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Fußball-Zeitreise, 31. 8. 1993 Okocha und die Krönung des TV-Quatschers

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Jay-Jay Okocha hat nicht nur Eintracht Frankfurt verzaubert.

Spätestens am 31. August 1993 brennt sich Reporter Jörg Dahlmann für immer in die Hirne von Millionen Fußballfans. Es ist der Tag, an dem er den wundersamen wie wunderbaren Ritt des Frankfurters Jay-Jay Okocha durch die Abwehr des Karlsruher SC ausgiebig feiert.

Der Mann redet sich gerne um Kopf und Kragen. Und hat auch noch Spaß dabei. Die Tage hat Jörg Dahlmann wieder einmal live zugeschlagen und gezeigt, dass sein Mund meist eine Fußspitze eher im Ziel ist als sein Kopf. Was im alltäglichen Leben wohl häufiger für Schwierigkeiten sorgen dürfte, ist mittlerweile eine durchaus wohltuende Eigenschaft im Einheitsgeplätscher der Reporterkommentierungen - auch wenn das nicht alle so sehen.

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Er hat sie alle gehabt, dieser Jörg Dahlmann.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Im Laufe einer Zweitligapartie redete Dahlmann über den Videobeweis und plauderte in seiner gewohnten, immer eine Oktave zu aufgeregten Art vor sich hin: "Im Kölner Keller werden sie ... ach, Moment, Keller sollen wir ja nicht mehr sagen. Also, im ehemaligen Keller." Das ist Schlagfertigkeit ohne Hintergedanken. Dabei hatte Dahlmann durchaus spannende Interna ausgeplaudert. Man kann davon ausgehen, dass der 1959 in Gelsenkirchen geborene Reporter auch den Pin-Code seiner Bankkarte einem Millionenpublikum anvertrauen würde, wenn dieser irgendeine Relevanz in einer seiner Kommentierungen hätte. Dahlmann quatscht eben gerne. Und dabei kommen dann schon einmal solche Banalitäten heraus wie: "Iaschwilli, Kobiaschwilli, mein lieber Willi! Eine georgische Willi-Produktion." Oder: "Er könnte 'wunderbar', 'phantastisch' oder 'phänomenal' heißen, aber der liebe Gott nannte ihn schlicht und einfach 'Herrlich'."

Aber es bleiben in diesen "kopflosen" Tratsch-Momenten auch solch unkaputtbare Sternschnuppen am Zitate-Himmel kleben wie damals beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus, als Dahlmann sagte: "Da geht ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf!" Unkonventionell ist Jörg Dahlmann schon seit jeher nicht nur in seinen Kommentierungen, sondern auch in der Auswahl seiner Mittel gewesen. Ende der achtziger Jahre musste das Frank Mill einmal leidvoll erfahren. Der junge ZDF-Reporter Dahlmann hatte den Dortmunder Stürmer mit einem Richtmikrofon erwischt, als dieser gerade etwas unfein und vor allem vom Referee nicht geahndet zum Linienrichter "Du Affe" sagte. Frank Mill reagierte entsprechend sauer auf die Dahlmannsche Spitzel-Methodik: "Wenn der in Zukunft ein Interview will, sage ich nur 'Interview doch den Affen'!"

"Höher zu springen, wie ein Schwein scheißt?"

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Doch Dahlmann ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Und so produzierte er vor einigen Jahren ein ebenso ungewöhnliches wie unterhaltsames Stück Fernsehgeschichte, als er dem Schalker Fan Lennart während einer Partie seines Klubs gegen den HSV ein Mikrofon verpasste. Der extrovertierte S04-Anhänger belohnte diese Idee mit Sprüchen, die zu Tausenden jede Woche in der Kurven der Republik fallen - aber leider viel zu selten für die Nachwelt festgehalten werden: "Ja, glaube ich es denn? Ist niemand in der Lage mal höher zu springen, wie ein Schwein scheißt. 'Nen Westermann kriegt den mit dem Kopf, 'nen Westermann!" Die Sternstunde bescherte dem TV-Quatscher jedoch jemand anderes. Am 31. August 1993 zelebrierte im Frankfurter Waldstadion der nigerianische Ausnahmekünstler Jay-Jay Okocha den Treffer der Saison.

Der Eintracht-Profi spielte an diesem Abend mit der gesamten Abwehr des KSC und dem späteren Nationaltorhüter Oliver Kahn Hase und Igel. Und Dahlmann erkannte sofort, was in diesen magischen Sekunden auf dem grünen Rasen in Frankfurt passiert war. Dementsprechend feierte er das Tor in der "Ran"-Sendung in epischer Breite. Es ist eine der legendärsten Kommentierungen in über 56 Jahren Bundesliga-Geschichte:

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"So, liebe Zuschauer, und jetzt stehen Sie in Ruhe auf, 
damit Sie keinen Herzschlag bekommen. Stellen Sie den Ton Ihres Fernsehers lauter, kommen Sie nahe an den Monitor heran - und genießen Sie. Bein. Okocha. Geht er? Okocha, Jay-Jay Okocha. Immer noch. Jay-Jay Okocha. Noch ein Dreher, noch einer - und drin! Da reißt er sein Trikot vom Leib, tanzt noch einen Samba fürs ausflippende Publikum. Ekstase im Waldstadion! Das haben wir seit Libuda nicht mehr erlebt. Das ist das Beste, was der Fußball bieten kann. Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön! Liebe Zuschauer, die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeißen. Ich zeige Ihnen die Szene bis zum Umfallen. Toll, dieser Jay-Jay Okocha, wie er hier Kahn aussteigen lässt. Dann ist es Reich und auch noch Bilic. Dann versucht sich auch noch Lars Schmidt. Was soll's! Drin ist der Ball! Klasse! Mannomann, ist das eine tolle Szene gewesen!"

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Die Bundesliga schreibt seit genau 56 Jahren herrliche Geschichten - Ben Redelings hat sie notiert.

(Foto: Die Werkstatt)

Und weiter: "Komljenovic. Uwe Bein. Hätte allein schon schießen können. Schön gesehen - und da ist er, Jay-Jay Okocha. Beckenbauer, Baresi, Kohler – alle Liberi und Manndecker der Welt hätten hier stehen können. Sie wären allesamt von ihm ausgetanzt worden! Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht, liebe Zuschauer, mir zittern die Knie hier noch vor Begeisterung. Ich sehe jetzt das Tor zum sechsten, zum siebten, zum achten Mal - und dann dieser Samba! Das war's, liebe Zuschauer. Tolle Szenen hier im Waldstadion. Drei zu eins für Frankfurt. Eine geniale Schlussphase. Und anschließend genießen wir noch diesen Umreißer von Maurizio Gaudino mit Jay-Jay Okocha ..."

Übrigens: Wie man das Tor nüchtern und in aller Schlichtheit auch beschreiben könnte, bewies im Anschluss der Mann dieses Abends. Auf die Frage, wie um alles in der Welt er auf die Idee gekommen sei, diesen Treffer auf diese eine fantastische Art und Weise zu erzielen, sagte Okocha nur: "Ich habe das Loch gesucht!" Dieser Satz hätte allerdings auch von Jörg Dahlmann kommen können. Nur nicht an diesem 31. August 1993. Da hatte er anderes im Kopf. Gut so!

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Quelle: n-tv.de

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