Fußball

Das Scheitern vorm großen Coup Schalke erlaubt sich Spiel, um zu lernen

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In der Nachspielzeit gibt Schalke die Tabellenführung aus der Hand.

(Foto: imago images/Uwe Kraft)

Hinten hält Alexander Nübel seine Schalker im Spiel, doch vorn lässt die Effizienz in der Partie gegen den 1. FC Köln zu wünschen übrig. Das rächt sich bitter - die Tabellenführung wird knapp verpasst. Doch das wissen alle pessimistisch-realistischen Fans natürlich schon vorher.

Es gibt drei unumstößliche Wahrheiten im Leben: Die Erde ist rund, draußen gibt's nur Kännchen und immer wenn die Schalker nach den Sternen greifen können, dann patzen sie. Immer. Die Großkopferten der Liga einschließlich des FC Bayern hatten am Nachmittag mit ihren Resultaten dafür gesorgt, dass der Traditionsverein aus Gelsenkirchen im Abendspiel der Fußball-Bundesliga gegen den 1. FC Köln die Gelegenheit bekam, mit einem Heimsieg erstmals seit dem 28. März 2010 die Tabellenführung zu übernehmen. Die Konstellation war so überaus günstig, die Vorfreude des gewaltigen blau-weißen Anhangs so groß, dass die Fallhöhe für die Kicker schon bei Spielbeginn immens war. Wie konnten sie also nicht scheitern.

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Hector trifft mitten in die Schalker Seele.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Sie scheiterten. Mit dem 1:1 (0:0)-Heimremis gegen den Kontrahenten aus dem Rheinland verpassten die Gelsenkirchener nicht nur der Sprung an die Spitze, sondern auch den fünften Sieg in Serie. Doch ungeachtet des Ergebnisses, das insofern ernüchternd war, weil der Ausgleich durch Jonas Hector erst in der Nachspielzeit fiel, hat sich der krisengeschüttelte Ruhrpottverein mit nunmehr 14 Zählern aus sieben Partien erst einmal von der Bürde der verkorksten Vorsaison frei gespielt. Das ist die offizielle Lesart. Doch wer die Schalker Seele kennt, der weiß, wie sehr dieses hochnervöse Umfeld die Tabellenführung herbeigesehnt hatte in den Stunden vor dem Anpfiff.

"Chancenverwertung war nicht gut"

Vielleicht aber hilft dieses Unentschieden dabei, die Erwartungen rund um den Schalker Markt nicht zu groß werden zu lassen. In drei Wochen ist Derbyzeit auf Schalke, dann kommt der ungeliebte Ballsportverein Borussia aus der verbotenen Stadt nach Gelsenkirchen. Nicht auszudenken, was passieren wäre, hätte die Siegesserie der Blau-Weißen auch diese Begegnung überstanden. "Wer jetzt in Euphorie verfällt, der braucht Tabletten", hatte S04-Coch David Wagner in der vergangenen Woche nach dem ebenso unerwarteten wie souveränen 3:1 beim Tabellenführer RB Leipzig gefordert. Diesmal sagte er: "Wir können nun darüber philosophieren, wie viele Torchancen wir vergeben haben. Unsere Chancenverwertung war nicht gut. Doch nichtsdestotrotz war das ein Resultat, das fair ist. Wir nehmen das Spiel, um weiter zu lernen".

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Nübel hält alle Kölner Versuche reaktionsschnell.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Ein Teil der Wahrheit ist: Die Angst spielte lange Zeit mit in den Köpfen und in den Beinen der Gastgeber. Und hätte nicht Torwart Alexander Nübel glänzend bei einem Kopfball von Kölns Kingsley Ehizibue reagiert (21.), wäre das Spiel wohl schon früh um einiges schwerer geworden. So aber blieb es lange Zeit ein zähes Ringen, in dem Geduld gefragt war. Schalke hatte deutlich mehr Ballbesitz, Köln jedoch die klareren Chancen, wie bei einem Kopfball von Simon Terodde (58.), einer weiteren Großchance von Kingsley Schindler (65.) und einer Riesenmöglichkeit von dem erst spät eingewechselten Antony Modeste. Nübel entschärfte sie allesamt reaktionsschnell, was ihm nach Spielschluss ein dickes Kompliment von seinem Gegenüber Timo Horn einbrachte. "Das freut mich zwar, ändert aber nichts daran, dass der Ärger über das späte Gegentor riesig ist", so der überragende S04-Keeper. "Das darf so nach einem Standard nicht passieren."

Großchancen nicht genutzt

Was Schalke bis dahin auf den Platz brachte, offenbarte einmal mehr die Schwierigkeit, das Spiel zu gestalten gegen einen Gegner der tief steht. Erst das Führungstor in der 72. Spielminute, von Suat Serdar per Kopf erzielt nach toller Vorarbeit von Bastian Oczipka und Salif Sané, löste den Knoten. Schalkes Geduld wurde belohnt, Ahmed Kutucu, Amine Harit und Guido Burgstaller hatten in der Folge Großchancen, das Match zu entscheiden.

Dass es am Ende anders kam, sollte aber die insgesamt höchst erfreuliche Zwischenbilanz der Schalker nicht schmälern. Der Mann, der für die Leistungsexplosion verantwortlich zeichnet, steht stellvertretend für den blau-Weißen Stilwechsel. David Wagner ist längst wieder da angekommen, wo er vor mehr als 20 Jahren einst aufgebrochen war. Die Fans haben ihn längst ins Herz geschlossen. Nicht wenige trauen ihm sogar zu, den wegen seiner Undiszipliniertheiten erst suspendierten, später in Ungnade gefallenen Nabil Bentaleb wieder auf Kurs zu bringen. Das aber ist derzeit von der Realität so weit entfernt wie ein Pinguin von der Wüste.

"Sehr ernster Zirkus"

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Harit hat sich ins Herz seines Trainers gespielt.

(Foto: imago images/Team 2)

Ein große Aufgabe hatte man ihm im Sommer prophezeit. Nicht, weil die Knappen eine schlechte Mannschaft unterhalten, sondern weil sie, so prognostizierten fast alle Experten, die Vorsaison wie einen bleischweren Rucksack durch die neue Serie tragen könnten. Die Mannschaft ist im Vergleich zur Vorsaison nur minimalinvasiv behandelt worden. Zum Großteil stehen jene Spieler auf dem Platz, die noch im Sommer 2018 als vermeintlich große Verstärkungen kamen, dann aber ein desaströses erstes Jahr auf Schalke erlebten. Omar Mascarell, Serdar, Sané oder Harit – alle vier hochbegabt, alle vier erst im Frühherbst dieses Jahres auf der Höhe ihrer fußballerischen Schaffenskraft. Einzig Mark Uth, der fünfte der so hoch gelobten Neuzugänge des vergangenen Sommers, ist weiter auf der Suche nach der Form vergangener Tage.

Serdar traf zum Führungstor, Mascarell avanciert immer mehr zum Schlüsselspieler auf der Sechs und Sané hält hinten den Laden zusammen. Am besten von allen macht es derzeit Harit. Der kleine Marokkaner sprüht vor Spielfreude und brachte es in den ersten sechs Begegnungen auf vier Tore und vier weitere Scorerpunkte. Das ist extrem erfreulich, weil der trickreiche Ankurbler in der vergangenen Saison nach einem Autounfall mit tödlichem Ausgang in einem mentalen Tief steckte und zudem nur schwer Fuß zu fassen schien in seiner neuen Heimat. Auch gestern war er unermüdlicher Antreiber, agierte aber ohne Fortune. "Fußball", sagte der 22-Jährige, "ist immer ein bisschen wie Zirkus." Und weiter: "Aber auf Schalke ist das ein sehr ernster Zirkus." So oder so: Der Weg der Gelsenkirchener in dieser Saison, wohin er auch führen mag, ist auf jeden Fall ein spannender.

Quelle: n-tv.de

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