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Professor Löw rätselt über den richtigen Mix.
Professor Löw rätselt über den richtigen Mix.(Foto: dpa)
Dienstag, 14. November 2017

DFB-Elf testet gegen Frankreich: Professor Löw rotiert zum Desinteresse

Von Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis, Köln

Erst England, nun Frankreich: Die deutschen Testspielgegner zum Jahresende sind spektakulär, die Fans interessiert das aber nur wenig. Und auch der Bundestrainer ignoriert die Superlative.

Um was geht’s?

Bundestrainer Joachim Löw hatte nach der in der zweiten Halbzeit doch arg müden Nullnummer gegen England am Freitag eingeräumt: "Es gab schon emotionalere Klassiker." Das lasse ihn "jetzt nicht hochspringen". Nun steht an diesem Dienstag (ab 20.45 Uhr in der ARD und im Liveticker bei n-tv.de) für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das letzte Länderspiel des Jahres an. Und in Köln geht es gegen die Mannschaft, gegen die die DFB-Elf ihr bisher letztes Spiel verlor. Es war kein unwichtiges: Im Halbfinale der Europameisterschaft siegte Frankreich am 7. Juli 2016 in Marseille mit 2:0 - und Löw fühlte sich persönlich vom Schicksal beleidigt, weil er sehr davon überzeugt war, dass sein Team doch das bessere gewesen sei. Seitdem hat die deutsche Nationalelf 20 Partien ohne Niederlage überstanden. Mit diesem Gegner verbinden die deutschen Spieler und ihre Trainer aber noch eine andere, in ganz anderem Sinn negative Erinnerung: Am 13. November 2015 sollte im Stade de France ein ganz normales Freundschaftsspiel stattfinden. Doch dann überzog der IS Paris mit seinem Terror und tötete 130 Menschen. Auch vor dem Stadion in Saint Denis explodierten drei Sprengsätze. Und der Fußball war an diesem schrecklichen Abend völlig egal.

Wie ist die Ausgangslage?

Deutschland - Frankreich, 20.45 Uhr

Deutschland: Trapp - Kimmich, Hummels, Süle, Halstenberg - Khedira, Kroos - Sané, Stindl, Götze - Werner; Coach: Löw
Frankreich: Mandanda - Jallet, Varane, Umtiti, Digne - Rabiot, Tolisso, Matuidi  - Griezman, Lacazette, Mbappé; Coach: Deschamps
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Stadion: Rhein-Energie-Stadion, Köln

Nun, sehr motiviert, nicht aber revanchelüstern - zumindest nicht beim Chefcoach. Denn wie schon beim Confed Cup im Sommer, im Oktober gegen Aserbaidschan im letzten Spiel der Rekord-Quali für die WM oder eben am Freitagabend in Wembley, will er im Test wieder tüchtig experimentieren. Seiner Auswahl (siehe nächster Punkt) gibt er indes dringende Handlungsanweisungen mit auf den Weg: "Aufmerksam sein, konzentriert sein, ein hohes Tempo und eine hohe Emotionalität ins Spiel bringen." Die allerdings zieht beispielsweise der Pariser Julian Draxler dann eben doch aus der Niederlage im Juli 2016. "Man denkt schon ab und zu noch dran. Wir haben uns sehr geärgert, dass wir da ausgeschieden sind. Es wird aber nicht die große Revanchelust freigesetzt." Nun, es sei aber natürlich trotzdem so: "Es bringt nur etwas, wenn wir es so angehen, als würde es um die Wurst gehen, so als ob es ein Pflichtspiel wäre", sagt Toni Kroos. Denn, kleiner Reminder für alle Jahresendentspannten (Sportler und Fans gleichsam): Es läuft ja immer noch das knallhärteste deutsche Fußballer-Casting ever.

Wie ist die DFB-Elf drauf?

Sie soll bitteschön etwas schneller spielen. Das hatte der Bundestrainer nach dem Duell in London gesagt. Schließlich denkt Löw jetzt schon nur an die WM, die in sieben Monaten in Russland beginnt: "Gegen eine so starken Gegner mit so einer starken Defensive muss man auch schon mal überfallartig aus dem Mittelfeld herausbrechen. Wir müssen nach Ballgewinn schneller umschalten. Das haben wir nicht getan, das ist verbesserungswürdig." Nun sei einmal dahingestellt, ob der jugendliche Gegner in Wembley wirklich so stark war. Die Franzosen aber dürften es sein. Von daher kommt das Testspiel heute ja ganz gelegen. Und so rutschen auch einige vermeintliche WM-Stammkräfte zurück ins Team: erwähnter Kroos nämlich und auch Sami Khedira. Im Tor erhält etwas überraschend Kevin Trapp eine Chance. Der PSG-Schnapper, aktuell nur Nummer zwei im Klub, wird sein zweites Länderspiel bestreiten: "Wir haben ein gutes Gefühl. Man merkt ihm im Training die fehlende Spielpraxis nicht an", sagt Löw.

Und selbst wenn, alles nicht so dramatisch. Denn Professor Bundestrainer verfolgt einen wissenschaftlich Plan, der sich nicht am Resultat orientiert. "Ich möchte auch eine Fehlerkultur zulassen. Aus diesen Fehlern kann man lernen." Sieben Monate vor der Mission Titelverteidigung setzt er für die drittletzte Bewährungsprobe - es folgen noch die Testspiele gegen Spanien (23. März) in Düsseldorf und vier Tage später gegen Brasilien in Berlin - vor der Kader-Nominierung auf die (für viele offenbar frustrierende, siehe unten) Maxime: Erkenntnisse sind wichtiger als Ergebnisse.

Was machen die Franzosen so?

Teuerster Spitzenfranzose: Kylian Mbappé
Teuerster Spitzenfranzose: Kylian Mbappé(Foto: dpa)

"Made in France" ist im Weltfußball derzeit das teuerste Gütesiegel, so schreiben es die Kollegen der Deutschen Presseagentur. Und ja, sie haben recht. Der Weltmeister von 1998 produziert im Akkord junge Spitzenkräfte für den internationalen Markt. Der dreht angesichts der Masse an Qualität seit Monaten völlig durch und überbietet sich mit Millionenüberweisungen - seit Sommer 2016 über 400 nur für die drei teuersten, Paul Pogba (Manchester United), Ousmane Dembélé (FC Barcelona, beide fehlen in Köln allerdings verletzt) und Kylian Mbappé (Paris St. Germain). Das ist irre, aber eben auch irre gut, wie der Bundestrainer weiß: "Frankreich ist eine Top-Nation in Sachen Ausbildung und hat in der Offensive eine unglaubliche Qualität", sagt Löw: "Sie können Spieler austauschen, und man findet immer noch Weltklasse." Fakten belegen das: Denn auch eine Stufe unter dem Millionen-Unsinn wird für französische Fußball-Wertarbeit einiges bezahlt. So wurde Corentin Tolisso in diesem Sommer durch den 41-Millionen-Euro-Wechsel zum FC Bayern zum teuersten Bundesliga-Spieler. In der Premier League ließ sich Manchester City Linksverteidiger Benjamin Mendy 57,5 Millionen kosten, der FC Arsenal zahlte 53 Millionen für Stürmer Alexandre Lacazette. Der FC Chelsea 40 Millionen für Tiemoué Bakayoko und 36 Millionen für N'Golo Kanté. Sie alle kosteten mehr als der teuerste deutsche Spieler in diesem Sommer, Antonio Rüdiger (für 35 Millionen Euro vom AS Rom zum FC Chelsea). "Auf dem Niveau habe ich so etwas selten gesehen. Eine sensationelle Mannschaft und für mich ein Top-Favorit für das WM-Turnier", schwärmt so auch Deutschlands Abwehrboss Mats Hummels in der "Bild"-Zeitung.

Was gibt's sonst noch so?

Das chronische Desinteresse an deutschen Testländerspielen erwischt nun auch Köln. Und das, obwohl mit Frankreich nun wirklich ein Gegner der allerhöchsten Spektakelkategorie vorbeischaut. Woran's liegt? Nun, an Köln sicher nicht, wie DFB-Chef Reinhard Grindel halb im Spaß (Fußball ist hier "halt derzeit nicht so angesagt") gemeint hatte. Vielleicht an der kurzen Vorverkaufsphase? Schon eher, aber so richtig taugt die zweite Grindel-Idee auch nicht. Schon näher dran an der Wahrheit scheint Löw: "Es finden so viele Spiele statt. Die Testspiele haben auch nicht mehr den ganz hohen Stellenwert wie früher." Vielleicht liegt's auch einfach am generellen Probiergedanken der Testduelle? Denn zuletzt, so deutete der Coach an, seien die Spiele ja auch selten ein Spektakel gewesen.

Rund 30.000 der 46.195 Tickets waren bis zum Montagabend verkauft. Deutet sich da etwa eine Abkehr von der so erfolgreichen Nationalmannschaft an? Nein, sagt Grindel: "Ich bin mir sicher, dass die Heimspiele gegen Spanien und Brasilien im März ausverkauft sein werden." Die liegen allein vom Termin attraktiver, weil näher an der WM im Sommer. Und es wird (annähernd) die Startelf für Russland zu sehen geben.

Quelle: n-tv.de

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