Fußball

Zwei Tore für 59 Millionen Euro Torres trifft, doch England lacht

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Der torlose Torres gibt Fußball-England Rätsel auf. Auch sich selbst.

(Foto: REUTERS)

Die Ablöse für Fernando Torres war mit 59 Millionen Euro exorbitant, seine Bilanz beim FC Chelsea ist verheerend. Zwei Treffer hat der spanische Torjäger erst erzielt, zu wenig bei 24 Einsätzen. Auch ein Klassetor gegen Manchester United lässt die Kritik nicht verstummen - weil Torres kurz darauf wieder nicht trifft. Aus sechs Metern. Ins leere Tor.

Das Fachmagazin "Kicker" hat sich in dieser Woche Fußballern gewidmet, denen in ihrer Karriere ein fatales Missgeschick unterlaufen ist: Der Wechsel zum falschen Klub. Fernando Torres war nicht dabei. Der 27-jährige Spanier hat aber gute Chancen, es in eine mögliche Fortsetzungsgeschichte zu schaffen.

In England wird längst intensiv diskutiert, ob Torres als größter Fehlkauf in die nationale Fußballgeschichte eingehen wird. 59 Millionen Euro hat der FC Chelsea im Januar 2011 für Torres an den FC Liverpool überwiesen. Im festen Glauben, für die britische Rekordablöse einen der besten Torjäger der Welt zu erwerben. Bekommen hat Chelsea einen Spieler, der aussieht wie Torres, aber so glücklos auftrat wie Edmond Kapllani in der Saison 2008/09.

"Horror miss" schlägt Klassetor

Zwei Treffer in 24 Einsätzen haben Chelsea nicht zu Meisterschaft und Champions-League-Triumph geschossen, aber für jede Menge Spott gesorgt. Das Verhängnisvolle an Torres' Krise ist inzwischen, dass ihm auch Tore nicht mehr helfen. Am Sonntag hat der Spanier endlich wieder getroffen, sogar gegen Meister Manchester United. Es war ein Klassetor aus spitzem Winkel, Chelseas einziges Tor beim 1:3. Und trotzdem lachten anschließend alle nur über den Treffer, den der Spanier nicht gemacht hatte.

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Blankes Entsetzen bei Fernando Torres, Schadenfreude bei den United-Fans.

(Foto: REUTERS)

Als "Horror miss" beschrieb die BBC die Szene in der 83. Minute, als der Spanier United-Keeper David de Gea routiniert ausspielte - nur um den Ball dann aus sechs Metern am leeren Tor vorbeizuschießen. Dass Torres richtig stark gespielt und an die Glanztage in Liverpool erinnert hatte, war mit dieser Sekunde vergessen. Zurück blieben ein am Boden kauernder Stürmer und vor fassungsloser Schadenfreude verzerrte Gesichter der United-Fans. Und youtube-Videos mit Titeln wie "Fehlschuss des Jahrtausends".

"So etwas passiert im Fußball. Was er von diesem Spiel mitnehmen sollte, ist, dass er wirklich gut gespielt und ein großartiges Tor geschossen hat", tröstete Chelsea-Keeper Petr Cech seinen Teamkollegen in der BBC: "Ich sehe jedes Mal, dass es besser wird. Ich mache mir keine Sorgen darüber, er wird Tore schießen."

Schlechter als Schewtschenko

Statistiker haben längst nachgezählt, dass Torres sogar Andrej Schewtschenko unterboten hat. Der Ukrainer war 2006 nach London gewechselt, für 30 Millionen Pfund, und gilt als größter Transferflop der "Blues". Aber der Ukrainer traf in seinen ersten 21 Spielen für Chelsea immerhin sechs Mal – obwohl er bereits 30 war und an den gemächlicheren Fußball in Italiens Serie A gewöhnt, nicht an den physischen Hochgeschwindigkeitsfußball in England.

Torres ist 27 und hat in Liverpool bewiesen, dass er es in der englischen Premier League kann. In seiner Debütsaison 2007/08 erzielte er 24 Treffer, nie war ein ausländischer Spieler besser in England gestartet. Im Dezember 2009 gelang ihm in seinem 72. Ligaspiel bereits sein 50. Tor – Vereinsrekord beim 18-maligen englischen Meister, für den Legenden wie Ian Rush und Kenny Dalglish stürmten. Im EM-Finale 2008 war er Spaniens Siegtorschütze gegen Deutschland.

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Akrobatisch, aber nicht erfolgreich: Torres hat seinen Torinstinkt in Liverpool gelassen.

(Foto: dpa)

Beim FC Chelsea klappt es nicht. In seinen ersten 14 Ligaspielen gelang es Torres nur in drei Partien, überhaupt Schüsse aufs Tor zu bringen. Als er in seinem 14. Pflichtspiel für die "Blues" gegen West Ham United seinen ersten Treffer erzielte und auf der Website hasfernandotorresscoredforchelsea.com endlich ein großes "YES" erschien, waren 732 Minuten vergangen. Die Chelsea-Fans trugen zur Feier des Tages T-Shirts mit dem Slogan "Ich war da, als Torres getroffen hat" - die anschließend wieder in der Mottenkiste verschwanden, weil der Knoten trotzdem nicht platzte. Torres arbeitet und setzt seine Teamkollegen ein, aber er trifft selbst zu selten und in der Champions League gar nicht, auch nicht gegen Bayer Leverkusen.

Die Stimmung kippt, nicht das Spiel

Auch nach Torres' erstem Saisontor gegen Manchester United wollte bei Chelsea niemand feiern. Da war ja dieser Fehlschuss in Minute 83. Das verpasste Tor zum 2:3, das die Partie vielleicht noch einmal gekippt hätte. So kippte die Stimmung gegen Torres, der es in der EM-Qualifikation jüngst nicht einmal mehr in Spaniens Kader geschafft hatte.

Zurück blieben der Hohn der gegnerischen Fans und Solidaritätsadressen der Teamkollegen. Und der Eindruck, dass Torres nicht mehr nur gegen die gegnerischen Abwehrreihen kämpft, sondern auch gegen sich selbst, weil er derzeit auch aus Erfolgserlebnissen kein Selbstvertrauen ziehen kann. Das Tor-Phänomen Torres bleibt im Chelsea-Trikot ein Rätsel. Der Kopf spielt nicht mit.

"Ich bin 27. Ich habe nicht vergessen, wie man Tore schießt", hatte Torres vor der Saison im "Guardian" erklärt und angekündigt: "Ich werde wieder treffen." Der "Kicker" kann warten, sollte das heißen. Aber kann er wirklich?

Quelle: ntv.de