Fußball

"Nur eins gekonnt: Bälle fangen" Toni Schumacher, das große Kind

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"Mädels fielen mir erst auf, als ich schon 18 Jahre alt war": Toni Schumacher mit der DFB-Elf bei der WM 1982 in Spanien.

Sein böses Foul am Franzosen Patrick Battiston und sein Buch "Anpfiff" kennt jeder. Doch dass der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter schon vor dem Start seiner Karriere fast aufgegeben hätte, wissen die wenigsten. Heute feiert Harald "Toni" Schumacher seinen 65. Geburtstag.

Toni Schumacher hat einmal erklärt, warum er Torhüter wurde: "Oben im Himmel gibt es den lieben Gott." Und seine Stellvertreterinnen auf Erden seien die Mütter. Und seine Mutter habe gesagt: "Ach, Harald, schaust du erschöpft aus und müde, sag mal, stell dich doch lieber ins Tor, such' dir einen ruhigeren Posten." Seine Gegner auf dem Platz werden seine Mutter dafür wohl eher weniger lieb gehabt haben. Frankfurts Ronald Borchers sagte einmal: "Wenn du in Tonis Strafraum kommst, wird das Tor immer kleiner. Du glaubst kaum an deine Chance und passt vor allem auf deine Knochen auf!"

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Dat "Liebchen" im Juli 1977.

Der Medienmanager Hans Rudolf Beierlein wusste Ende der achtziger Jahre sehr genau, wie er den Fußball zu einem Event machen konnte und wer sich als Zugpferd dafür am besten eignete: "Jeder Sport kann die Menschen faszinieren, wenn es gelingt, Stars aufzubauen. Sehen Sie sich doch einmal Toni Schumacher an! Der ist doch eine Figur, die regelrecht nach Entertainment schreit. Das ist nicht nur ein schlagfertiger Junge. Der hat auch Humor - und er ist ein Frauentyp. An den müsste einfach einer rangehen und etwas draus machen; nach dem Motto: Fußball ist Entertainment."

Toni selbst hat die Sache mit dem "Frauentyp" 1993 bei Karl Dall in seiner Sat.1-Sendung "Jux und Dallerei" ein wenig korrigiert: "Mädels fielen mir erst auf, als ich schon 18 Jahre alt war. Vorher hielt ich immer nur Bälle für die einzig runden Sachen!" Und recht bald danach war er auch schon fest vergeben, wie wohl er die Pirsch noch nicht ganz aufgegeben zu haben schien: "Geheiratet habe ich eine Frau mit kurzen blonden Haaren, obwohl mein Typ immer die Frau mit langem dunklem Haar war. Es kommt ganz drauf an, eine Bo Derek würde ich zum Beispiel nie verachten."

"Den Schumacher verschenk ich jetzt"

Dass er überhaupt einmal den Ratschlag ("Sie befahl mir: Sie sind ein Raubtier und jeder Ball, der kommt, ist ihre Beute. Den fressen Sie") von Frau Dr. Schreckling, Psychologin aus Köln, beherzigen konnte, verdankte der Mann aus Düren dem Missgeschick eines Bundesliga-Kollegen. Eigentlich war Schumachers fußballerisches Schicksal Mitte der siebziger Jahre schon besiegelt. Fünf lange Spielzeiten hatten sie sich in Köln seine schwankenden Leistungen ratlos angeschaut und still und leise gehofft, es würde irgendwann der große Durchbruch kommen. Doch nichts geschah. Schließlich kam der Tag, an dem Trainer Hennes Weisweiler entnervt aufgab und endgültig entschied: "Den Schumacher verschenk ich jetzt. Ich will ihn nicht mehr sehen!"

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Empfang im Frankfurter Römer: Platz zwei bei der WM 1986 in Spanien.

Schumacher sackte in sich zusammen. Sein Traum von der großen Torhüter-Karriere schien ausgeträumt, noch ehe sie richtig begonnen hatte: "Ich lag im Bett und sagte mir dauernd: Mein Gott, keiner nimmt dich mehr." Innerlich aufgewühlt erinnerte er sich zurück an die Zeit, als ihn seine Eltern bei den ersten Torwart-Einheiten mit Kissen und Sofa im heimischen Wohnzimmer liebevoll ermunterten: "Liebchen, mach mal den Herkenrath." Der war in den fünfziger Jahren Deutscher Meister und Pokalsieger geworden und diese Triumphe sollte das kleine "Liebchen" Harald nach dem Willen der Eltern auch einmal erringen.

Den erfolgshungrigen, vor Energie und Selbstvertrauen strotzenden Keeper der achtziger Jahre gab es damals noch nicht. Fast fahrlässig war Schumacher all die Jahre mit seinem Talent umgegangen. Doch das Schicksal meinte es gut mit dem kölschen "Tünn". Da sich in Berlin kurz vor Ende der Spielzeit der für die neue Saison auserkorene Torwart Norbert Nigbur beim Mittagessen (!) den Meniskus einklemmte und Schumacher plötzlich groß aufspielte, besann sich Weisweiler überraschend eines Besseren und klopfte dem Kölner Torhüter anerkennend auf die Schulter: "Jung’, du bleibst, du bist jetzt mein Mann!"

"Bis dahin war ich eine Wurst!"

Wenn Schumacher sich an diese Zeit erinnert, wird ihm immer noch bewusst: "Bis dahin war ich eine Wurst!" Von nun an aber rackerte der Kölner Keeper wie ein Wilder. Sein Motto: "Schmerz ist Einbildung!" Zum Beweis ließ er sich von seiner Frau eine brennende Zigarette auf dem Unterarm ausdrücken. Natürlich ohne das Gesicht dabei zu verziehen. Schumacher trainierte wie ein Besessener. Im Keller hing ein Boxsack von der Decke, auf den er so lange einschlug, bis die Hände blutig waren. Hatte er einen Fehler - wie im WM-Finale 1986 in Mexiko - gemacht, dann klebte er sein eigenes Konterfei an den Sandsack und prügelte unerbittlich auf sich ein. Denn einer Sache war sich der große Schumacher immer bewusst: "Irgendwann gebe ich mal den Löffel ab und hab nur eines gekonnt: Bälle fangen!"

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Der Mann, der damals nach seinem Wechsel zu Fenerbahçe am Bosporus für Furore sorgte und Sätze sagte wie "Der Deutsche ist der ideale Türke" oder "Türkei ist wie Schalke", verabschiedete sich mit diesen feinen Gedanken in den Ruhestand: "Vielleicht ist unser Sport so etwas wie eine verlängerte Pubertät. Profis sind wie Kinder mit zu viel Taschengeld. Aber wir ermöglichen den Zuschauern an jedem Wochenende eine Rückkehr in ihre eigene Kindheit. Mit dem Risiko, dass wir Profis selber immer große Kinder bleiben." Das große Kind, das so viel in seinem Leben erlebt hat, feiert heute seinen 65. Geburtstag. Alles Gute, Harald "Toni" Schumacher!

Quelle: n-tv.de