion gesehen hat, kann mit Fug und Recht behaupten, Zeuge einer Wahnsinns-Stimmung geworden zu sein. Egal ob in der Eliteklasse, in der Hansa sich mit bescheidenen Mitteln Jahr für Jahr aufs Neue bewies, oder der dritten Liga. Doch hätte die DDR-Politik 1954 nicht entschieden, den erzgebirgischen Oberligisten Empor Lauter in die Hafenstadt zu verlegen, um dort endlich hochklassigen Fußball spielen zu lassen, wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. Viel Romantik war beim "Aufstieg" von Hansa (damals noch Empor Rostock) jedenfalls nicht im Spiel. Ähnliches gilt für Dynamo Dresden, ein weiterer Klub mit großem Fanpotenzial. Vor dem Krieg dominierte in Elbflorenz vor allem der Dresdner SC, bei dem auch Weltmeistertrainer Helmut Schön kickte. 1950 entschloss sich die Politik jedoch, den damaligen Polizeisportverein Dresdens nach oben zu lotsen. Während Bayer 04 und Wolfsburg ohne ihre Konzerne wahrscheinlich weniger gut dastünden, würde es den FC Hansa und Dynamo ohne die damalige "Fremdhilfe" wohl so überhaupt nicht geben.

Die lieben "Stinkreich-Gauer"

Alles andere als beliebt: Dietmar Hopp, Mäzen der TSG, auf einem Banner von BVB-Fans.
Alles andere als beliebt: Dietmar Hopp, Mäzen der TSG, auf einem Banner von BVB-Fans.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Zum Schluss wie versprochen noch mal zu den Hoffenheimern. Die Kraichgauer wurden von einem Mäzen nach oben dirigiert, mussten die harte Schule der unteren Ligen nur bedingt durchlaufen. So kurios es klingen mag: Den beiden 1950er Teams aus Rostock und Dresden ist man in Sachen Aufstieg dann aber gar nicht so unähnlich.

Natürlich mutet ein 30.000-Mann-Stadion bei einer Mannschaft aus einem 6000-Seelen-Örtchen irgendwie surreal an. Und trotzdem: Warum soll in zehn Jahren in Hoffenheim nicht eine ähnliche Fankultur bestehen wie bei etablierten "Traditionsteams"? Die Saison 2009/2010 war für die TSG keine wirklich gute. Trotzdem hatte man einen Zuschauerschnitt von knapp 30.000, genau wie nach den ersten, eher durchwachsenen 17 Spielen dieser Hinrunde.

Wider alle Erwartungen versucht man in Hoffenheim auch nicht, durch Supertransfers möglichst schnell die Meisterschale zu erringen. Innenverteidiger Marvin Compper galt bei Gladbach als ausgemustert, Tobias Weis kam beim VfB Stuttgart, Sejad Salihovic bei Hertha Berlin nicht über die zweite Mannschaft hinaus. Und die blutjunge Sturmhoffnung Peniel Mlapa ist zwar hochtalentiert, aber auch kein Klaas-Jan Huntelaar, von dem man sofort Tore am Fließband erwarten kann. Bis jetzt ist bei der TSG ein Konzept, nämlich das, eine Mannschaft langfristig zusammenwachsen zu lassen, durchaus erkennbar.

Was ist Tradition?

Viele werden nun noch immer ungläubig mit dem Kopf schütteln, auch Bayer 04 und die Wölfe weiter als traditionslos bezeichnen. Doch scheint unklar, was Tradition überhaupt sein soll. So reden Fans zwar gerne von den guten alten Zeiten, wenn ihre Mannschaft aber so auftritt wie vor 50 Jahren, schimpfen sie über fehlende Spielkultur. Letzten Endes zählt im Fußball immer die Leidenschaft. Und die muss weder Stadtgrößen noch Zuschauerzahlen, weder Gründungsdaten noch Gründungsväter kennen.

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Quelle: n-tv.de